VWL · Kapitel 7/8

VGR: BIP, BNE & Zahlungsbilanz

Makroökonomie19 Min. LesezeitRelevanz ★★
Auf einen Blick
  • BIP = Wert der Endprodukte gebietsansässiger Einheiten; Vorleistungen werden nicht doppelt gezählt. Entscheidend ist der Wohnsitz der Einheit, nicht die Staatsbürgerschaft.
  • Verwendungsrechnung: BIP=C+I+G+(X−M). Importe stecken in C, I, G und werden deshalb abgezogen.
  • BNE=BIP+NPI: Inlandskonzept (BIP) gegen Inländerkonzept (BNE).
  • Entstehung, Verwendung und Verteilung messen dieselbe Leistung und liefern dasselbe BIP.
  • Der Kapitalstock ist ein Bestand, Investitionen sind Ströme. IN=IA−D; bei IA<D schrumpft der Kapitalstock.
  • Zahlungsbilanz: Leistungs-, Vermögensübertragungs- und Kapitalbilanz. Wegen doppelter Buchung gilt KB=LB+VB.
  • S−Iges=LB: Ein Land mit Sparüberschuss legt netto im Ausland an.
  • Die IVP ist ein Bestand. Das Nettoauslandsvermögen ändert sich durch Transaktionen und durch Bewertungseffekte.
Inhalt11 Abschnitte
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1 Von der Mikro- zur Makroebene: Grundprinzipien #10 bis #13 ★★

Bisher ging es um einzelne Märkte. Jetzt betrachtest du die Volkswirtschaft als Ganzes: Warum wächst sie, warum sind Länder unterschiedlich reich, woher kommen Inflation und Arbeitslosigkeit? Um das zu beantworten, muss man die Größen zuerst messen. Genau das leistet die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR).

Die vier makroökonomischen Grundprinzipien

#10 Produktivität: Langfristig bestimmt vor allem die Produktivität den Lebensstandard.
#11 Potenzial: Kurzfristig kann die Produktion vom Potenzial abweichen, oft wegen schwankender Nachfrage.
#12 Stabilisierung: Geld- und Fiskalpolitik beeinflussen kurzfristig Nachfrage, Produktion, Beschäftigung und Inflation.
#13 Inflation: Sie hängt von Nachfrage, Kapazität, Inflationserwartungen und Angebotsschocks ab.

#10 genauer: Produktivität ist der reale Output (BIP) je eingesetzter Arbeitseinheit, etwa je Arbeitsstunde oder je Erwerbstätigem. Sie steigt mit mehr Kapital je Arbeitskraft, mehr Humankapital und Wissen, technischem Fortschritt und guten Institutionen.

#11 genauer: Potenzialoutput ist die Produktion, die eine Volkswirtschaft bei normaler Auslastung ihrer Kapazitäten dauerhaft erreichen kann. Die Outputlücke misst die Abweichung davon.

Negative Outputlücke: Unterauslastung.
Positive Outputlücke: überdurchschnittlich hohe Auslastung.

#12 genauer: Die Fiskalpolitik wirkt über Staatsausgaben und Steuern, die Geldpolitik über den Leitzins. Beide wirken nur mit Verzögerung und unter Unsicherheit.

#13 genauer: Hohe Nachfrage im Verhältnis zur Kapazität erzeugt Preisdruck. Ein Angebotsschock (z. B. teure Energie) kann gleichzeitig die Inflation erhöhen und die Produktion dämpfen. Auch Erwartungen zählen: Wer mit höheren Preisen rechnet, verlangt höhere Löhne und setzt höhere Preise an.

Einfach erklärt: Die Grundprinzipien sind die Landkarte für die Makroökonomie. Die VGR liefert die Messlatte, mit der man in dieser Landkarte Entfernungen abliest.

VertiefungDie vier Prinzipien an einem Beispiel

Stell dir ein kleines Land mit Kaffeehäusern, Bäckereien und Werkstätten vor.

#10: Über Jahrzehnte steigt der Wohlstand, weil Betriebe bessere Geräte nutzen, die Beschäftigten besser ausgebildet sind und Verträge verlässlich gelten.
#11: Viele Haushalte fürchten um ihren Job und sparen. Die Betriebe lasten ihre Kapazitäten nur noch zu 90 % aus. Die Produktion liegt unter dem Potenzial.
#12: Zentralbank und Staat versuchen, die Nachfrage anzuheben. Es dauert aber Monate, bis das spürbar wird.
#13: Steigen zugleich die Energiepreise, wird Brot teurer, obwohl die Wirtschaft schwach ist: ein Angebotsschock und damit ein Zielkonflikt.
FormelProduktivität und Wachstum
gY≈gA+gH

In Worten: Das reale BIP wächst ungefähr so stark wie die Produktivität je Arbeitsstunde plus die geleisteten Arbeitsstunden insgesamt.

gY = Wachstumsrate des realen BIPgA = Wachstumsrate der Produktivität je ArbeitsstundegH = Wachstumsrate der gesamten Arbeitsstunden
Beispiel ansehen

Die Produktivität steigt um 1,5 %, die Arbeitsstunden steigen um 0,5 %.

gY≈1,5+0,5= 2 %

Ergebnis: Auf Dauer kommt der Großteil des Wachstums aus der Produktivität, denn die Arbeitsstunden können nicht beliebig zunehmen.

2 Die VGR: Regeln, Einheiten und Kreislauf ★★

Damit Zahlen über Zeit und zwischen Ländern vergleichbar sind, braucht es feste Regeln. Ohne sie könnte jedes Land das BIP nach Belieben berechnen.

Anforderungen an die Messung

Akteure und Aktivitäten müssen eindeutig abgegrenzt werden.
Produktion, Einkommen und Ausgaben müssen vollständig und widerspruchsfrei erfasst werden.
Ströme (Transaktionen) und Bestände müssen systematisch verknüpft sein.
Die Ergebnisse müssen über Zeit und Länder vergleichbar sein.

ESVG 2010

ESVG 2010: Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Es legt Konzepte, Definitionen, Klassifikationen und Buchungsregeln für die VGR in der EU fest.

Es ist durch eine EU-Verordnung rechtlich verbindlich und seit 2014 Grundlage der Datenmeldungen der Mitgliedstaaten an Eurostat.
Es beruht auf dem internationalen SNA 2008 (System of National Accounts).
International wurde 2025 mit dem SNA 2025 ein Nachfolger beschlossen. Das ESVG wird deshalb in Richtung ESVG 2030 weiterentwickelt.

Wer zählt zur Volkswirtschaft?

Die vier Sektoren: Unternehmen, Staat, private Haushalte und die übrige Welt.UnternehmenStaatPrivate HaushalteAusland
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Die vier Sektoren: Unternehmen, Staat, private Haushalte und die übrige Welt.

Institutionelle Einheit: wirtschaftliche Einheit, die in der Ausübung ihrer Hauptfunktion selbst entscheiden kann.

Gebietsansässigkeit: Eine Einheit gehört zu einer Volkswirtschaft, wenn der Schwerpunkt ihres wirtschaftlichen Interesses dort liegt, grundsätzlich seit einem Jahr oder länger. Staatsbürgerschaft, Eigentümer und Rechtsform spielen keine Rolle.

Einfach erklärt: Ein Softwareentwickler aus Bayern, der drei Jahre in Wien lebt und arbeitet, zählt zur österreichischen Volkswirtschaft. Ein Wiener Monteur, der zwei Wochen auf einer Baustelle in Italien arbeitet, bleibt in Österreich ansässig.

SektorWer gehört dazu?
Unternehmennichtfinanzielle (AG, GmbH, KG, OG, Genossenschaften) und finanzielle (Zentralbank, Banken, Versicherungen, Pensionskassen)
StaatBund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherungen
Private HaushalteArbeitnehmer:innen, Selbständige, Unternehmen ohne eigene Rechtspersönlichkeit
Übrige Weltalle nicht gebietsansässigen Einheiten

Prüfungsfalle: „Wer die österreichische Staatsbürgerschaft hat, gehört zur österreichischen Volkswirtschaft." Das ist falsch. Entscheidend ist die Gebietsansässigkeit.

VertiefungSonderfälle der Gebietsansässigkeit

Die Ein-Jahres-Regel ist nur die Grundidee. Für typische Sonderfälle gelten feste Zuordnungen:

FallZuordnungGrund
Tourist, Geschäftsreisendebleibt im HeimatlandAufenthalt nur kurz
Grenzgänger:inWohnlandLebensmittelpunkt dort
Botschaft, KonsulatEntsendelandextraterritoriales Gebiet
UNO-Organisationen in Wienübrige Weltgehören keinem Land an

Die Beschäftigten einer internationalen Organisation, die dauerhaft in Wien leben, sind dagegen in Österreich ansässig. Auch eine Fabrik in ausländischem Besitz zählt zu Österreich, wenn sie hier dauerhaft produziert.

Der Wirtschaftskreislauf

Wirtschaftskreislauf: Güter und Arbeitsleistungen fließen in die eine Richtung, Geld (Konsumausgaben, Einkommen) in die andere.HaushalteUnternehmenGüterKonsumausgabenLöhne, EinkommenArbeit
Güter- und FaktorstromGeldstrom
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Wirtschaftskreislauf: Güter und Arbeitsleistungen fließen in die eine Richtung, Geld (Konsumausgaben, Einkommen) in die andere.

Haushalte stellen den Unternehmen Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Boden) zur Verfügung und erhalten Faktoreinkommen (Löhne, Gewinne, Mieten). Die Unternehmen verkaufen Güter an die Haushalte und erhalten Konsumausgaben.

Leistungsströme: Güter und Faktorleistungen.
Finanzielle Ströme: Ausgaben, Erlöse und Einkommen. Sie fließen in die Gegenrichtung.

Was produziert, aber nicht verkauft wird, landet als Vorratsänderung im Lager. Dadurch stimmen die Seiten immer überein:

FormelKreislaufidentität
Produktion=Ausgaben=Einkommen

In Worten: Was produziert wird, wird auch ausgegeben, und jede Ausgabe ist das Einkommen von jemand anderem.

Ausgaben = Konsumausgaben plus Vorratsänderungen (im einfachen Kreislauf)
Beispiel ansehen

Eine Bäckerei backt Brot im Wert von 1.000 €. Verkauft werden 900 €, 100 € bleiben als Vorrat im Lager.

Ausgaben = 900 € Konsum + 100 € Vorratsänderung = 1.000 €. Das Einkommen aus der Produktion beträgt ebenfalls 1.000 €.

VertiefungDer erweiterte Kreislauf: Abflüsse und Zuflüsse

Im einfachen Kreislauf wird alles Einkommen konsumiert. In der Wirklichkeit „sickert" ein Teil des Einkommens aus dem Kreislauf, und anderes Geld fließt von außen hinein:

Abflüsse: Sparen S, Steuern T, Importe M. Dieses Geld wird nicht für heimische Konsumgüter ausgegeben.
Zuflüsse: Investitionen I, Staatsausgaben G, Exporte X. Dieses Geld kommt als zusätzliche Nachfrage zu den Unternehmen.

Verwendest du das Einkommen Y=C+S+T und die Verwendungsrechnung Y=C+I+G+X−M, folgt durch Gleichsetzen:

FormelAbflüsse gleich Zuflüsse
S+T+M=I+G+X

In Worten: Alles, was dem Kreislauf entzogen wird, kommt als Nachfrage wieder zurück, und zwar über Investitionen, Staat oder Ausland.

S = SparenT = SteuernM = Importe
Beispiel ansehen

C=300, I=90, G=110, X=200, M=180, Steuern T=100 (Einkommen aus dem Ausland und Transfers werden hier ausgeblendet).

1Y=300+90+110+200−180=520
2Sparen: S=Y−C−T=520−300−100=120
3Abflüsse: 120+100+180=400
4Zuflüsse: 90+110+200=400

Ergebnis: Beide Seiten sind gleich. Diese Gleichung ist der Vorläufer von S−I=LB in Abschnitt 10.

3 Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ★★★

Das BIP ist die wichtigste Zahl der VGR. Du solltest sie genau definieren und von verwandten Größen abgrenzen können.

Wertschöpfungskette Weizen – Mehl – Brot: Ins BIP zählt nur, was auf jeder Stufe neu dazukommt.Wertschöpfung je StufeWeizenMehlBrot
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Wertschöpfungskette Weizen – Mehl – Brot: Ins BIP zählt nur, was auf jeder Stufe neu dazukommt.

BIP: Wert aller Waren und Dienstleistungen für die Endverwendung, die gebietsansässige Einheiten in einem Zeitraum produzieren.

Gleichwertig: Wert der gesamten Produktion minus Vorleistungen.

Vorleistungen: Güter, die im Produktionsprozess verbraucht, verarbeitet oder umgewandelt werden (Mehl in der Bäckerei, Strom in der Fabrik). Sie gehören nicht ins BIP, sonst würde man doppelt zählen.

Bruttowertschöpfung: Produktionswert minus Vorleistungen. Sie ist der Beitrag einer Stufe oder Branche zum BIP.

Das BIP wird zu Marktpreisen bewertet.
Brutto heißt: Abschreibungen auf den Kapitalstock werden nicht abgezogen.
Inlandsprodukt heißt: Es zählt, wo produziert wird, nicht, wem die Firma gehört.
Rechenbeispiel Wertschöpfung statt Doppelzählung

Ein Kaffee wird in drei Stufen hergestellt:

StufeVerkauf − VorleistungWertschöpfung
Bauer verkauft Bohnen10 − 010
Rösterei verkauft Röstkaffee30 − 1020
Café verkauft Getränke80 − 3050

Summe der Verkäufe: 120. Summe der Wertschöpfungen: 80.

Ergebnis: Das BIP beträgt 80. Es entspricht dem Wert des Endprodukts. Die 120 wären falsch, weil Bohnen und Röstkaffee doppelt gezählt würden.

Was zählt nicht ins BIP?

Der Verkauf gebrauchter Güter (nur die Provision des Händlers ist eine neue Leistung).
Der Kauf von Aktien oder Anleihen: Das ist ein Tausch von Vermögen, keine Produktion.
Transferzahlungen wie Pensionen oder Familienbeihilfe: Dafür wird nichts produziert.
Unbezahlte Hausarbeit. Schwarzarbeit wird nur grob geschätzt.

Das BIP misst also die Produktion am Markt und nicht den Wohlstand insgesamt. Umweltschäden oder Freizeit fehlen.

VertiefungMarktpreise, Gütersteuern und das Netto-Inlandsprodukt

Die Branchen melden ihre Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen, also ohne die Gütersteuern (z. B. Umsatzsteuer), die der Staat aufschlägt. Zum BIP zu Marktpreisen kommt man so:

FormelBIP aus der Bruttowertschöpfung
BIP=∑BWS+TG−SubG

In Worten: Man addiert die Wertschöpfung aller Branchen, schlägt die Gütersteuern auf und zieht die Gütersubventionen ab.

∑BWS = Summe der Bruttowertschöpfung aller BranchenTG = GütersteuernSubG = Gütersubventionen
Beispiel ansehen

Die Branchen erzeugen zusammen eine Wertschöpfung von 800. Der Staat erhebt 100 an Gütersteuern und zahlt 20 an Gütersubventionen.

BIP=800+100−20= 880

Zieht man vom BIP die Abschreibungen D ab, erhält man das Netto-Inlandsprodukt. Es zeigt, was nach dem Ersatz des Verschleißes tatsächlich neu zur Verfügung steht. Bei einem BIP von 880 und D=100 sind es 780.

Dass man trotzdem meist das Brutto-Maß verwendet, liegt daran, dass Abschreibungen schwer zu messen sind. Das BIP ist deshalb zuverlässiger und international besser vergleichbar.

VertiefungWarum das BIP kein Wohlstandsmaß ist
Hochwasser: Aufräumen und Wiederaufbau erhöhen das BIP, weil Bauleistungen gekauft werden. Die Menschen sind aber ärmer, weil Eigentum zerstört wurde.
Wechsel der Arbeitsform: Kocht eine Familie zu Hause, zählt das nicht. Bestellt sie dasselbe Essen im Restaurant, steigt das BIP, obwohl sich die Versorgung kaum ändert.

Auch Verteilung, Freizeit, Umweltqualität und Gesundheit fehlen. Ein Sonderfall: Wer in der eigenen Wohnung lebt, „zahlt" sich selbst Miete. Die VGR schätzt diese unterstellte Miete und rechnet sie ins BIP ein, damit Eigentümer:innen und Mieter:innen vergleichbar bleiben.

4 Bruttoinlandsausgaben und Verwendungsrechnung ★★★

Die Ausgabenseite fragt: Wofür wird das Produzierte verwendet?

Bruttoinlandsausgaben (BIA): alles, was Gebietsansässige für Konsum und Investitionen ausgeben.

FormelBruttoinlandsausgaben
BIA=C+I+G

In Worten: Alles, was Inländer für Konsum und Investitionen ausgeben, egal ob das Gekaufte im Inland oder im Ausland hergestellt wurde.

C = private KonsumausgabenI = private BruttoinvestitionenG = öffentliche Konsum- und Investitionsausgaben
KürzelKomponenteInhalt
CPrivate KonsumausgabenLebensmittel, Kleidung, Freizeit
IPrivate BruttoinvestitionenBruttoanlageinvestitionen plus Vorratsänderungen
GÖffentliche AusgabenStaatskonsum und öffentliche Investitionen

Details zu den Komponenten:

Bruttoanlageinvestitionen: Erwerb produzierter Güter, die länger als ein Jahr in der Produktion genutzt werden (Gebäude, Maschinen, Software).
Vorratsänderungen: Änderung der Bestände an Vorleistungen, unfertigen und fertigen Gütern sowie Handelswaren. Sie können auch negativ sein.
Staatskonsum: unentgeltlich bereitgestellte Leistungen wie Verwaltung, Bildung oder Sicherheit.
Öffentliche Investitionen: Anlagegüter wie Straßen, Schulen und öffentliche Gebäude.

Prüfungsfalle: Pensionen und andere Transfers des Staates sind nicht Teil von G. Sie sind keine Ausgaben für Güter, sondern Umverteilung von Einkommen.

VertiefungKonsum oder Investition? Eine Zuordnungshilfe

Die Grenze verläuft nicht nach „teuer" oder „billig", sondern danach, wer kauft und wofür das Gut dient:

VorgangZuordnungGrund
Familie kauft ein AutoCHaushalte „investieren" im VGR-Sinn nicht, mit Ausnahme von Wohnbau
Familie baut ein HausIWohnbau gilt als Investition
Bäckerei kauft einen OfenIAnlagegut, wird länger als ein Jahr genutzt
Bäckerei kauft Mehlkeine eigene AusgabeVorleistung, steckt schon im Brotpreis
Bäckerei backt mehr, als sie verkauftIVorratsänderung
Staat baut eine SchuleGöffentliche Investition
Staat zahlt Pensionennicht in GTransfer ohne Gegenleistung

Der Kauf von Aktien taucht in dieser Tabelle gar nicht auf: Er ist ein Vermögenstausch und weder Konsum noch Investition im VGR-Sinn.

Vom Inlandskonzept zum BIP

Die BIA enthalten Importe, weil Inländer auch Importgüter kaufen. Sie enthalten aber keine Exporte, weil diese von Ausländern gekauft werden. Deshalb muss man korrigieren:

FormelBIP – Verwendungsrechnung
BIP=C+I+G+(X−M)

In Worten: Was im Inland produziert wird, wird hier konsumiert, investiert, vom Staat gekauft oder exportiert. Importe zieht man ab, weil sie in C, I und G stecken, aber im Ausland produziert wurden.

X = ExporteM = ImporteX−M = Außenbeitrag (Nettoexporte)
Beispiel ansehen

Ein Land hat C = 300, I = 90, G = 110, X = 200 und M = 180.

1BIA = 300 + 90 + 110 = 500
2Außenbeitrag = 200 − 180 = +20
3BIP = 500 + 20 = 520

Die Differenz X−M heißt Außenbeitrag oder Nettoexporte. Bei Importüberschuss ist sie negativ, und das BIP liegt unter den BIA.

Prüfungsfalle: „Importe senken das BIP." Das ist ein Denkfehler. Importe werden nur abgezogen, damit Auslandsproduktion nicht als Inlandsproduktion zählt. Wer mehr importiert, hat nicht automatisch ein kleineres BIP.

VertiefungWarum Importe abgezogen werden: ein Mini-Beispiel

Ein kleines Land kauft Konsumgüter für 40 ein: 30 sind im Inland hergestellt, 10 stammen aus dem Ausland (etwa Handyzubehör). Außerdem exportiert es heimische Waren für 15.

Inlandsproduktion: 30 (für den Inlandskonsum) + 15 (Export) = 45
Rechnung über die Ausgaben: C+X−M=40+15−10= 45

Ohne den Abzug von M käme man auf 55 und würde 10 zu viel zählen: nämlich die Wertschöpfung, die im Ausland entstanden ist. Importe sind also nicht „schlecht für das BIP", sondern werden nur sauber aus der Rechnung herausgenommen.

5 Das Bruttonationaleinkommen (BNE) ★★★

Das BIP sagt, was im Land produziert wird. Das BNE sagt, was den Inländer:innen an Einkommen zufließt.

BIP misst, was innerhalb der Grenzen produziert wird. BNE misst, was den Inländer:innen an Einkommen zufließt, auch aus dem Ausland.arbeitet im AuslandEinkommen fließt zurückInlandAusland
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BIP misst, was innerhalb der Grenzen produziert wird. BNE misst, was den Inländer:innen an Einkommen zufließt, auch aus dem Ausland.

BNE: alle Primäreinkommen, die Gebietsansässigen in einem Zeitraum zufließen, egal wo sie entstanden sind.

Primäreinkommen: Einkommen aus der Mitwirkung an der Produktion oder aus der Bereitstellung von Vermögen.

KomponenteInhalt
ArbeitnehmerentgelteLöhne und Gehälter plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber
UnternehmenseinkommenRest nach Arbeitnehmerentgelten und Produktionsabgaben
Produktionsabgaben minus Subventionenv. a. Gütersteuern wie die Umsatzsteuer, die an den Staat gehen
VermögenseinkommenZinsen, Ausschüttungen, reinvestierte Gewinne

Unternehmenseinkommen ist nicht dasselbe wie der betriebswirtschaftliche Gewinn. In der VGR ist es ein Restbetrag aus dem Produktionsprozess.

Zahlungen zwischen Inländern verändern nur, wer innerhalb des Landes wie viel erhält. Erst grenzüberschreitende Primäreinkommen verändern das BNE gegenüber dem BIP.

FormelBruttonationaleinkommen
BNE=BIP+NPI

In Worten: Zum BIP kommen Einkommen dazu, die Inländer aus dem Ausland erhalten. Einkommen, die an Ausländer fließen, gehen ab.

NPI = Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt (empfangen minus gezahlt)
Beispiel ansehen

BIP = 520. Inländer erhalten 14 an Löhnen und Zinsen aus dem Ausland, Ausländer erhalten 9 aus dem Inland.

NPI = 14 − 9 = +5

BNE = 520 + 5 = 525

BIPBNE
FrageWas wird im Inland produziert?Welches Einkommen erhalten Inländer?
KonzeptInlandskonzeptInländerkonzept

Einfach erklärt: Eine Wienerin, die täglich nach Bratislava pendelt, erhöht dort das BIP. Ihr Lohn zählt aber zum österreichischen BNE. Dividenden eines österreichischen Konzerns an US-Aktionäre sind österreichisches BIP, aber US-BNE.

VertiefungZwei Länder im Vergleich: Wann liegt das BNE über dem BIP?

Ob ein Land ein positives oder negatives NPI hat, hängt davon ab, wem die Produktionsmittel gehören und wo die Menschen arbeiten.

Land A hat viele Fabriken in ausländischem Besitz. BIP = 100. Die Gewinne und Zinsen von 12 gehen ans Ausland, aus dem Ausland kommen nur 4 herein. NPI=4−12=−8, also BNE=92.
Land B besitzt viele Auslandsbeteiligungen und Wertpapiere. BIP = 100. Es erhält 10 aus dem Ausland, zahlt aber nur 3. NPI=+7, also BNE=107.

Faustregel: Länder mit großen Vermögensanlagen im Ausland haben tendenziell ein BNE über dem BIP. Länder, in denen viele Auslandskonzerne produzieren und Gewinne abführen, liegen eher darunter. Die Zahlen können sich deshalb deutlich unterscheiden, je nachdem, ob man auf das BIP oder das BNE schaut.

VertiefungDasselbe BIP auf drei Wegen gerechnet

Eine kleine Volkswirtschaft hat drei Branchen: Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen.

1Entstehung: Bruttowertschöpfung 60 + 250 + 400 = 710. Dazu Gütersteuern minus Subventionen 40. BIP= 750.
2Verwendung: C=420, I=140, G=150, X=280, M=240. BIA = 710. BIP=710+(280−240)= 750.
3Verteilung: Arbeitnehmerentgelte 400, Unternehmenseinkommen 310, Abgaben minus Subventionen 40. Summe: 750.

Alle drei Rechnungen führen zum selben Ergebnis, weil sie dieselbe Produktion nur unterschiedlich aufschlüsseln.

VertiefungWarum es immer aufgeht: Das Unternehmenseinkommen als Restgröße

Eine Bäckerei erlöst 1.000 und kauft Vorleistungen um 300. Die Wertschöpfung ist 700. Davon gehen 400 an Löhne und Sozialbeiträge und 50 an den Staat. Der Rest (250) ist das Unternehmenseinkommen.

Weil das Unternehmenseinkommen genau dieser Rest ist, muss die Verteilungsrechnung zur Entstehungsrechnung passen. Kleine Abweichungen in der Praxis kommen von unterschiedlichen Datenquellen und Schätzfehlern. Sie heißen statistische Differenz.

7 Investitionen, Abschreibungen und Kapitalstock ★★★

Hier musst du zwischen Beständen und Strömen unterscheiden. Das ist eine häufige Fehlerquelle.

Der Kapitalstock als Badewanne: Bruttoinvestitionen fließen hinein, Abschreibungen fließen ab.Bruttoinvestitionen (Zufluss)KapitalstockAbschreibungen (Abfluss)
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Der Kapitalstock als Badewanne: Bruttoinvestitionen fließen hinein, Abschreibungen fließen ab.

Bestandsgröße: wird zu einem Zeitpunkt gemessen (der Wasserstand in der Badewanne).

Stromgröße: wird über einen Zeitraum gemessen (das Wasser, das pro Jahr zu- oder abfließt).

Kapitalstock K: Bestand an produzierten Anlagegütern, die länger als ein Jahr genutzt werden. Er ist ein Bestand.
Bruttoanlageinvestitionen IA: Zugang an Anlagegütern. Sie sind ein Strom.
Abschreibungen D: Wertverlust durch Verschleiß und wirtschaftliche Alterung. Sie sind ein Strom.
Nettoanlageinvestitionen IN: Bruttoinvestitionen minus Abschreibungen.
FormelInvestitionen und Kapitalstock
IN=IA−D
Kt=Kt−1+IA−D

In Worten: Der Kapitalstock ist wie eine Badewanne: Investitionen fließen hinein, Abschreibungen fließen ab. Nur wenn mehr hinein- als hinausfließt, steigt der Wasserstand.

IA = BruttoanlageinvestitionenD = AbschreibungenIN = NettoanlageinvestitionenKt = Kapitalstock am Ende des Jahres t
Beispiel ansehen

Eine Volkswirtschaft startet mit K0=600. Sie investiert IA=50, die Abschreibungen betragen D=70.

1IN=50−70=−20
2K1=600+50−70= 580

Ergebnis: Trotz positiver Investitionen schrumpft der Kapitalstock.

IA>D: Der Kapitalstock wächst.
IA<D: Der Kapitalstock schrumpft, obwohl investiert wird.
Vorratsänderungen zählen zu den Bruttoinvestitionen, verändern aber den Bestand an Anlagegütern nicht.

Prüfungsfalle: „Positive Bruttoinvestitionen bedeuten einen wachsenden Kapitalstock." Das ist falsch. Entscheidend sind die Nettoinvestitionen.

VertiefungDrei Jahre Kapitalstock: Ersatz und Erweiterung

Ein Fahrradverleih rechnet mit Abschreibungen von 20 % des Kapitalstocks vom Jahresbeginn. Er startet mit K0=100.

Jahr 1: IA=30, D=20. K1=100+30−20= 110
Jahr 2: IA=20, D=22. K2=110+20−22= 108
Jahr 3: IA=21,6, D=21,6. K3= 108

Lesehilfe: Ein Teil der Bruttoinvestitionen ersetzt nur den Verschleiß (Ersatzinvestition, in Höhe von D). Nur der Rest ist Erweiterungsinvestition (IN) und vergrößert den Bestand. Ist IA=D, bleibt der Kapitalstock gleich (IN=0). Das ist der „stationäre" Zustand.

Grafik lesen: Die Badewanne zeigt den Kapitalstock als Wasserstand. Der Zufluss (Hahn) sind die Bruttoinvestitionen, der Abfluss sind die Abschreibungen. Steht der Wasserstand höher als zuvor, war der Zufluss größer als der Abfluss.

8 Die Zahlungsbilanz: Aufbau und Leistungsbilanz ★★★

Offene Volkswirtschaften tauschen mit dem Ausland nicht nur Waren aus, sondern auch Einkommen, Transfers und Finanzanlagen. Die Zahlungsbilanz hält das fest.

Doppelte Buchung: Der reale Teil (Leistungs- und Vermögensübertragungsbilanz) und der finanzielle Teil (Kapitalbilanz) halten sich die Waage.Leistungsbilanz (Güter, Dienste)Kapitalbilanz (Vermögen, Geld)Beide Seiten gleichen sich aus
← Grafik seitlich wischen →
Doppelte Buchung: Der reale Teil (Leistungs- und Vermögensübertragungsbilanz) und der finanzielle Teil (Kapitalbilanz) halten sich die Waage.

Zahlungsbilanz: erfasst systematisch alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Gebietsansässigen und der übrigen Welt in einem Zeitraum.

Sie besteht aus drei Teilbilanzen:

Leistungsbilanz (LB): laufende Transaktionen.
Vermögensübertragungsbilanz (VB): einmalige Vermögenstransfers und nichtproduzierte Vermögensgüter.
Kapitalbilanz (KB): finanzielle Forderungen und Verbindlichkeiten.

LB und VB bilden zusammen den realwirtschaftlichen Teil. Die KB ist der finanzwirtschaftliche Teil.

Leistungsbilanz

Die LB hat drei Bestandteile:

Waren und Dienstleistungen: Exporte und Importe. Der Saldo ist der Außenbeitrag X−M.
Primäreinkommen: grenzüberschreitende Arbeitnehmerentgelte und Vermögenseinkommen. Der Saldo ist NPI.
Sekundäreinkommen: laufende Transfers ohne unmittelbare Gegenleistung, z. B. private Überweisungen ins Ausland oder Beiträge an internationale Organisationen.
FormelLeistungsbilanz
LB=(X−M)+NPI+SI

In Worten: Die Leistungsbilanz fasst alle laufenden Geschäfte mit dem Ausland zusammen: Handel mit Waren und Dienstleistungen, Einkommen über die Grenze und laufende Transfers.

SI = Saldo der Sekundäreinkommen
Beispiel ansehen

Exporte 400, Importe 380. Primäreinkommen netto −6. Laufende Überweisungen netto −4.

LB=(400−380)−6−4= +10

Das ist ein Leistungsbilanzüberschuss.

Vorzeichen: Einnahmen vom Ausland heißen Credit (z. B. Exporte), Ausgaben an das Ausland Debet (z. B. Importe). Der Saldo ist Credit minus Debet.

VertiefungCredit oder Debet? Eine Lesehilfe für die Vorzeichen

Die Frage lautet immer: Kommt Geld vom Ausland herein oder fließt es hinaus?

VorgangBuchungWirkung auf die LB
Wiener Möbelhersteller verkauft ins AuslandCreditplus
Österreich importiert GasDebetminus
Deutsche Gäste übernachten in TirolCredit (Dienstleistungsexport)plus
Wiener Familie macht Urlaub in KroatienDebet (Dienstleistungsimport)minus
Eine Wienerin erhält Zinsen aus dem AuslandCredit (Primäreinkommen)plus
Dividende an eine ausländische AktionärinDebet (Primäreinkommen)minus
Überweisung an Verwandte im AuslandDebet (Sekundäreinkommen)minus

Beachte: Auch Tourismus ist ein Export, wenn Ausländer im Inland Dienstleistungen kaufen. Es kommt nicht darauf an, ob etwas „Greifbares" über die Grenze geht.

Vermögensübertragungsbilanz

Vermögensübertragungen: einmalige Transfers mit Vermögenswirkung ohne Gegenleistung (Investitionszuschüsse, Schuldenerlass).
Nichtproduzierte nichtfinanzielle Vermögensgüter: nicht durch Produktion entstanden, z. B. natürliche Ressourcen oder übertragbare Nutzungsrechte und Lizenzen. Kauf und Verkauf werden hier erfasst.

Prüfungsfalle: Sekundäreinkommen sind laufende Transfers (Leistungsbilanz), Vermögensübertragungen sind einmalige Transfers (Vermögensübertragungsbilanz).

9 Kapitalbilanz und doppelte Buchung ★★★

Die Kapitalbilanz zeigt die finanzielle Seite aller Geschäfte mit dem Ausland. Die Regel der doppelten Buchung sorgt dafür, dass sie zur realwirtschaftlichen Seite passt.

Kapitalbilanz

Die KB erfasst Transaktionen in Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Der Saldo ist der Nettozugang an Forderungen minus dem Nettozugang an Verbindlichkeiten.

KategorieInhalt
DirektinvestitionenBeteiligungen ab 10 %, konzerninterne Kredite, Grundstückskäufe
PortfolioinvestitionenWertpapiere, soweit keine Direktinvestition
FinanzderivateOptionen, Futures, Swaps
Sonstige InvestitionenKredite, Bargeld, Einlagen, Handelskredite
WährungsreservenGold und Devisen der Zentralbank

Eine Beteiligung von 5 % an einem Unternehmen ist daher eine Portfolioinvestition. Erst ab 10 % spricht man von Direktinvestition, weil man ab da Einfluss auf das Unternehmen nehmen kann. Die Grenze ist eine Konvention, damit alle Länder gleich zählen.

Prüfungsfalle: Ein positiver KB-Saldo bedeutet, dass das Land netto Forderungen gegenüber dem Ausland aufbaut, also Kapital ins Ausland fließt. Er ist kein „Kapitalzufluss".

Doppelte Buchung

Doppelte Buchung: Jede internationale Transaktion wird mit einer Buchung und einer Gegenbuchung in gleicher Höhe erfasst.

Mit Gegenleistung: Zwei gleich große Werte werden getauscht. Beide Buchungen können in verschiedenen oder in derselben Teilbilanz stehen.
Ohne Gegenleistung: Die Gegenbuchung erfolgt als Sekundäreinkommen (laufend) oder als Vermögensübertragung (einmalig).
Erfassungsfehler und Lücken erscheinen als statistische Differenz.
FormelGrundgleichung der Zahlungsbilanz
KB=LB+VB

In Worten: Weil jede Transaktion doppelt gebucht wird, entspricht der finanzielle Teil dem realwirtschaftlichen Teil.

KB = Saldo der KapitalbilanzLB = Saldo der LeistungsbilanzVB = Saldo der Vermögensübertragungsbilanz
Beispiel ansehen

LB=+10, VB=−2.

KB=10−2= +8

Ergebnis: Das Land baut netto 8 an Forderungen gegenüber dem Ausland auf.

Beispiele zum Durchdenken

VorgangBuchung 1Buchung 2
Möbelfirma exportiert um 8 und lässt auf ein Auslandskonto zahlenLB: Export +8KB: Einlagen +8
Fonds kauft Auslandsaktien um 5 und zahlt von einem AuslandskontoKB: Portfolio +5KB: Einlagen −5
Österreich überweist 2 laufende HilfeLB: Sekundäreinkommen −2KB: Forderungen −2
Ein Kredit wird dem Ausland um 3 erlassenVB: Übertragung −3KB: Forderungen −3
Import um 4 auf ZahlungszielLB: Import −4KB: Verbindlichkeit +4

Prüfungsfalle: Ein Leistungsbilanzüberschuss geht mit einem positiven Kapitalbilanzsaldo einher (bei kleiner VB). Das Land baut Forderungen auf. Ein Defizit bedeutet, dass netto Verbindlichkeiten aufgebaut oder Forderungen abgebaut werden.

VertiefungDoppelte Buchung in vier Schritten

So gehst du bei jeder Aufgabe vor:

1Was ist die erste Buchung? Handelt es sich um Ware, Dienstleistung, Einkommen, Transfer oder Finanzanlage?
2In welche Teilbilanz gehört sie? LB, VB oder KB?
3Wie wurde bezahlt? Die Gegenbuchung ist die Zahlung: meist eine Veränderung von Einlagen, Krediten oder Forderungen in der KB.
4Vorzeichen: In der KB zählen mehr Forderungen als plus. Ein Zugang an Verbindlichkeiten verringert den Saldo, der Wert wird also im Saldo als minus gerechnet.
VorgangBuchung 1Buchung 2
Hotel erhält von Gästen aus dem Ausland 100LB: Dienstleistungsexport +100KB: Forderung gegen Ausland +100
Hilfsgüter im Wert von 6 werden verschenktLB: Warenexport +6LB: Sekundäreinkommen −6
Ausländische Tochterfirma in Wien verdient 10 und investiert alles wiederLB: Primäreinkommen −10KB: Direktinvestition (Verbindlichkeit) −10 im Saldo

10 Sparen, Leistungsbilanz und Auslandsvermögen ★★★

Hier schließt sich der Kreis: Die Leistungsbilanz hängt direkt daran, ob ein Land mehr spart, als es investiert.

Verfügbares Einkommen: BNE plus Saldo der Sekundäreinkommen mit dem Ausland (YD).

Gesamtwirtschaftliches Sparen: S=YD−C−CG. Es ist das verfügbare Einkommen minus privater und staatlicher Konsum.

Weil das BNE brutto ist, ist auch S ein Bruttosparen.
Sparen ist eine Stromgröße aus der Einkommensverwendung. Es ist nicht dasselbe wie der Kauf von Finanzanlagen.
In S steckt privates und staatliches Sparen. Ein Budgetdefizit drückt S.

Herleitung in drei Schritten

1Die Leistungsbilanz enthält Außenbeitrag, NPI und Sekundäreinkommen. Daher gilt YD=BIA+LB.
2Die BIA lassen sich schreiben als BIA=C+CG+Iges. Dabei ist Iges die Summe aller Bruttoinvestitionen, privat und öffentlich, inklusive Vorratsänderungen.
3Einsetzen in S=YD−C−CG ergibt das Ergebnis:
FormelSparen, Investitionen und Leistungsbilanz
S−Iges=LB

In Worten: Spart ein Land mehr, als es investiert, legt es den Rest im Ausland an. Das zeigt sich als Leistungsbilanzüberschuss. Investiert es mehr, als es spart, braucht es Kapital aus dem Ausland.

S = gesamtwirtschaftliches (Brutto-)SparenIges = alle BruttoinvestitionenLB = Saldo der Leistungsbilanz
Beispiel ansehen

Ein Land hat ein BIP von 400. Es spart S=108 und investiert Iges=88.

LB=108−88= +20, das sind 5 % des BIP.

Ergebnis: Überschuss. Das Land legt netto 20 im Ausland an.

SituationBedeutung
S>IgesLeistungsbilanzüberschuss: Ersparnisse werden im Ausland angelegt
S<IgesLeistungsbilanzdefizit: Investitionen werden netto aus dem Ausland finanziert

Aus KB=LB+VB folgt bei kleiner VB: Ein Defizit geht mit einem negativen Kapitalbilanzsaldo einher. Der Zugang an Verbindlichkeiten oder der Abbau von Forderungen überwiegt.

Prüfungsfalle: „Sparen bedeutet, Finanzanlagen zu kaufen." Das ist nicht dasselbe. Sparen ist der nicht konsumierte Teil des Einkommens, der Kauf von Wertpapieren ist eine Verwendung davon.

VertiefungPrivates und staatliches Sparen: Zwillingsdefizite

Teilt man S und Iges auf Privatsektor (P) und Staat (G) auf, wird aus der Gleichung:

FormelSektorensalden
(SP−IP)+(SG−IG)=LB

In Worten: Was der Privatsektor mehr spart als investiert, plus das Ergebnis des Staates, ergibt die Leistungsbilanz.

SP−IP = Überschuss des Privatsektors (Sparen minus Investitionen)SG−IG = Staatssaldo, näherungsweise der Budgetsaldo
Beispiel ansehen

Der Privatsektor spart 100 und investiert 70. Der Staat hat einen Budgetsaldo von −40.

LB=(100−70)+(−40)= −10

Läge der Budgetsaldo bei −25, wäre die LB +5.

Ergebnis: Ein hohes Budgetdefizit kann mit einem Leistungsbilanzdefizit zusammenfallen („Zwillingsdefizit"). Zwingend ist das aber nicht, denn der Privatsektor kann sein Sparen verändern.

VertiefungIst ein Leistungsbilanzdefizit schlecht?

Die Gleichung S−Iges=LB ist eine Buchungsidentität und kein Urteil. Ein Defizit kann sehr verschiedene Ursachen haben:

Aufholland: Es investiert viel und finanziert das mit Auslandskapital. Bringen die Investitionen mehr ein, als die Zinsen kosten, nützt das Defizit.
Konsumfinanzierung: Ein Land lebt dauerhaft über seine Verhältnisse. Die Nettoschuld steigt und belastet die künftige LB.

Entscheidend ist also das Warum.

11 Die Internationale Vermögensposition (IVP) ★★★

Die Zahlungsbilanz zeigt Ströme. Die IVP zeigt den Bestand an Auslandsforderungen und -verbindlichkeiten zu einem Stichtag.

IVP: zeigt zu einem Zeitpunkt den Bestand an finanziellen Forderungen (A) und Verbindlichkeiten (L) gegenüber dem Ausland. Sie hat dieselben Kategorien wie die Kapitalbilanz, aber Bestände statt Transaktionen.

Nettoauslandsvermögen: A−L

A−L>0: Nettogläubiger
A−L<0: Nettoschuldner

Das Nettoauslandsvermögen verändert sich auf zwei Wegen: durch Transaktionen (Kapitalbilanz) und durch Bewertungseffekte, also Kurs- und Wechselkursänderungen.

FormelVeränderung des Nettoauslandsvermögens
Δ(A−L)=KB+Bewertungseffekte

In Worten: Das Nettoauslandsvermögen steigt durch Netto-Anlagen im Ausland und durch Wertgewinne auf bestehende Anlagen.

KB = Nettozugang an Forderungen minus VerbindlichkeitenBewertungseffekte = Kurs- und Wechselkursänderungen
Beispiel ansehen

Ein Land hat Forderungen von 500 und Verbindlichkeiten von 400, also A−L=100. Im Jahr hat es ein Leistungsbilanzdefizit von 10, das heißt KB=−10. Gleichzeitig steigen die Kurse der Auslandsaktien und bringen einen Bewertungsgewinn von +25.

Δ(A−L)=−10+25=+15 → neues Nettoauslandsvermögen 115.

Ergebnis: Es steigt trotz Defizit.

Prüfungsfalle: Ein Leistungsbilanzdefizit verschlechtert das Nettoauslandsvermögen nicht zwingend. Starke Kursgewinne auf Auslandsanlagen können es trotzdem verbessern.

Strom- und Bestandsgrößen im Überblick

Strom (Zeitraum)Bestand (Zeitpunkt)
BIP, BNE, Konsum, Investitionen, Abschreibungen, SparenKapitalstock
Leistungs-, Vermögensübertragungs- und KapitalbilanzInternationale Vermögensposition
BudgetdefizitStaatsschuld
VertiefungBewertungseffekt am Wechselkurs-Beispiel

Ein Land (Inlandswährung Euro) besitzt Auslandsaktien im Wert von 200 US-Dollar und hat Verbindlichkeiten von 150 Euro. Anfangs gilt 1 € = 1 $.

1Forderungen in Euro: 200. Verbindlichkeiten: 150. Nettoauslandsvermögen: +50.
2Der Euro wertet ab, 1 € = 0,80 $. Die Aktien sind jetzt 200/0,80=250 € wert.
3Die Verbindlichkeiten lauten auf Euro und bleiben bei 150.
4Neues Nettoauslandsvermögen: 250−150= +100.

Ergebnis: Das Nettoauslandsvermögen hat sich ohne jede Transaktion verdoppelt. Hält ein Land seine Forderungen in Fremdwährung und seine Schulden in Inlandswährung, schützt ihn eine Abwertung. Umgekehrt trifft sie ein Land mit Fremdwährungsschulden hart, weil diese beim Umrechnen größer werden.

VertiefungWie Nettoschulden über die Zeit wachsen

Ein Land hat Forderungen von 300 und Verbindlichkeiten von 500, also A−L=−200. Der durchschnittliche Zins beträgt 4 %.

1Zinszahlungen ans Ausland: 200⋅0,04=8. Sie gehen als Minus in das NPI und damit in die LB.
2Selbst bei ausgeglichenem Handel ergibt das ein LB-Defizit von rund 8.
3Es wird durch neue Auslandsverbindlichkeiten finanziert, die Nettoschuld wächst weiter.

Strom (LB) und Bestand (IVP) beeinflussen sich also gegenseitig: Die Nettoschuld erhöht die Zinszahlungen, und diese erhöhen das Defizit.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann Gebietsansässigkeit erklären und begründen, warum die Staatsbürgerschaft nicht zählt.
Ich kann das BIP definieren und anhand einer Wertschöpfungskette zeigen, warum Vorleistungen nicht doppelt zählen.
Ich kann die BIA und das BIP über C+I+G+(X−M) berechnen.
Ich kann BIP und BNE unterscheiden und BNE=BIP+NPI anwenden.
Ich kann Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung nennen und erklären, warum sie dasselbe Ergebnis liefern.
Ich kann Bestands- und Stromgrößen unterscheiden und die Entwicklung des Kapitalstocks berechnen.
Ich kann die drei Teilbilanzen der Zahlungsbilanz beschreiben und KB=LB+VB begründen.
Ich kann Transaktionen doppelt buchen und die Kategorien der Kapitalbilanz zuordnen.
Ich kann S−Iges=LB herleiten und interpretieren.
Ich kann erklären, warum die IVP ein Bestand ist und warum Bewertungseffekte das Auslandsvermögen verändern.

Fertig gelesen? Teste, ob es sitzt.

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