- BIP = Wert der Endprodukte gebietsansässiger Einheiten; Vorleistungen werden nicht doppelt gezählt. Entscheidend ist der Wohnsitz der Einheit, nicht die Staatsbürgerschaft.
- Verwendungsrechnung: . Importe stecken in C, I, G und werden deshalb abgezogen.
- : Inlandskonzept (BIP) gegen Inländerkonzept (BNE).
- Entstehung, Verwendung und Verteilung messen dieselbe Leistung und liefern dasselbe BIP.
- Der Kapitalstock ist ein Bestand, Investitionen sind Ströme. ; bei schrumpft der Kapitalstock.
- Zahlungsbilanz: Leistungs-, Vermögensübertragungs- und Kapitalbilanz. Wegen doppelter Buchung gilt .
- : Ein Land mit Sparüberschuss legt netto im Ausland an.
- Die IVP ist ein Bestand. Das Nettoauslandsvermögen ändert sich durch Transaktionen und durch Bewertungseffekte.
Inhalt11 Abschnitte
Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.
1 Von der Mikro- zur Makroebene: Grundprinzipien #10 bis #13 ★★
Bisher ging es um einzelne Märkte. Jetzt betrachtest du die Volkswirtschaft als Ganzes: Warum wächst sie, warum sind Länder unterschiedlich reich, woher kommen Inflation und Arbeitslosigkeit? Um das zu beantworten, muss man die Größen zuerst messen. Genau das leistet die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR).
Die vier makroökonomischen Grundprinzipien
#10 genauer: Produktivität ist der reale Output (BIP) je eingesetzter Arbeitseinheit, etwa je Arbeitsstunde oder je Erwerbstätigem. Sie steigt mit mehr Kapital je Arbeitskraft, mehr Humankapital und Wissen, technischem Fortschritt und guten Institutionen.
#11 genauer: Potenzialoutput ist die Produktion, die eine Volkswirtschaft bei normaler Auslastung ihrer Kapazitäten dauerhaft erreichen kann. Die Outputlücke misst die Abweichung davon.
#12 genauer: Die Fiskalpolitik wirkt über Staatsausgaben und Steuern, die Geldpolitik über den Leitzins. Beide wirken nur mit Verzögerung und unter Unsicherheit.
#13 genauer: Hohe Nachfrage im Verhältnis zur Kapazität erzeugt Preisdruck. Ein Angebotsschock (z. B. teure Energie) kann gleichzeitig die Inflation erhöhen und die Produktion dämpfen. Auch Erwartungen zählen: Wer mit höheren Preisen rechnet, verlangt höhere Löhne und setzt höhere Preise an.
Einfach erklärt: Die Grundprinzipien sind die Landkarte für die Makroökonomie. Die VGR liefert die Messlatte, mit der man in dieser Landkarte Entfernungen abliest.
VertiefungDie vier Prinzipien an einem Beispiel
Stell dir ein kleines Land mit Kaffeehäusern, Bäckereien und Werkstätten vor.
In Worten: Das reale BIP wächst ungefähr so stark wie die Produktivität je Arbeitsstunde plus die geleisteten Arbeitsstunden insgesamt.
Beispiel ansehen
Die Produktivität steigt um 1,5 %, die Arbeitsstunden steigen um 0,5 %.
2 %
Ergebnis: Auf Dauer kommt der Großteil des Wachstums aus der Produktivität, denn die Arbeitsstunden können nicht beliebig zunehmen.
2 Die VGR: Regeln, Einheiten und Kreislauf ★★
Damit Zahlen über Zeit und zwischen Ländern vergleichbar sind, braucht es feste Regeln. Ohne sie könnte jedes Land das BIP nach Belieben berechnen.
Anforderungen an die Messung
ESVG 2010
ESVG 2010: Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Es legt Konzepte, Definitionen, Klassifikationen und Buchungsregeln für die VGR in der EU fest.
Wer zählt zur Volkswirtschaft?
UnternehmenStaatPrivate HaushalteAuslandInstitutionelle Einheit: wirtschaftliche Einheit, die in der Ausübung ihrer Hauptfunktion selbst entscheiden kann.
Gebietsansässigkeit: Eine Einheit gehört zu einer Volkswirtschaft, wenn der Schwerpunkt ihres wirtschaftlichen Interesses dort liegt, grundsätzlich seit einem Jahr oder länger. Staatsbürgerschaft, Eigentümer und Rechtsform spielen keine Rolle.
Einfach erklärt: Ein Softwareentwickler aus Bayern, der drei Jahre in Wien lebt und arbeitet, zählt zur österreichischen Volkswirtschaft. Ein Wiener Monteur, der zwei Wochen auf einer Baustelle in Italien arbeitet, bleibt in Österreich ansässig.
| Sektor | Wer gehört dazu? |
|---|---|
| Unternehmen | nichtfinanzielle (AG, GmbH, KG, OG, Genossenschaften) und finanzielle (Zentralbank, Banken, Versicherungen, Pensionskassen) |
| Staat | Bund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherungen |
| Private Haushalte | Arbeitnehmer:innen, Selbständige, Unternehmen ohne eigene Rechtspersönlichkeit |
| Übrige Welt | alle nicht gebietsansässigen Einheiten |
Prüfungsfalle: „Wer die österreichische Staatsbürgerschaft hat, gehört zur österreichischen Volkswirtschaft." Das ist falsch. Entscheidend ist die Gebietsansässigkeit.
VertiefungSonderfälle der Gebietsansässigkeit
Die Ein-Jahres-Regel ist nur die Grundidee. Für typische Sonderfälle gelten feste Zuordnungen:
| Fall | Zuordnung | Grund |
|---|---|---|
| Tourist, Geschäftsreisende | bleibt im Heimatland | Aufenthalt nur kurz |
| Grenzgänger:in | Wohnland | Lebensmittelpunkt dort |
| Botschaft, Konsulat | Entsendeland | extraterritoriales Gebiet |
| UNO-Organisationen in Wien | übrige Welt | gehören keinem Land an |
Die Beschäftigten einer internationalen Organisation, die dauerhaft in Wien leben, sind dagegen in Österreich ansässig. Auch eine Fabrik in ausländischem Besitz zählt zu Österreich, wenn sie hier dauerhaft produziert.
Der Wirtschaftskreislauf
HaushalteUnternehmenGüterKonsumausgabenLöhne, EinkommenArbeitHaushalte stellen den Unternehmen Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Boden) zur Verfügung und erhalten Faktoreinkommen (Löhne, Gewinne, Mieten). Die Unternehmen verkaufen Güter an die Haushalte und erhalten Konsumausgaben.
Was produziert, aber nicht verkauft wird, landet als Vorratsänderung im Lager. Dadurch stimmen die Seiten immer überein:
In Worten: Was produziert wird, wird auch ausgegeben, und jede Ausgabe ist das Einkommen von jemand anderem.
Beispiel ansehen
Eine Bäckerei backt Brot im Wert von 1.000 €. Verkauft werden 900 €, 100 € bleiben als Vorrat im Lager.
Ausgaben = 900 € Konsum + 100 € Vorratsänderung = 1.000 €. Das Einkommen aus der Produktion beträgt ebenfalls 1.000 €.
VertiefungDer erweiterte Kreislauf: Abflüsse und Zuflüsse
Im einfachen Kreislauf wird alles Einkommen konsumiert. In der Wirklichkeit „sickert" ein Teil des Einkommens aus dem Kreislauf, und anderes Geld fließt von außen hinein:
Verwendest du das Einkommen und die Verwendungsrechnung , folgt durch Gleichsetzen:
In Worten: Alles, was dem Kreislauf entzogen wird, kommt als Nachfrage wieder zurück, und zwar über Investitionen, Staat oder Ausland.
Beispiel ansehen
, , , , , Steuern (Einkommen aus dem Ausland und Transfers werden hier ausgeblendet).
Ergebnis: Beide Seiten sind gleich. Diese Gleichung ist der Vorläufer von in Abschnitt 10.
3 Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ★★★
Das BIP ist die wichtigste Zahl der VGR. Du solltest sie genau definieren und von verwandten Größen abgrenzen können.
Wertschöpfung je StufeWeizenMehlBrotBIP: Wert aller Waren und Dienstleistungen für die Endverwendung, die gebietsansässige Einheiten in einem Zeitraum produzieren.
Gleichwertig: Wert der gesamten Produktion minus Vorleistungen.
Vorleistungen: Güter, die im Produktionsprozess verbraucht, verarbeitet oder umgewandelt werden (Mehl in der Bäckerei, Strom in der Fabrik). Sie gehören nicht ins BIP, sonst würde man doppelt zählen.
Bruttowertschöpfung: Produktionswert minus Vorleistungen. Sie ist der Beitrag einer Stufe oder Branche zum BIP.
Rechenbeispiel Wertschöpfung statt Doppelzählung
Ein Kaffee wird in drei Stufen hergestellt:
| Stufe | Verkauf − Vorleistung | Wertschöpfung |
|---|---|---|
| Bauer verkauft Bohnen | 10 − 0 | 10 |
| Rösterei verkauft Röstkaffee | 30 − 10 | 20 |
| Café verkauft Getränke | 80 − 30 | 50 |
Summe der Verkäufe: 120. Summe der Wertschöpfungen: 80.
Ergebnis: Das BIP beträgt 80. Es entspricht dem Wert des Endprodukts. Die 120 wären falsch, weil Bohnen und Röstkaffee doppelt gezählt würden.
Was zählt nicht ins BIP?
Das BIP misst also die Produktion am Markt und nicht den Wohlstand insgesamt. Umweltschäden oder Freizeit fehlen.
VertiefungMarktpreise, Gütersteuern und das Netto-Inlandsprodukt
Die Branchen melden ihre Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen, also ohne die Gütersteuern (z. B. Umsatzsteuer), die der Staat aufschlägt. Zum BIP zu Marktpreisen kommt man so:
In Worten: Man addiert die Wertschöpfung aller Branchen, schlägt die Gütersteuern auf und zieht die Gütersubventionen ab.
Beispiel ansehen
Die Branchen erzeugen zusammen eine Wertschöpfung von 800. Der Staat erhebt 100 an Gütersteuern und zahlt 20 an Gütersubventionen.
880
Zieht man vom BIP die Abschreibungen ab, erhält man das Netto-Inlandsprodukt. Es zeigt, was nach dem Ersatz des Verschleißes tatsächlich neu zur Verfügung steht. Bei einem BIP von 880 und sind es 780.
Dass man trotzdem meist das Brutto-Maß verwendet, liegt daran, dass Abschreibungen schwer zu messen sind. Das BIP ist deshalb zuverlässiger und international besser vergleichbar.
VertiefungWarum das BIP kein Wohlstandsmaß ist
Auch Verteilung, Freizeit, Umweltqualität und Gesundheit fehlen. Ein Sonderfall: Wer in der eigenen Wohnung lebt, „zahlt" sich selbst Miete. Die VGR schätzt diese unterstellte Miete und rechnet sie ins BIP ein, damit Eigentümer:innen und Mieter:innen vergleichbar bleiben.
4 Bruttoinlandsausgaben und Verwendungsrechnung ★★★
Die Ausgabenseite fragt: Wofür wird das Produzierte verwendet?
Bruttoinlandsausgaben (BIA): alles, was Gebietsansässige für Konsum und Investitionen ausgeben.
In Worten: Alles, was Inländer für Konsum und Investitionen ausgeben, egal ob das Gekaufte im Inland oder im Ausland hergestellt wurde.
| Kürzel | Komponente | Inhalt |
|---|---|---|
| C | Private Konsumausgaben | Lebensmittel, Kleidung, Freizeit |
| I | Private Bruttoinvestitionen | Bruttoanlageinvestitionen plus Vorratsänderungen |
| G | Öffentliche Ausgaben | Staatskonsum und öffentliche Investitionen |
Details zu den Komponenten:
Prüfungsfalle: Pensionen und andere Transfers des Staates sind nicht Teil von . Sie sind keine Ausgaben für Güter, sondern Umverteilung von Einkommen.
VertiefungKonsum oder Investition? Eine Zuordnungshilfe
Die Grenze verläuft nicht nach „teuer" oder „billig", sondern danach, wer kauft und wofür das Gut dient:
| Vorgang | Zuordnung | Grund |
|---|---|---|
| Familie kauft ein Auto | C | Haushalte „investieren" im VGR-Sinn nicht, mit Ausnahme von Wohnbau |
| Familie baut ein Haus | I | Wohnbau gilt als Investition |
| Bäckerei kauft einen Ofen | I | Anlagegut, wird länger als ein Jahr genutzt |
| Bäckerei kauft Mehl | keine eigene Ausgabe | Vorleistung, steckt schon im Brotpreis |
| Bäckerei backt mehr, als sie verkauft | I | Vorratsänderung |
| Staat baut eine Schule | G | öffentliche Investition |
| Staat zahlt Pensionen | nicht in G | Transfer ohne Gegenleistung |
Der Kauf von Aktien taucht in dieser Tabelle gar nicht auf: Er ist ein Vermögenstausch und weder Konsum noch Investition im VGR-Sinn.
Vom Inlandskonzept zum BIP
Die BIA enthalten Importe, weil Inländer auch Importgüter kaufen. Sie enthalten aber keine Exporte, weil diese von Ausländern gekauft werden. Deshalb muss man korrigieren:
In Worten: Was im Inland produziert wird, wird hier konsumiert, investiert, vom Staat gekauft oder exportiert. Importe zieht man ab, weil sie in C, I und G stecken, aber im Ausland produziert wurden.
Beispiel ansehen
Ein Land hat C = 300, I = 90, G = 110, X = 200 und M = 180.
Die Differenz heißt Außenbeitrag oder Nettoexporte. Bei Importüberschuss ist sie negativ, und das BIP liegt unter den BIA.
Prüfungsfalle: „Importe senken das BIP." Das ist ein Denkfehler. Importe werden nur abgezogen, damit Auslandsproduktion nicht als Inlandsproduktion zählt. Wer mehr importiert, hat nicht automatisch ein kleineres BIP.
VertiefungWarum Importe abgezogen werden: ein Mini-Beispiel
Ein kleines Land kauft Konsumgüter für 40 ein: 30 sind im Inland hergestellt, 10 stammen aus dem Ausland (etwa Handyzubehör). Außerdem exportiert es heimische Waren für 15.
Ohne den Abzug von käme man auf 55 und würde 10 zu viel zählen: nämlich die Wertschöpfung, die im Ausland entstanden ist. Importe sind also nicht „schlecht für das BIP", sondern werden nur sauber aus der Rechnung herausgenommen.
5 Das Bruttonationaleinkommen (BNE) ★★★
Das BIP sagt, was im Land produziert wird. Das BNE sagt, was den Inländer:innen an Einkommen zufließt.
arbeitet im AuslandEinkommen fließt zurückInlandAuslandBNE: alle Primäreinkommen, die Gebietsansässigen in einem Zeitraum zufließen, egal wo sie entstanden sind.
Primäreinkommen: Einkommen aus der Mitwirkung an der Produktion oder aus der Bereitstellung von Vermögen.
| Komponente | Inhalt |
|---|---|
| Arbeitnehmerentgelte | Löhne und Gehälter plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber |
| Unternehmenseinkommen | Rest nach Arbeitnehmerentgelten und Produktionsabgaben |
| Produktionsabgaben minus Subventionen | v. a. Gütersteuern wie die Umsatzsteuer, die an den Staat gehen |
| Vermögenseinkommen | Zinsen, Ausschüttungen, reinvestierte Gewinne |
Unternehmenseinkommen ist nicht dasselbe wie der betriebswirtschaftliche Gewinn. In der VGR ist es ein Restbetrag aus dem Produktionsprozess.
Zahlungen zwischen Inländern verändern nur, wer innerhalb des Landes wie viel erhält. Erst grenzüberschreitende Primäreinkommen verändern das BNE gegenüber dem BIP.
In Worten: Zum BIP kommen Einkommen dazu, die Inländer aus dem Ausland erhalten. Einkommen, die an Ausländer fließen, gehen ab.
Beispiel ansehen
BIP = 520. Inländer erhalten 14 an Löhnen und Zinsen aus dem Ausland, Ausländer erhalten 9 aus dem Inland.
NPI = 14 − 9 = +5
BNE = 520 + 5 = 525
| BIP | BNE | |
|---|---|---|
| Frage | Was wird im Inland produziert? | Welches Einkommen erhalten Inländer? |
| Konzept | Inlandskonzept | Inländerkonzept |
Einfach erklärt: Eine Wienerin, die täglich nach Bratislava pendelt, erhöht dort das BIP. Ihr Lohn zählt aber zum österreichischen BNE. Dividenden eines österreichischen Konzerns an US-Aktionäre sind österreichisches BIP, aber US-BNE.
VertiefungZwei Länder im Vergleich: Wann liegt das BNE über dem BIP?
Ob ein Land ein positives oder negatives hat, hängt davon ab, wem die Produktionsmittel gehören und wo die Menschen arbeiten.
Faustregel: Länder mit großen Vermögensanlagen im Ausland haben tendenziell ein BNE über dem BIP. Länder, in denen viele Auslandskonzerne produzieren und Gewinne abführen, liegen eher darunter. Die Zahlen können sich deshalb deutlich unterscheiden, je nachdem, ob man auf das BIP oder das BNE schaut.
VertiefungDasselbe BIP auf drei Wegen gerechnet
Eine kleine Volkswirtschaft hat drei Branchen: Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen.
Alle drei Rechnungen führen zum selben Ergebnis, weil sie dieselbe Produktion nur unterschiedlich aufschlüsseln.
VertiefungWarum es immer aufgeht: Das Unternehmenseinkommen als Restgröße
Eine Bäckerei erlöst 1.000 und kauft Vorleistungen um 300. Die Wertschöpfung ist 700. Davon gehen 400 an Löhne und Sozialbeiträge und 50 an den Staat. Der Rest (250) ist das Unternehmenseinkommen.
Weil das Unternehmenseinkommen genau dieser Rest ist, muss die Verteilungsrechnung zur Entstehungsrechnung passen. Kleine Abweichungen in der Praxis kommen von unterschiedlichen Datenquellen und Schätzfehlern. Sie heißen statistische Differenz.
7 Investitionen, Abschreibungen und Kapitalstock ★★★
Hier musst du zwischen Beständen und Strömen unterscheiden. Das ist eine häufige Fehlerquelle.
Bruttoinvestitionen (Zufluss)KapitalstockAbschreibungen (Abfluss)Bestandsgröße: wird zu einem Zeitpunkt gemessen (der Wasserstand in der Badewanne).
Stromgröße: wird über einen Zeitraum gemessen (das Wasser, das pro Jahr zu- oder abfließt).
In Worten: Der Kapitalstock ist wie eine Badewanne: Investitionen fließen hinein, Abschreibungen fließen ab. Nur wenn mehr hinein- als hinausfließt, steigt der Wasserstand.
Beispiel ansehen
Eine Volkswirtschaft startet mit . Sie investiert , die Abschreibungen betragen .
Ergebnis: Trotz positiver Investitionen schrumpft der Kapitalstock.
Prüfungsfalle: „Positive Bruttoinvestitionen bedeuten einen wachsenden Kapitalstock." Das ist falsch. Entscheidend sind die Nettoinvestitionen.
VertiefungDrei Jahre Kapitalstock: Ersatz und Erweiterung
Ein Fahrradverleih rechnet mit Abschreibungen von 20 % des Kapitalstocks vom Jahresbeginn. Er startet mit .
Lesehilfe: Ein Teil der Bruttoinvestitionen ersetzt nur den Verschleiß (Ersatzinvestition, in Höhe von ). Nur der Rest ist Erweiterungsinvestition () und vergrößert den Bestand. Ist , bleibt der Kapitalstock gleich (). Das ist der „stationäre" Zustand.
Grafik lesen: Die Badewanne zeigt den Kapitalstock als Wasserstand. Der Zufluss (Hahn) sind die Bruttoinvestitionen, der Abfluss sind die Abschreibungen. Steht der Wasserstand höher als zuvor, war der Zufluss größer als der Abfluss.
8 Die Zahlungsbilanz: Aufbau und Leistungsbilanz ★★★
Offene Volkswirtschaften tauschen mit dem Ausland nicht nur Waren aus, sondern auch Einkommen, Transfers und Finanzanlagen. Die Zahlungsbilanz hält das fest.
Leistungsbilanz
(Güter, Dienste)Kapitalbilanz
(Vermögen, Geld)Beide Seiten gleichen sich ausZahlungsbilanz: erfasst systematisch alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Gebietsansässigen und der übrigen Welt in einem Zeitraum.
Sie besteht aus drei Teilbilanzen:
LB und VB bilden zusammen den realwirtschaftlichen Teil. Die KB ist der finanzwirtschaftliche Teil.
Leistungsbilanz
Die LB hat drei Bestandteile:
In Worten: Die Leistungsbilanz fasst alle laufenden Geschäfte mit dem Ausland zusammen: Handel mit Waren und Dienstleistungen, Einkommen über die Grenze und laufende Transfers.
Beispiel ansehen
Exporte 400, Importe 380. Primäreinkommen netto −6. Laufende Überweisungen netto −4.
+10
Das ist ein Leistungsbilanzüberschuss.
Vorzeichen: Einnahmen vom Ausland heißen Credit (z. B. Exporte), Ausgaben an das Ausland Debet (z. B. Importe). Der Saldo ist Credit minus Debet.
VertiefungCredit oder Debet? Eine Lesehilfe für die Vorzeichen
Die Frage lautet immer: Kommt Geld vom Ausland herein oder fließt es hinaus?
| Vorgang | Buchung | Wirkung auf die LB |
|---|---|---|
| Wiener Möbelhersteller verkauft ins Ausland | Credit | plus |
| Österreich importiert Gas | Debet | minus |
| Deutsche Gäste übernachten in Tirol | Credit (Dienstleistungsexport) | plus |
| Wiener Familie macht Urlaub in Kroatien | Debet (Dienstleistungsimport) | minus |
| Eine Wienerin erhält Zinsen aus dem Ausland | Credit (Primäreinkommen) | plus |
| Dividende an eine ausländische Aktionärin | Debet (Primäreinkommen) | minus |
| Überweisung an Verwandte im Ausland | Debet (Sekundäreinkommen) | minus |
Beachte: Auch Tourismus ist ein Export, wenn Ausländer im Inland Dienstleistungen kaufen. Es kommt nicht darauf an, ob etwas „Greifbares" über die Grenze geht.
Vermögensübertragungsbilanz
Prüfungsfalle: Sekundäreinkommen sind laufende Transfers (Leistungsbilanz), Vermögensübertragungen sind einmalige Transfers (Vermögensübertragungsbilanz).
9 Kapitalbilanz und doppelte Buchung ★★★
Die Kapitalbilanz zeigt die finanzielle Seite aller Geschäfte mit dem Ausland. Die Regel der doppelten Buchung sorgt dafür, dass sie zur realwirtschaftlichen Seite passt.
Kapitalbilanz
Die KB erfasst Transaktionen in Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Der Saldo ist der Nettozugang an Forderungen minus dem Nettozugang an Verbindlichkeiten.
| Kategorie | Inhalt |
|---|---|
| Direktinvestitionen | Beteiligungen ab 10 %, konzerninterne Kredite, Grundstückskäufe |
| Portfolioinvestitionen | Wertpapiere, soweit keine Direktinvestition |
| Finanzderivate | Optionen, Futures, Swaps |
| Sonstige Investitionen | Kredite, Bargeld, Einlagen, Handelskredite |
| Währungsreserven | Gold und Devisen der Zentralbank |
Eine Beteiligung von 5 % an einem Unternehmen ist daher eine Portfolioinvestition. Erst ab 10 % spricht man von Direktinvestition, weil man ab da Einfluss auf das Unternehmen nehmen kann. Die Grenze ist eine Konvention, damit alle Länder gleich zählen.
Prüfungsfalle: Ein positiver KB-Saldo bedeutet, dass das Land netto Forderungen gegenüber dem Ausland aufbaut, also Kapital ins Ausland fließt. Er ist kein „Kapitalzufluss".
Doppelte Buchung
Doppelte Buchung: Jede internationale Transaktion wird mit einer Buchung und einer Gegenbuchung in gleicher Höhe erfasst.
In Worten: Weil jede Transaktion doppelt gebucht wird, entspricht der finanzielle Teil dem realwirtschaftlichen Teil.
Beispiel ansehen
, .
+8
Ergebnis: Das Land baut netto 8 an Forderungen gegenüber dem Ausland auf.
Beispiele zum Durchdenken
| Vorgang | Buchung 1 | Buchung 2 |
|---|---|---|
| Möbelfirma exportiert um 8 und lässt auf ein Auslandskonto zahlen | LB: Export +8 | KB: Einlagen +8 |
| Fonds kauft Auslandsaktien um 5 und zahlt von einem Auslandskonto | KB: Portfolio +5 | KB: Einlagen −5 |
| Österreich überweist 2 laufende Hilfe | LB: Sekundäreinkommen −2 | KB: Forderungen −2 |
| Ein Kredit wird dem Ausland um 3 erlassen | VB: Übertragung −3 | KB: Forderungen −3 |
| Import um 4 auf Zahlungsziel | LB: Import −4 | KB: Verbindlichkeit +4 |
Prüfungsfalle: Ein Leistungsbilanzüberschuss geht mit einem positiven Kapitalbilanzsaldo einher (bei kleiner VB). Das Land baut Forderungen auf. Ein Defizit bedeutet, dass netto Verbindlichkeiten aufgebaut oder Forderungen abgebaut werden.
VertiefungDoppelte Buchung in vier Schritten
So gehst du bei jeder Aufgabe vor:
| Vorgang | Buchung 1 | Buchung 2 |
|---|---|---|
| Hotel erhält von Gästen aus dem Ausland 100 | LB: Dienstleistungsexport +100 | KB: Forderung gegen Ausland +100 |
| Hilfsgüter im Wert von 6 werden verschenkt | LB: Warenexport +6 | LB: Sekundäreinkommen −6 |
| Ausländische Tochterfirma in Wien verdient 10 und investiert alles wieder | LB: Primäreinkommen −10 | KB: Direktinvestition (Verbindlichkeit) −10 im Saldo |
10 Sparen, Leistungsbilanz und Auslandsvermögen ★★★
Hier schließt sich der Kreis: Die Leistungsbilanz hängt direkt daran, ob ein Land mehr spart, als es investiert.
Verfügbares Einkommen: BNE plus Saldo der Sekundäreinkommen mit dem Ausland ().
Gesamtwirtschaftliches Sparen: . Es ist das verfügbare Einkommen minus privater und staatlicher Konsum.
Herleitung in drei Schritten
In Worten: Spart ein Land mehr, als es investiert, legt es den Rest im Ausland an. Das zeigt sich als Leistungsbilanzüberschuss. Investiert es mehr, als es spart, braucht es Kapital aus dem Ausland.
Beispiel ansehen
Ein Land hat ein BIP von 400. Es spart und investiert .
+20, das sind 5 % des BIP.
Ergebnis: Überschuss. Das Land legt netto 20 im Ausland an.
| Situation | Bedeutung |
|---|---|
| Leistungsbilanzüberschuss: Ersparnisse werden im Ausland angelegt | |
| Leistungsbilanzdefizit: Investitionen werden netto aus dem Ausland finanziert |
Aus folgt bei kleiner VB: Ein Defizit geht mit einem negativen Kapitalbilanzsaldo einher. Der Zugang an Verbindlichkeiten oder der Abbau von Forderungen überwiegt.
Prüfungsfalle: „Sparen bedeutet, Finanzanlagen zu kaufen." Das ist nicht dasselbe. Sparen ist der nicht konsumierte Teil des Einkommens, der Kauf von Wertpapieren ist eine Verwendung davon.
VertiefungPrivates und staatliches Sparen: Zwillingsdefizite
Teilt man und auf Privatsektor (P) und Staat (G) auf, wird aus der Gleichung:
In Worten: Was der Privatsektor mehr spart als investiert, plus das Ergebnis des Staates, ergibt die Leistungsbilanz.
Beispiel ansehen
Der Privatsektor spart 100 und investiert 70. Der Staat hat einen Budgetsaldo von .
−10
Läge der Budgetsaldo bei , wäre die LB .
Ergebnis: Ein hohes Budgetdefizit kann mit einem Leistungsbilanzdefizit zusammenfallen („Zwillingsdefizit"). Zwingend ist das aber nicht, denn der Privatsektor kann sein Sparen verändern.
VertiefungIst ein Leistungsbilanzdefizit schlecht?
Die Gleichung ist eine Buchungsidentität und kein Urteil. Ein Defizit kann sehr verschiedene Ursachen haben:
Entscheidend ist also das Warum.
11 Die Internationale Vermögensposition (IVP) ★★★
Die Zahlungsbilanz zeigt Ströme. Die IVP zeigt den Bestand an Auslandsforderungen und -verbindlichkeiten zu einem Stichtag.
IVP: zeigt zu einem Zeitpunkt den Bestand an finanziellen Forderungen () und Verbindlichkeiten () gegenüber dem Ausland. Sie hat dieselben Kategorien wie die Kapitalbilanz, aber Bestände statt Transaktionen.
Nettoauslandsvermögen:
Das Nettoauslandsvermögen verändert sich auf zwei Wegen: durch Transaktionen (Kapitalbilanz) und durch Bewertungseffekte, also Kurs- und Wechselkursänderungen.
In Worten: Das Nettoauslandsvermögen steigt durch Netto-Anlagen im Ausland und durch Wertgewinne auf bestehende Anlagen.
Beispiel ansehen
Ein Land hat Forderungen von 500 und Verbindlichkeiten von 400, also . Im Jahr hat es ein Leistungsbilanzdefizit von 10, das heißt . Gleichzeitig steigen die Kurse der Auslandsaktien und bringen einen Bewertungsgewinn von +25.
→ neues Nettoauslandsvermögen 115.
Ergebnis: Es steigt trotz Defizit.
Prüfungsfalle: Ein Leistungsbilanzdefizit verschlechtert das Nettoauslandsvermögen nicht zwingend. Starke Kursgewinne auf Auslandsanlagen können es trotzdem verbessern.
Strom- und Bestandsgrößen im Überblick
| Strom (Zeitraum) | Bestand (Zeitpunkt) |
|---|---|
| BIP, BNE, Konsum, Investitionen, Abschreibungen, Sparen | Kapitalstock |
| Leistungs-, Vermögensübertragungs- und Kapitalbilanz | Internationale Vermögensposition |
| Budgetdefizit | Staatsschuld |
VertiefungBewertungseffekt am Wechselkurs-Beispiel
Ein Land (Inlandswährung Euro) besitzt Auslandsaktien im Wert von 200 US-Dollar und hat Verbindlichkeiten von 150 Euro. Anfangs gilt 1 € = 1 $.
Ergebnis: Das Nettoauslandsvermögen hat sich ohne jede Transaktion verdoppelt. Hält ein Land seine Forderungen in Fremdwährung und seine Schulden in Inlandswährung, schützt ihn eine Abwertung. Umgekehrt trifft sie ein Land mit Fremdwährungsschulden hart, weil diese beim Umrechnen größer werden.
VertiefungWie Nettoschulden über die Zeit wachsen
Ein Land hat Forderungen von 300 und Verbindlichkeiten von 500, also . Der durchschnittliche Zins beträgt 4 %.
Strom (LB) und Bestand (IVP) beeinflussen sich also gegenseitig: Die Nettoschuld erhöht die Zinszahlungen, und diese erhöhen das Defizit.