ZuWi · Kapitel 4/9

Wirtschaftspolitische Leitbilder

Teil 2 · Leitbilder & Konzepte17 Min. LesezeitRelevanz ★★★
Auf einen Blick
  • Leitbilder sind Idealtypen auf Basis einer prä-analytischen Vision (Schumpeter): Marktliberalismus, Wohlfahrtskapitalismus, Postwachstum.
  • Marktliberalismus: negative Freiheit, Marktgerechtigkeit, Shareholder Value (Friedman), schwache Nachhaltigkeit; die radikale Variante lehnt Nachhaltigkeit als nicht messbar ab.
  • Wohlfahrtskapitalismus: Absicherung für alle, Teilhabegerechtigkeit (Daseinsvorsorge), Stakeholder-Verantwortung, schwache Nachhaltigkeit mit grünem Wachstum und gerechtem Übergang.
  • Postwachstum: gutes Leben, selektives Schrumpfen, Suffizienz, Umwelt- und Teilhabegerechtigkeit (Mitbestimmung), starke Nachhaltigkeit.
  • Relative Entkopplung: weniger Verbrauch pro Einheit. Absolute: Verbrauch sinkt trotz Wachstum. Letzteres ist langfristig nicht nachgewiesen; der Rebound-Effekt wirkt dagegen.
  • Acht Gerechtigkeitskonzepte: Markt, Leistung, Chancen, Bedürfnis, Teilhabe, Geschlecht, Umwelt, Klima. Teilhabe erweitert Bedürfnis und Chancen.
  • Moderate Marktliberale setzen auf Kostenwahrheit und Technologieneutralität, radikale (Österreichische Schule, Hayek) auf freie Märkte ohne Planung.
Inhalt9 Abschnitte
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Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.

1 Leitbilder verstehen ★★

Ein Leitbild bündelt eine bestimmte Sicht auf Wirtschaft, Gesellschaft und Natur zu einem Gesamtbild. Es erklärt, warum Menschen bei denselben Problemen (Klimakrise, Teuerung) zu ganz verschiedenen Lösungen greifen.

Idealtypen

Idealtypus: Eine bewusst vereinfachte, zugespitzte Bündelung von Denkstilen, die wesentliche Merkmale hervorhebt und ordnet.

Es gibt drei Leitbilder: Marktliberalismus, Wohlfahrtskapitalismus, Postwachstum. In der Wirklichkeit gibt es Mischformen. Echte Parteien oder Personen weichen von den reinen Typen ab.

Jedes Leitbild gibt seinen Befürworter:innen einen gemeinsamen normativen Horizont (was soll sein?) und Orientierung: gemeinsame Ziele, Konzepte, Methoden und Lösungsvorschläge.

Prä-analytische Vision

Prä-analytische Vision: Das Vorverständnis oder die „Weltsicht“, die Menschen schon mitbringen, bevor sie zu forschen beginnen (Begriff von Joseph Schumpeter).

Sie bleibt meist unbewusst. Trotzdem prägt sie, was untersucht wird, welche Fragen gestellt werden und wie geforscht wird. Darum ist es wichtig, sie offenzulegen.

Einfach erklärt: Zwei Menschen tragen verschiedene Brillen. Beide schauen auf dieselbe Straße, sehen aber Unterschiedliches. Die prä-analytische Vision ist die Brille, die man aufsetzt, ohne es zu merken.

Die vier Beschreibungsaspekte

Jedes Leitbild wird anhand derselben vier Punkte beschrieben. So lassen sie sich vergleichen:

1prä-analytische Vision und prägende Theorieschulen
2Gerechtigkeitsverständnis
3unternehmerische Verantwortung
4Nachhaltigkeitsverständnis

Prüfungsfallen:

Leitbilder sind Idealtypen, keine exakten Abbildungen von Parteien oder Personen.
Theorieschulen lassen sich nicht eindeutig einem einzigen Leitbild zuordnen. Die Umweltökonomik prägt etwa den moderaten Marktliberalismus und den grünen Wohlfahrtskapitalismus.
Die prä-analytische Vision kommt vor der Forschung und ist meist nicht bewusst.
VertiefungWarum drei Brillen nützlich sind

Kein Leitbild allein liefert „die“ Lösung. Jedes betont etwas Wichtiges und blendet anderes aus.

Der Wohlfahrtskapitalismus hat ökologische Fragen lange ausgeblendet. Das rächt sich heute.
Die Marktliberalen dominierten Jahrzehnte lang Wissenschaft und Politik. Seit Pandemie und Energiekrise stehen sie unter Rechtfertigungsdruck.
Dem Postwachstum fehlt oft eine Strategie für das Hier und Jetzt.

2 Gerechtigkeit: Markt, Leistung, Chancen, Bedürfnisse, Teilhabe ★★★

Was „gerecht“ ist, beantworten die Leitbilder unterschiedlich. Es gibt acht Konzepte. Sie gehören zu den häufigsten Prüfungsthemen.

Marktgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit

Marktgerechtigkeit: Gerecht ist, was am Markt als Preis erzielt wird.

Leistungsgerechtigkeit: Die Entlohnung richtet sich nach dem Beitrag, den eine Person tatsächlich leistet.

Leistung ist aber schwer messbar. Vieles, etwa unbezahlte Pflege von Angehörigen, passiert außerhalb des Marktes. Deshalb wird Leistungsgerechtigkeit in der Praxis oft als Marktgerechtigkeit umgesetzt.

VertiefungGrenzproduktivität: Wie die Neoklassik Marktgerechtigkeit misst

Die Neoklassik misst Marktgerechtigkeit mit der Grenzproduktivität der Arbeit: Ein Lohn gilt als gerecht, wenn er dem Beitrag zum Unternehmensgewinn entspricht. Ob etwas gesellschaftlich wichtig ist, spielt keine Rolle. Es zählt nur, was nachgefragt und bezahlt wird.

Chancen-, Bedürfnis- und Teilhabegerechtigkeit

Chancengerechtigkeit: Alle sollen gleiche Startchancen haben, damit ihre Leistung am Markt fair bewertet wird.

Gemeint ist formale (rechtliche) Gleichheit: Diskriminierung bei Recht und Marktzugang ist verboten. Antidiskriminierungsgesetze sind der Kern, kein Gegenspieler.

Bedürfnisgerechtigkeit: Die Grundbedürfnisse sind gedeckt.

Sie ist eng definiert (kein Hunger, keine absolute Armut) und eher passiv: Güter und Dienste gehen an jene, die sich nicht selbst am Markt versorgen können.

Teilhabegerechtigkeit: Erweiterung von Bedürfnis- und Chancengerechtigkeit: Ungleiche Ausgangslagen werden ausgeglichen, und alle haben gleiche Möglichkeiten, am Gemeinwesen teilzuhaben und mitzugestalten.

Teilhabe heißt positive Freiheit: echte Möglichkeiten, das eigene Leben gut zu gestalten. Sie schafft Verwirklichungschancen bei Arbeit, Einkommen, Gesundheit und Bildung. Zugang soll universell und in guter Qualität bestehen, besonders bei Grundversorgung und Alltagsökonomie.

Prüfungsfallen:

Wenn alle in einen gemeinsamen Topf einzahlen und alle daraus versorgt werden, ist das Bedürfnis- und nicht Leistungsgerechtigkeit.
Gleicher Zugang zu Bildung, Gesundheit und Wohnen gehört zur Teilhabegerechtigkeit, nicht zur Marktgerechtigkeit.

3 Gerechtigkeit: Geschlecht, Umwelt, Klima und Überblick ★★★

Die drei weiteren Konzepte bauen auf den ersten fünf auf. Zum Schluss steht eine Übersicht aller acht.

Geschlechter-, Umwelt- und Klimagerechtigkeit

Geschlechtergerechtigkeit: Sie ist eine Spielart der Chancen- und der Teilhabegerechtigkeit und gleicht ungleiche Ausgangslagen der Geschlechter aus.

Als Chancengerechtigkeit: z. B. Frauenquoten (positive Diskriminierung), um historisch gewachsene Nachteile zu kompensieren.
Als Teilhabegerechtigkeit: z. B. leistbare Betreuungs- und Pflegeangebote, die die ungleiche Last der Sorgearbeit verringern.

Umweltgerechtigkeit: Gerechte Verteilung von Umweltbelastungen und gesundheitsfördernden Umweltgütern (z. B. Grünflächen).

Der Brundtland-Bericht (1987) ergänzte zwei Dimensionen:

intergenerationell: zwischen heute Lebenden und künftig Geborenen
global (intragenerationell): zwischen globalem Norden und Süden

Klimagerechtigkeit: Das aktuell am häufigsten verwendete Konzept: Alle tragen Verantwortung für sinkende Emissionen, der globale Norden aber eine größere.

Grundlage ist das Pariser Klimaabkommen: Der Norden hat in der Vergangenheit mehr CO₂ ausgestoßen. Reiche Länder sollen ihre Emissionen daher schneller senken als ärmere.

VertiefungWoher der Begriff Umweltgerechtigkeit stammt

Der Begriff entstand aus der Kritik, dass in den USA vor allem ärmere afroamerikanische Wohngegenden belastet wurden (Mülldeponien, Autobahnen).

Überblick mit eigenen Beispielen

KonzeptKernideeBeispiel
MarktMarktpreis = gerechtGefragter Streamer verdient mehr als Kindergartenpädagogin
LeistungLohn nach BeitragWer doppelt so viele Torten backt, bekommt doppelt so viel
ChancenGleiche Startlinie, formale GleichheitVerbot, Bewerbungen wegen Alter auszusortieren
BedürfnisGrundbedarf für BedürftigeSuppenküche für Menschen ohne Einkommen
TeilhabeZugang und Mitbestimmung für alleLeistbares Öffi-Ticket, Mitsprache im Grätzel
GeschlechtChancen + TeilhabeQuote im Vorstand, Gratis-Kinderbetreuung
UmweltBelastungen fair verteilenKeine Müllanlage nur in einkommensschwachen Vierteln
KlimaNorden trägt mehr LastReiche Staaten senken Emissionen schneller

Einfach erklärt: Stell dir eine Bäckerei-Betriebsfeier vor. Jede:r isst nur die Torten, die er oder sie selbst gebacken hat = Leistungsgerechtigkeit. Alle backen zusammen, damit sich jede:r satt essen kann = Bedürfnisgerechtigkeit. Alle dürfen außerdem mitentscheiden, was gebacken wird = Teilhabegerechtigkeit.

Prüfungsfallen:

Umweltgerechtigkeit und Klimagerechtigkeit sind nicht dasselbe. Klimagerechtigkeit ist die aktuell häufigste Form, Umweltgerechtigkeit ist weiter gefasst.
Ein Leitbild ist nicht an genau ein Gerechtigkeitskonzept gebunden. Es hat einen Schwerpunkt und akzeptiert weitere Konzepte.
Positive Diskriminierung (z. B. Quoten) ist ein Mittel der Chancen- bzw. Teilhabegerechtigkeit, kein Verstoß dagegen.
VertiefungWie die Konzepte zusammenhängen
Chancengerechtigkeit sorgt für die Startlinie, Leistungs- und Marktgerechtigkeit bewerten das Ergebnis.
Bedürfnisgerechtigkeit ist das enge Auffangnetz.
Teilhabegerechtigkeit erweitert Bedürfnis- und Chancengerechtigkeit: Sie ist weiter (Mitbestimmung, gute Qualität) und aktiver.
Geschlechtergerechtigkeit ist keine eigene Welt, sondern eine Spielart von Chancen- und Teilhabegerechtigkeit.

4 Marktliberalismus ★★★

Hier steht die individuelle Freiheit im Mittelpunkt, und zwar als Freiheit von Zwang. Der Markt gilt als beste Institution, diese Freiheit zu verwirklichen.

Vision

Negative Freiheit: Freiheit als Abwesenheit von Zwang, vor allem von staatlichem Zwang.

Andere Institutionen als der Markt sind nur akzeptiert, wenn der Markt ein Problem nicht selbst löst (Marktversagen). Der Staat wird als Zwangsmaschinerie gesehen, deren Zugriff aufs Privatleben möglichst klein bleiben soll.

VertiefungEntstehung im 18. Jahrhundert

Das Leitbild entstand im 18. Jahrhundert im Widerstand gegen ständische Vorrechte von Adel und Grundbesitzern, die durch Geburt begründet waren.

Zwei Varianten

Radikale Variante: orientiert an der Österreichischen Schule der Nationalökonomik.

Planung und Expertenwissen gelten als menschliche Selbstüberschätzung.
Der Markt ist eine „Informationsverarbeitungsmaschine“, die knappe Ressourcen besser zuteilt als Planende.
Der Staat schützt Marktordnung und wirtschaftliche Freiheit auch vor demokratisch legitimierten Eingriffen.
Hayek erlaubt nur „Planung zum Zweck des Wettbewerbs“.

Moderate Variante: geprägt von der neoklassischen (Umwelt-)Ökonomik.

Staatliche Eingriffe sind bei Marktversagen nötig.
Gemeingüter wie Luft und Wasser sollen einen Preis bekommen.
Kostenwahrheit entsteht, wenn externe Effekte internalisiert werden. Externe Effekte sind Kosten, die Dritte tragen (z. B. Abgase), und sie sollen im Preis des Verursachers landen.
Innovationspolitik ist technologieneutral: Der Staat gibt Ziele vor, der Markt „entscheidet“, welche Technologie gewinnt.

Wirtschaftspolitik

Kommodifizierung: Bisher „wertlose“ Güter und Dienste bekommen einen Preis und werden handelbar (z. B. Emissionshandel, Vermietung privater Zimmer).
Angebotsorientiert: Produktionskosten und Unternehmenssteuern senken, damit mehr Gewinn mehr Investitionen und Arbeitsplätze bringt.
Löhne gelten vor allem als Kostenfaktor.
Öffentliche Einrichtungen gelten als ineffizient. Auch die Daseinsvorsorge soll durch Liberalisierung und Privatisierung dem Wettbewerb ausgesetzt werden.
Bestimmender Wirtschaftsbereich ist die weltmarktorientierte Ökonomie.
Zukunftsfähige Entwicklung ergibt sich aus der Summe der individuellen Konsumentscheidungen (Präferenzen).

Gerechtigkeit und Verantwortung

Im Zentrum steht die Marktgerechtigkeit. Der Markt bewertet, nicht die Gesellschaft.

Shareholder Value: Unternehmen sollen kurzfristig Erträge für die Anteilseigner:innen maximieren.

Milton Friedman: Die Verantwortung eines Unternehmens ist der eigene Gewinn. Soziales und Ökologisches erledigen Fachleute, Sozialeinrichtungen und NGOs. Freiwillige Spenden sind erlaubt.

VertiefungChancen, Bedürfnisse und ein Nachteil der Marktgerechtigkeit
Über die unterschiedliche Wichtigkeit von Wirtschaftsbereichen (etwa „systemrelevant“ in der Pandemie) lässt sich nach der Marktgerechtigkeit nicht objektiv urteilen. Am Markt zählen nur subjektive Vorlieben der Teilnehmenden.
Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit werden akzeptiert, aber als diskriminierungsfreier Marktzugang. Bedürfnisgerechtigkeit gilt nur eng, z. B. für Menschen, die nicht erwerbsfähig sind.
Friedman: Wettbewerbsfähig zu bleiben ist das Beste, was ein Unternehmen für Beschäftigte, Eigentümer:innen und Kundschaft tun kann.

Nachhaltigkeit

Radikal: Nachhaltigkeit sei nicht operationalisierbar (nicht messbar) und wird abgelehnt. Wo möglich sollen Eigentumsrechte an Natur geschaffen werden. Marktinterventionen für den Umweltschutz werden abgelehnt.
Moderat: schwache Nachhaltigkeit. Naturkapital, Humankapital und Sachkapital lassen sich über einen gemeinsamen Maßstab, Geld, vergleichen und gegeneinander austauschen. Dazu kommt grünes Wachstum durch Entkopplung.

Prüfungsfallen:

Auch Marktliberale beschäftigen sich mit Umwelt: die moderate Variante über Kostenwahrheit und Umweltökonomik.
Staatliche Sicherung der Grundbedürfnisse über Steuern ist kein typisch marktliberaler Standpunkt.
Verzicht gilt als individuelle Entscheidung, Verbote als zu weitgehender Eingriff.
Technologieneutral heißt: Es werden keine Technologien gezielt bevorzugt oder verboten.
Dogmatischer Vorrang für Marktlösungen, wie oft in der radikalen Variante, kann zur Gefahr für die Demokratie werden.
VertiefungVertreter in Österreich

Hayek Institut und der Think-Tank Agenda Austria.

5 Wohlfahrtskapitalismus ★★★

Hier geht es um materielle und soziale Absicherung sowie Aufstiegschancen für möglichst alle. Der Staat gilt als zentraler Akteur.

Vision und Vorbild

Vorbild ist die relativ stabile Phase 1945 bis ca. 1973, vor allem in Nordwesteuropa und Nordamerika. Damals gelang es, höhere Produktionseffizienz mit sozialer Absicherung zu verbinden.

Daraus folgt der Glaube: Die Ökoprobleme des 21. Jahrhunderts lassen sich mit denselben Mitteln lösen, mit denen der Sozialstaat den Kapitalismus „zivilisiert“ hat. Gesucht werden rationale Lösungen durch Fachleute, Technik und Wissenschaft.

Theorie und Wirtschaftspolitik

Im Zentrum steht der Mainstream-Keynesianismus. Dazu kommen:

Neoklassik und Umweltökonomik (Marktversagen korrigieren über das Verursacherprinzip: Wer die Belastung verursacht, zahlt)
Entwicklungsökonomik
Sozioökonomik

Was der Staat tut:

Er legt die Regeln einer gemischten Wirtschaftsordnung fest.
Er organisiert eine öffentliche Grundversorgungsökonomie (Wasser, Gesundheit, Öffis, sozialer Wohnbau, Schulen).
Nachfrageorientiert gegen Krisen, Finanzmärkte regulieren, Einkommen und Vermögen umverteilen.
Vollbeschäftigung ist das oberste Ziel, denn sie sichert sozialen Zusammenhalt und demokratische Ordnung.
VertiefungWachstum und Sozialpartnerschaft

Wachstum soll Verteilungskonflikte entschärfen: Bei einem wachsenden „Kuchen“ muss niemand etwas abgeben. Die Sozialpartnerschaft (Wirtschaftskammer und Gewerkschaft bzw. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände) macht den Ausgleich zwischen Kapital- und Arbeitsinteressen zur festen Einrichtung.

Zwei Varianten

Traditionell: Soziales und Ökologisches sind offiziell beide wichtig. Praktisch bleibt die Ökologie zweitrangig, wenn kurzfristig Arbeitslosigkeit oder Teuerung drängen (z. B. Ruf, die CO₂-Steuer auszusetzen).
Grün: Ökologie ist gleich wichtig wie Soziales. Für Vollbeschäftigung braucht es Wachstum, für die Umwelt grünes Wachstum und ökologische Modernisierung durch Effizienz und neue Technologien.

Gerechtigkeit und Verantwortung

Im Zentrum steht die Teilhabegerechtigkeit, besonders der Zugang zur Daseinsvorsorge. Gesundheit, Bildung und Wohnen sind soziale Rechte, unabhängig von der Zahlungsfähigkeit.

Stakeholder-Verantwortung: Unternehmen sind gegenüber allen verantwortlich, mit denen sie zu tun haben.

Gemeint sind Kundschaft, Belegschaft, Lieferfirmen und Anrainer:innen. Wer sie vernachlässigt, gefährdet den eigenen langfristigen Erfolg. Freiwilligkeit reicht aber nicht aus. Es braucht Gesetze und Strafen, damit verantwortliches Wirtschaften zur Regel wird.

VertiefungWohlstandsbegriff und Gleichstellung

Wohlstand wird nicht auf individuelle Präferenzen verkürzt. Maßstab sind Verwirklichungschancen und menschliche Bedürfnisse. Dazu gehört auch Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit, etwa durch öffentliche Kinderbetreuung.

Nachhaltigkeit

Schwache Nachhaltigkeit und grünes Wachstum, wie im moderaten Marktliberalismus.
Aber mit gezielter Industrie-, Technologie- und Innovationspolitik und starken öffentlichen Einrichtungen (z. B. gemeinwirtschaftlichen Betrieben).
Gerechter Übergang (just transition): Verteilungswirkungen beachten und Verlierer:innen des Wandels entschädigen.

Kritik: Wohlstand bleibt von Wachstum und hohem Ressourcenverbrauch abhängig.

Prüfungsfallen:

Im Zentrum steht die Teilhabegerechtigkeit, nicht die Marktgerechtigkeit.
Massenkonsum sichert aus dieser Sicht Arbeitsplätze, soll aber auf grünem Wachstum beruhen.
Der Staat gestaltet aktiv mit. Das ist der Gegensatz zur marktliberalen Zurückhaltung.
Auch die grüne Variante hält am Wachstum fest. Sie will es nur ökologischer machen.
VertiefungVertreter in Österreich

Die Sozialpartner, allen voran die Arbeiterkammer.

6 Postwachstum ★★★

Die Vision ist ein gutes Leben unter neuen Mensch-Natur-Verhältnissen. Das Leitbild kritisiert den Wachstumszwang und fordert, bestimmte Bereiche gezielt zu verkleinern.

Grundgedanke

Es ist das einzige Leitbild, das den Widerspruch zwischen unbegrenztem Wachstum und ökologischen Grenzen zum Thema macht.

Selektives Schrumpfen: Manche Bereiche müssen schrumpfen, andere dürfen wachsen (z. B. erneuerbare Energie, Sorgearbeit).

Das Schrumpfen soll zuerst im globalen Norden beginnen. Begründung: Eine ausreichende, dauerhafte absolute Entkopplung ist bisher nicht nachweisbar und käme voraussichtlich zu spät für die Klimaziele.

Sieben Formen der Kritik

1Ökologische: gegen den Technikoptimismus (rasche absolute Entkopplung).
2Sozioökonomische: Mehr Wachstum erhöht im Norden die Lebensqualität nicht mehr.
3Kulturelle: Wachstumszwang führt zu Entfremdung von sich selbst und der Mitwelt.
4Kapitalismuskritik: Wachstum hängt von Ausbeutung ab.
5Feministische: Wachstum beruht auf unbezahlter, abgewerteter Haus-, Pflege- und Sorgearbeit.
6Industrialismuskritik: Die industrielle Produktionsweise übernutzt Natur systematisch.
7Süd-Nord-Kritik: Ausbeutung ärmerer Länder und billiger Arbeitskräfte.
VertiefungEntstehung, imperiale Lebensweise und Wurzeln

Postwachstum entstand als Kritik am Wohlfahrtskapitalismus. Dieser brachte Wohlstand, aber auch die Große Beschleunigung nach 1945, also das außerordentliche Wachstum von Wirtschaft und Ressourcenverbrauch. Außerdem gilt der Expertenfokus als zu technokratisch.

Dazu passt der Begriff imperiale Lebensweise (Brand und Wissen): eine Lebensweise, die nur funktioniert, weil andere (v. a. im globalen Süden) die Kosten tragen.

Inspiriert ist das Leitbild von ökologischer, feministischer und marxistischer politischer Ökonomik, der Sozioökonomik und teilweise vom Post-Keynesianismus. Die Ursache der Nicht-Nachhaltigkeit liegt aus seiner Sicht im ausbeuterischen Umgang mit Natur und in einer kapitalistischen Wirtschaft, die auf Wachstum angewiesen ist.

Zwei Varianten

Zivilgesellschaftlich-anarchistisch:

Setzt auf soziale Bewegungen, Gemeinschaftsprojekte und Experimente „von unten“, oft in Nischen.
Leistet Widerstand gegen Fehlentwicklungen und lebt Alternativen vor.
Misstraut dem Staat, denn er stabilisiere Wachstum und Herrschaftsverhältnisse. Er soll eher entmachtet werden.

Pragmatisch-institutionell:

Verbindet kurzfristig Pragmatik mit einem radikalen Zielhorizont.
Knüpft an bestehende Institutionen an, baut die Grundversorgungsökonomie aus und andere Bereiche zurück.
Der Staat ist wichtig (Klimaschutzgesetz, sozialökologische Steuerreform, Klimaticket). Ziel ist ein Postwachstumsstaat.

Leitprinzipien

Suffizienz: Genug-Haben im doppelten Sinn: nicht zu wenig, nicht zu viel.

Ein gutes Leben ruht auf drei Säulen:

kollektiv bereitgestellte Grundversorgung
Fokus auf Wohlbefinden
Zeitwohlstand: weniger Erwerbsarbeit, mehr freie Zeit für anderes

Gerechtigkeit, Verantwortung, Nachhaltigkeit

Gerechtigkeit: Im Zentrum stehen die Umweltgerechtigkeit (inklusive Klimagerechtigkeit) und die Teilhabegerechtigkeit mit Schwerpunkt Mitbestimmung. Es geht immer um Umverteilung zwischen Generationen, Klassen und Ländern.

Verantwortung: Unternehmen tragen planetare Verantwortung, auch gegenüber künftigen Generationen und Menschen in anderen Weltregionen. Gewinn und Wachstum sind kein Selbstzweck.

Starke Nachhaltigkeit: Der Mensch ist Teil der Natur. Wirtschaft stößt an absolute ökologische Grenzen. Natur und menschengemachtes Kapital sind nicht austauschbar, denn Kapital lässt sich meist wiederherstellen, zerstörte Natur oft nicht.

Prüfungsfallen:

Die Überzeugung „Unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten geht nicht“ gehört zum Postwachstum.
Postwachstum heißt nicht, alles schrumpfen zu lassen. Bereiche wie erneuerbare Energie und Sorgearbeit dürfen wachsen.
Beide Varianten sehen Suffizienz als Leitprinzip. Sie unterscheiden sich in der Rolle des Staates.
Teilhabegerechtigkeit ist auch im Wohlfahrtskapitalismus wichtig, aber dort mit anderem Schwerpunkt (Zugang statt Mitbestimmung).
VertiefungMitbestimmung und bevorzugte Unternehmensformen
Auch innerhalb reicher Länder gibt es große Unterschiede im Ressourcenverbrauch.
Mitbestimmen setzt Fähigkeiten und Zeit voraus, daher Arbeitszeitverkürzung und faire Verteilung unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern.
Bevorzugt werden Sozialwirtschaft, Genossenschaften, gemeinwohlorientierte Unternehmen, Stiftungen und Commons (gemeinsam verwaltete Güter wie Wasser oder Wissen).
VertiefungKritik am Leitbild und Vertreter
Es würdigt die Vorzüge der westlichen Lebensweise (sozialer, technischer, wissenschaftlicher Fortschritt) zu wenig.
Es hat geringen politischen Rückhalt, die Transformation wird derzeit nicht mehrheitlich gewollt.
Es fehlt oft eine Strategie für das Hier und Jetzt.

Vertreter: Letzte Generation, Extinction Rebellion, Degrowth Vienna.

7 Entkopplung ★★★

Hier geht es um die Frage, ob die Wirtschaft wachsen kann, ohne dass Ressourcenverbrauch und Emissionen mitwachsen. Das ist der Knackpunkt im Streit zwischen den Leitbildern.

Entkopplung: Das Wirtschaftswachstum (BIP) und der Verbrauch von Material oder Emissionen laufen nicht mehr im Gleichschritt.

Schwarz = BIP, Blau = Emissionen. Links relative Entkopplung (Emissionen steigen langsamer), rechts absolute Entkopplung (Emissionen sinken).Relative EntkopplungAbsolute EntkopplungBIPEmissionenBIPEmissionenZeitZeit
← Grafik seitlich wischen →
Schwarz = BIP, Blau = Emissionen. Links relative Entkopplung (Emissionen steigen langsamer), rechts absolute Entkopplung (Emissionen sinken).

Relativ und absolut

Relative EntkopplungAbsolute Entkopplung
Was passiert?Verbrauch pro Einheit sinktVerbrauch sinkt insgesamt
Gesamtverbrauchkann weiter steigensinkt oder steigt zumindest nicht mehr
Eigenes BeispielBIP +4 %, Emissionen +1 %BIP +4 %, Emissionen −2 %

Relative Entkopplung heißt also: Die Emissionen wachsen langsamer als die Wirtschaft. Absolute Entkopplung bedeutet: Die Wirtschaft wächst weiter, die Emissionen sind aber gleich oder sinken.

Einfach erklärt: Ein Kaffeehaus braucht pro Melange weniger Strom (relativ besser). Verkauft es aber doppelt so viele, steigt der Stromverbrauch trotzdem. Erst wenn der Gesamtverbrauch sinkt, obwohl es mehr verkauft, ist es absolut entkoppelt.

Was die Forschung sagt

Absolute Entkopplung über längere Zeiträume ist bisher nicht nachweisbar. Nach neuen Erkenntnissen käme sie voraussichtlich nicht schnell genug, um die Klimaziele zu erreichen. Das ist das Hauptargument des Postwachstums.

Rebound-Effekt

Rebound-Effekt: Effizienzgewinne werden teilweise oder ganz durch Mehrverbrauch aufgezehrt.

Der Rebound-Effekt wirkt gegen die Entkopplung und ist ein Hauptgrund, warum Effizienz allein oft nicht reicht.

Wer setzt worauf?

Moderate Marktliberale und Wohlfahrtskapitalismus setzen auf grünes Wachstum durch Entkopplung.
Postwachstum hält die Entkopplung für unzureichend und fordert zusätzlich selektives Schrumpfen und Suffizienz.

Prüfungsfallen (besonders häufig):

Der Rebound-Effekt ist kein Fall von Entkopplung. Er schwächt die Wirkung von Effizienz.
Absolute Entkopplung heißt nicht klimaneutral. Es wird weiter emittiert, nur insgesamt nicht mehr mehr.
Weniger Verbrauch pro Einheit (z. B. weniger Wasser pro Waschgang) ist nur relative Entkopplung.
Entkopplung beschreibt eine Veränderung über die Zeit, kein Niveau. Ein Land mit absoluter Entkopplung kann noch immer mehr verbrauchen als ein anderes mit nur relativer.
Marktliberale (moderat) setzen auf Entkopplung. Sie wird im Marktliberalismus nicht abgelehnt.
VertiefungEntkopplung richtig erkennen
Vergleiche die Veränderung der Wirtschaft mit der Veränderung des Verbrauchs.
Wächst der Verbrauch langsamer als das BIP, ist es relativ.
Sinkt der Verbrauch bei wachsendem BIP, ist es absolut.
Schrumpft die Wirtschaft und sinken die Emissionen, ist das keine Entkopplung, sondern bloß Schrumpfung.
Bei Grafiken mit Indexwert (Startjahr = 100) zählt, ob die Verbrauchskurve sinkt, nicht ob sich Kurven kreuzen.
VertiefungBeispiel zum Rebound-Effekt

Ein effizienterer Heizkessel macht Wärme billiger. Folge: Die Wohnung wird wärmer geheizt, und die erhoffte Einsparung schrumpft.

8 Die drei Leitbilder im Vergleich ★★★

Diese Übersicht solltest du auswendig beherrschen. Die Tabellen zeigen immer dieselben Aspekte, aufgeteilt in drei Blöcke.

Drei Leitbilder, drei Wege: marktliberal, Wohlfahrtskapitalismus, Postwachstum.Markt- liberalWohlfahrts- kapitalismusPost- wachstum
← Grafik seitlich wischen →
Drei Leitbilder, drei Wege: marktliberal, Wohlfahrtskapitalismus, Postwachstum.

Vision, Varianten und Theorie

LeitbildVision und VariantenPrägende Theorie
MarktliberalismusIndividuelle Freiheit (negativ). Radikal / moderatÖsterr. Schule; Neoklassik, Umweltökonomik
Wohlfahrtskap.Wohlstand absichern (positiv). Traditionell / grünMainstream-Keynes, Entwicklungsökonomik, Sozioökonomik
PostwachstumGutes Leben, neue Mensch-Natur-Verhältnisse (positiv). Anarchistisch / institutionellÖkologische, feministische, marxistische Ökonomik, Sozioökonomik

Gerechtigkeit und Unternehmen

LeitbildGerechtigkeitUnternehmen
MarktliberalismusMarktShareholder Value, Gewinn
Wohlfahrtskap.Teilhabe (Zugang zur Daseinsvorsorge)Stakeholder
PostwachstumTeilhabe (Mitbestimmung) + UmweltUmwelt, Gesellschaft, künftige Generationen

Nachhaltigkeit und Wachstum

LeitbildNachhaltigkeitWachstum
Marktliberalismusradikal: abgelehnt; moderat: schwachWachstum, grünes Wachstum
Wohlfahrtskap.schwachWachstum, grünes Wachstum
Postwachstumstarkselektives Schrumpfen, Suffizienz

Typische Sätze und ihre Zuordnung

„Der Markt entscheidet, welche Technologie sich durchsetzt“ → marktliberal.
„Der Staat sichert Daseinsvorsorge und Vollbeschäftigung“ → Wohlfahrtskapitalismus.
„Genug ist genug, Zeit statt Konsum“ → Postwachstum.
„Es braucht gesetzliche Pflichten, Freiwilligkeit reicht nicht“ → Wohlfahrtskapitalismus.
„Wachstum und Wohlstand lassen sich entkoppeln“ → marktliberal und wohlfahrtskapitalistisch.

Prüfungsfallen:

Preissignale und Markttransparenz sind typisch marktliberal, lassen sich aber mit den anderen Leitbildern verbinden.
Typisch marktliberal: Verzicht als individuelle Entscheidung, Verbote als zu weitgehender Eingriff.
Typisch wohlfahrtskapitalistisch: Massenkonsum sichert Arbeitsplätze, soll aber auf grünem Wachstum beruhen.
Der Staat als Garant der Grundbedürfnisse über Steuern ist kein marktliberaler Standpunkt.
Postwachstum und Wohlfahrtskapitalismus teilen die positive Freiheit als Vision. Marktliberalismus steht allein für die negative.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann erklären, was ein Idealtypus und was eine prä-analytische Vision (Schumpeter) ist.
Ich kann die acht Gerechtigkeitskonzepte unterscheiden und je ein eigenes Beispiel nennen.
Ich kann Teilhabegerechtigkeit von Bedürfnis- und Chancengerechtigkeit abgrenzen.
Ich kann Umwelt- und Klimagerechtigkeit (Brundtland, Paris) auseinanderhalten.
Ich kann radikalen und moderaten Marktliberalismus unterscheiden (Österreichische Schule, Hayek, Kostenwahrheit, Technologieneutralität).
Ich kann Vision, Gerechtigkeit, Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit der drei Leitbilder gegenüberstellen.
Ich kann Shareholder Value (Friedman) und Stakeholder-Verantwortung erklären.
Ich kann schwache und starke Nachhaltigkeit erklären.
Ich kann relative und absolute Entkopplung an Zahlen oder Grafiken erkennen und den Rebound-Effekt einordnen.
Ich kann erklären, warum das Postwachstum selektives Schrumpfen und Suffizienz fordert.

Fertig gelesen? Teste, ob es sitzt.

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