ZuWi · Kapitel 9/9

Maßnahmen & Strategien

Teil 3 · Umbrüche & Strategien28 Min. LesezeitRelevanz ★★★
Auf einen Blick
  • Meadows: Je wirksamer eine Maßnahme, desto größer der Systemwiderstand. Leicht umsetzbare Hebel bringen wenig, wirksame werden bekämpft.
  • Vier Interventionspunkte: Markttransparenz, Produktionseffizienz, ökologisch nachhaltige Grundsicherung, weniger Produktion und Konsum (nur Postwachstum).
  • Marktliberal setzt auf Unternehmen und Technologieneutralität, wohlfahrtskapitalistisch auf den Staat und missionsorientierte Politik (EGD), Postwachstum auf Konsumkorridore und Zivilgesellschaft.
  • VVV-Modell: Vermeiden (absolute Reduktion), Verlagern (nachhaltigere Form), Verbessern (Punkt-Effizienz). Alle drei nötig, aber Vermeiden braucht Priorität.
  • Liberaler Globalismus (WTO, EU-Binnenmarkt; marktliberal oder kosmopolitisch) dominierte bis 2008; aktuell herrscht der nationale Kapitalismus (reaktionär oder wohlfahrtskapitalistisch).
  • Mehrebenen-Transformation: Synthese aus kosmopolitischem Globalismus und wohlfahrtskapitalistischem nationalem Kapitalismus; alle Ebenen, keine ist per se besser.
  • Global gilt planetarische Koexistenz: Minimalkonsens (Menschenrechte, ILO-Kernnormen), Nicht-Einmischung, multipolare Weltordnung. Maßnahmen müssen wünschenswert, wirksam und durchführbar sein.
  • Demokratie bleibt Herrschaft; Regeln beschränken und ermöglichen zugleich. Transformation by design statt by disaster, dazu Grundversorgung für alle als Basis breiter Bündnisse.
Inhalt23 Abschnitte
Wie willst du lernen?

Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.

Die letzten Abschnitte fragen: Was kann man konkret tun, wer kann es tun und welche Gesamtstrategie ist sinnvoll? Grundlage sind die APCC-Klimaberichte: Verantwortungsvolles Einzelverhalten (weniger Fleisch, Auto, Flüge) ist gut, aber viel weniger wirksam als gemeinsames Gestalten von Rahmenbedingungen (Gesetze, Infrastruktur, Preise). Dieses Gestalten ordnet man nach der Systematik der Wirtschaftspolitik: Ziele – Mittel (Maßnahmen) – Träger (Akteure).

1 Ziele der drei Leitbilder ★★

Alle wollen ungefähr dasselbe Endziel, aber sie gewichten völlig anders. Hier merkst du dir pro Leitbild das Oberziel und die wichtigsten Folgen daraus.

Das gemeinsame Ziel

Das Ziel lautet: gutes Leben für alle, ohne die ökologischen Belastungsgrenzen zu überschreiten, dazu Frieden und Demokratie. Es wird breit geteilt, das Pariser Klimaabkommen und die SDGs haben fast alle Staaten unterschrieben.

VertiefungDer Haken am Wertekonsens

Der Wertekonsens ist oberflächlich. Im Alltag zählt kurzfristig oft anderes. Firmen investieren in Grünes, wenn es sich rechnet. Haushalte ändern ihre Routinen ungern. Staaten versprechen viel und bauen trotzdem weiter emissionsintensive Infrastruktur.

Marktliberalismus

Oberziel: individuelle Freiheiten so wenig wie möglich antasten, also negative Freiheit (Freiheit von Zwang, vor allem von staatlichem) ausweiten.

Gefordert ist eine möglichst allumfassende Marktordnung: Eigentum, Verträge und Wettbewerb werden gesichert und durchgesetzt.
Auch die Grundversorgung (Wohnen, Pflege, Wasser) soll marktwirtschaftlich organisiert sein.
Verbote und Marktbeschränkungen werden eher abgelehnt. Der Staat sorgt für die Ordnung, entscheiden sollen Unternehmen und Konsument:innen („Souveränität“).
VertiefungMarktliberalismus: Kompass und Technologieneutralität
Völlig freie Märkte gibt es nie, doch das Ideal sich selbst regulierender Märkte dient als Kompass für Entscheidungen.
Dazu gehört Technologieneutralität: Der Staat bevorzugt keine bestimmte Technik.

Wohlfahrtskapitalismus

Oberziel: materiellen Wohlstand gewährleisten und absichern. Der Kapitalismus soll mit sozialer Gerechtigkeit (in grünen Varianten auch mit Ökologie) verbunden werden.

Die Hoffnung stammt aus dem 20. Jahrhundert: Sozialstaaten haben Armut und Arbeitslosigkeit großteils beseitigt, also soll das auch bei der Ökologie gelingen.
Der Lebensstandard soll durch mehr Produktion und Einkommen steigen, aber mit weniger Material und Emissionen.
Wie im Marktliberalismus ist grünes Wachstum zentral: Win-win vermeidet Streit und Polarisierung.

Postwachstum

Oberziel: ein gelungenes Leben (eudaimonia) unter neuen, nachhaltigen gesellschaftlichen Naturverhältnissen.

Man muss mit dem Wachstumszwang des Kapitalismus brechen und aus dem ausbeuterischen Verhältnis zur Natur aussteigen.
Nötig sind eine steady-state economy (Wirtschaft ohne Wachstum, auf stabilem Niveau) und eine gesicherte Grundversorgung.
Leitprinzip ist Suffizienz: das richtige Maß. Manche Bereiche müssen wachsen (z. B. Pflege), andere dürfen schrumpfen (z. B. Bodenversiegelung).
VertiefungPostwachstum: Rolle des Staates und globale Zivilgesellschaft
Die Rolle des Staates ist umstritten: Er wäre für Rahmenbedingungen nötig, verfestigt aber oft Nicht-Nachhaltiges. Der Fokus auf nationale Souveränität wird kritisiert, weil Probleme oft grenzüberschreitend sind.
Mehr als die anderen setzt das Leitbild auf globale Zivilgesellschaft und selbstbestimmte Freiräume „von unten“.

Einfach erklärt: Drei Gründerinnen eröffnen ein Kaffeehaus. Die erste will vor allem freie Hand (Marktliberalismus). Die zweite will sichere Einnahmen und gute Gehälter (Wohlfahrtskapitalismus). Die dritte will ein Lokal, das dauerhaft gut läuft, ohne ständig größer zu werden (Postwachstum).

Prüfungsfalle: Das Oberziel des Marktliberalismus ist nicht Wohlstandssicherung (das ist der Wohlfahrtskapitalismus) und nicht „gelungenes Leben“ (Postwachstum).

2 Interventionspunkte nach Meadows ★★★

Maßnahmen haben unterschiedliche Hebelwirkung. Dieser Abschnitt ist zentral, besonders die Zuordnung der Hebel zu den Leitbildern.

Meadows und der Systemwiderstand

Systemwiderstand: Widerstand eines Systems (Politik, Wirtschaft, Gewohnheiten) gegen Veränderung.

Die Systemtheoretikerin Donella Meadows beschrieb einen Zielkonflikt: Der Widerstand wächst mit der Wirksamkeit einer Maßnahme. Was leicht durchgeht, bringt wenig. Was viel bringt, wird bekämpft.

Daran angelehnt gibt es vier Interventionspunkte (Hebelpunkte, an denen man eingreifen kann).

Interventionspunkte nach Meadows: Je weiter rechts oben, desto wirksamer – und desto größer der Systemwiderstand. Von Markttransparenz über Effizienz und nachhaltige Grundsicherung bis zu Lebensweisen mit weniger Produktion und Konsum.WirksamkeitSystemwiderstandMarkttransparenz schaffenProduktionseffizienz steigernNachhaltige GrundsicherungWeniger Produktion & Konsum
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Interventionspunkte nach Meadows: Je weiter rechts oben, desto wirksamer – und desto größer der Systemwiderstand. Von Markttransparenz über Effizienz und nachhaltige Grundsicherung bis zu Lebensweisen mit weniger Produktion und Konsum.
InterventionspunktWirksamkeit / WiderstandPasst zu
1. Markttransparenz schaffengering / geringv. a. Marktliberalismus
2. Produktionseffizienz steigernmäßig / relativ geringMarktliberalismus, Wohlfahrtskapitalismus
3. Ökologisch nachhaltige Grundsicherungmittel / mittelWohlfahrtskapitalismus, Postwachstum
4. Weniger Produktion und Konsumam höchsten / am höchstennur Postwachstum
VertiefungWas mit allen Leitbildern vereinbar ist
Abbau umweltschädlicher Subventionen (z. B. Steuerbefreiung für Flugbenzin).
Internalisierung externer Kosten, etwa über eine ökologische Steuerreform: Wer Schäden verursacht, zahlt dafür.
Beides wird trotzdem oft nicht umgesetzt, weil mächtige Interessen dagegenstehen.
Gegenbeispiel: Ein öffentlich gefördertes, gemeinnütziges Wohnen passt kaum zum Marktliberalismus. Und die Technologieneutralität lehnt der Wohlfahrtskapitalismus ab.

Prüfungsfalle: Hebel 4 (weniger Produktion und Konsum) gibt es nur im Postwachstum. Hebel 1 und 2 sind mit ihm vereinbar, stehen aber nicht im Zentrum.
Prüfungsfalle: Effizienz zu steigern, nur um weiter zu wachsen, passt nicht zu den Zielen des Postwachstums.

3 Hebel 1: Markttransparenz, Kostenwahrheit und Emissionshandel ★★★

Markttransparenz schaffen

Markttransparenz: Käufer:innen und Anleger:innen können erkennen, was ein Produkt oder Unternehmen sozial und ökologisch wirklich bedeutet.

Dieser Hebel ist leicht umsetzbar, aber wenig wirksam. Hilfsmittel sind:

ESG-Reporting (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) bei Unternehmen.
Gütesiegel und Marken für fair, bio oder regional, z. B. FAIRTRADE.
EU-Taxonomie: einheitliches Raster, welche Wirtschaftstätigkeiten als ökologisch nachhaltig gelten. Die Social Taxonomy macht das Gleiche für soziale Ziele. Beide sollen Geld in nachhaltige Bereiche lenken.
CSR (Corporate Social Responsibility): freiwillige Berichte der Unternehmen über ihr Geschäftsmodell.

Die Gefahr heißt Greenwashing bzw. Socialwashing: Nur ausgewählte, gute Seiten werden offengelegt. Auch Siegel und Taxonomien sind dagegen nicht ganz gefeit.

Prüfungsfalle: FAIRTRADE ist ein Beispiel für Markttransparenz (Information für Konsument:innen), nicht für staatliche Regulierung.

Kostenwahrheit und Subventionen

Kostenwahrheit: Der Preis enthält die ökologischen und sozialen Kosten. Das ist die Voraussetzung für das Verursacherprinzip: Wer emittiert, trägt die tatsächlichen Kosten.

Nur mit internalisierten externen Effekten bekommen Haushalte und Firmen die richtigen Preissignale. Kostet CO₂ etwas, wird weniger ausgestoßen.
VertiefungKlimaschädliche Subventionen in Zahlen
Dafür müssen klimaschädliche Subventionen weg: Steuerfreiheit für Kerosin, Förderung fossiler Infrastruktur (etwa Regionalflughäfen), in Österreich die Steuerbegünstigung für Diesel.
Fossile Subventionen lagen 2020 weltweit bei rund 6,8 % der Wirtschaftsleistung. Ihr Abbau samt besserer Bepreisung könnte die CO₂-Emissionen um etwa 36 % senken.

Der EU-Emissionshandel (ETS)

Emissionshandel (ETS): Unternehmen in bestimmten Branchen brauchen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat. Das schafft einen Anreiz zum Sparen.

Es gibt drei Kritikpunkte:

1Kommodifizierung von Gemeingütern: Luft oder Artenvielfalt werden zu künstlichen privaten Gütern (Zertifikaten) gemacht. Das braucht neue Regeln und Aufsicht, und biophysische Prozesse sind schwer exakt messbar.
2Machtverhältnisse: Energieintensive Branchen (Grundstoffe, Stahl) setzten per Lobbying Gratiszertifikate durch. Deshalb war das System lange kaum wirksam. Erst 2026 bis 2034 laufen sie ganz aus.
3Eigenlogik der Finanzmärkte: Der Zertifikatspreis hängt stark von Kursschwankungen anderer Finanzprodukte ab, vor allem der Rohstoffbörsen, und weniger vom Energiemarkt selbst.

4 Hebel 2: Produktionseffizienz steigern ★★★

Produktionseffizienz: mit weniger Material und Energie dasselbe herstellen. Das soll Wachstum von Ressourcenverbrauch und Emissionen entkoppeln. Der Hebel ist relativ leicht umsetzbar, aber nur mäßig wirksam. Das Mittel ist Industrie- und Innovationspolitik, und hier zeigen sich zwei Leitbilder sehr verschieden.

Marktliberal:

Innovationspolitik ist technologieneutral: Der Markt findet die beste Technik.
Zukunftsfähige Investitionen werden über Steuererleichterungen und Förderungen unterstützt.
Ein Verbot von Verbrennungsmotoren wird abgelehnt. Höhere Steuern auf Fossiles sind dagegen vereinbar, wenn sie Kostenwahrheit schaffen.
Verantwortung und Macht bleiben bei den Unternehmen.

Wohlfahrtskapitalistisch:

Sozio-technisches Innovationsverständnis: Nicht nur Technik, sondern das ganze System (Regeln, Gewohnheiten, Akteure) muss sich ändern.
Missionsorientierte Industriepolitik: Sie dient klaren Zielen (z. B. Klimaschutz).
Der Staat ist Stratege, Entwickler und Nachfrager zugleich.
Übernimmt er Risiko (Förderungen, Beihilfen), muss die Allgemeinheit etwas zurückbekommen: Gegenleistung (quid pro quo), etwa Standort- und Jobgarantien, hohe Standards oder Gewinnbeteiligung.

Einfach erklärt: Ein Fahrradverleih bekommt vom Staat Geld für neue E-Räder. Im Gegenzug muss er Stationen auch in schwach besiedelten Gegenden betreiben und fair zahlen. Das ist quid pro quo.

5 Der European Green Deal (EGD) ★★★

Die EU-Industriepolitik ist weiterhin wesentlich marktliberal (Wettbewerb, Technologieneutralität, Schutz geistigen Eigentums). Wohlfahrtskapitalistische Ansätze gewinnen aber an Gewicht, vor allem durch den EGD:

Klimaneutralität bis 2050 und Entkopplung von Wachstum und Ressourcennutzung.
Re-Industrialisierung und strategische Unabhängigkeit bei kritischen Gütern (z. B. Chips, Medikamente), mit stärker regionalen Lieferketten.
Wirksame CO₂-Bepreisung plus Klimazoll (CBAM) gegen Carbon Leakage, also die Abwanderung emissionsintensiver Produktion in Länder mit laxeren Regeln.
Gerechter Übergang: Ausgleich und Umschulung für betroffene Branchen und Regionen (Kohle, Auto) über den Just-Transition-Fonds. Allerdings braucht es dafür noch systematischere Maßnahmen für die Grundversorgung.
VertiefungEGD: IPCEI, Landwirtschaft und grüne Finanzierung
IPCEI: Schlüsseltechnologien von europäischem Interesse dürfen trotz Verbots nationaler Beihilfen gefördert werden.
Landwirtschaft: Pestizide minus 50 % und 25 % Bio-Fläche bis 2030.
Grüne Finanzierung: Green Bonds und Green Loans. Die Europäische Investitionsbank vergibt Kredite nach grünen Kriterien (bis zu einer Billion Euro bis 2030).

6 Hebel 3: Ökologisch nachhaltige Grundsicherung ★★★

Hier geht es um die zwei wirksamsten Hebel. Gerade Hebel 3 und 4 werden gern verwechselt.

Grundsicherung

Grundsicherung: Die soziale Absicherung (Wohnen, Energie, Mobilität, Ernährung) wird so bereitgestellt, dass sie auch ökologisch tragfähig ist.

Warum ist das nötig? Klimaschutz ohne soziale Absicherung erzeugt Widerstand, etwa bei hohen Energiekosten. Gleichzeitig ist die Grundversorgung heute ressourcen- und emissionsintensiv (v. a. Wohnen, Mobilität, Ernährung) und muss selbst ökologisiert werden. Soziale Absicherung war Oberziel des Wohlfahrtskapitalismus und ist auch im Postwachstum wichtig.

Geld- oder Sachleistungen

ArtBeispieleHaltung
GeldleistungenPflegegeld, Familienbeihilfe, Klimabonus, Grundeinkommenvon allen Leitbildern unterstützt
Sachleistungenöffentliche Schulen, Spitäler, Öffiswirksamer, v. a. für Wohlfahrtskapitalismus und Postwachstum

Universal Basic Services: bedingungsloser Zugang für alle Menschen eines Gemeinwesens zu sieben Bereichen: Bildung, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Kinderbetreuung, Internet, Mobilität.

Gegenüber profitorientierter Bereitstellung deckt das Bedürfnisse universeller ab (Zugang als soziales Recht) und braucht weniger Energie.
VertiefungHaltung der Leitbilder und Anbieter
Marktliberale mögen Geldleistungen, weil sie am wenigsten in den Markt eingreifen.
Die anderen beiden Leitbilder akzeptieren Eingriffe, wenn sie dem Allgemeinwohl dienen und Teilhabe erweitern.
Anbieten kann der Staat, aber auch Private oder intermediäre Organisationen (weder Markt noch Staat, z. B. NPOs, Gemeinnützige).

Gesellschaftliche Betriebslizenzen

Diese Leistungen werden oft in geschützten Bereichen, manchmal als natürliche Monopole (z. B. Wasser) erbracht. Dann ist es angemessen, dass die Anbieter dafür etwas leisten (quid pro quo).

Gesellschaftliche Betriebslizenz: Wer in einem solchen Bereich tätig sein darf, muss Kriterien erfüllen, etwa zu Qualität, Preis, Entlohnung, Gewinnausschüttung, Ressourcenschonung und Dekarbonisierung.

VertiefungBetriebslizenzen in Österreich
In Österreich bindet das Wohngemeinnützigkeitsgesetz gemeinnützige Bauträger an leistbares Wohnen, begrenzten Gewinn und Wiederinvestition.
Es kann Gewinnorientierten sogar verboten sein, in einem Bereich tätig zu sein: Im Burgenland dürfen nur Gemeinnützige Pflege anbieten.

Ökosoziale Steuerreform

Ökosoziale Steuerreform: Sie verfolgt zwei Ziele zugleich: Überkonsum verteuern und Grundversorgung sichern.

Nötig sind ein progressives Steuersystem (nach Leistungsfähigkeit), hohe Spitzensteuersätze und eine Vermögenssteuer mit Freibeträgen für die Mittelschicht.
VertiefungÖkosoziale Steuerreform: weitere Mittel
Entlastet werden Berufe, die der Markt schlecht bezahlt (Elementarpädagogik, unbezahlte Sorgearbeit).
Reiche emittieren viel mehr, die Besteuerung wirkt also auch ökologisch.
Ergänzend: öffentliche Förderungen (Dämmung, Erneuerbare, regionale Bio-Landwirtschaft) und nachhaltige öffentliche Beschaffung. Dabei fließen soziale und ökologische Standards neben dem Preis in Ausschreibungen ein. Die EU-Regeln erlauben das schon, werden aber kaum genutzt.

Prüfungsfalle: Universal Basic Services sind Sach-, keine Geldleistungen. Ein Grundeinkommen ist dagegen eine Geldleistung.

7 Hebel 4: Neubewertung von Wirtschaftsbereichen ★★★

Hebel 4: Leben und Arbeiten so umbauen, dass ein gelungenes Leben auch mit weniger Produktion und Konsum möglich ist. Er ist am wirksamsten, stößt auf den größten Widerstand und steht dem Postwachstum nahe. Er lässt sich in drei Bereiche gliedern.

(1) Neubewertung von Wirtschaftsbereichen

Kollektiver Konsum wird wichtiger als individueller: Parks und Bäder statt vieler Privatpools, Öffis und Carsharing statt Privatauto, Gemeinschaftsräume statt ungenutzter Wohnfläche.
Sachleistungen zählen mehr als Geldleistungen, und Prävention (gesunde Ernährung, weniger Stress, aktive Mobilität) gewinnt an Bedeutung.
VertiefungGreen jobs, Sorgearbeit und Grundprinzipien
Brown jobs (ressourcen- und emissionsintensiv) werden zu green jobs (sparsam). Das soll durch Umschulungen und eine sozialökologische Jobgarantie (Recht auf Arbeit in nachhaltigen Sektoren wie Pflege oder Handwerk) gelingen.
Unbezahlte Sorgearbeit (großteils von Frauen) wird durch lebenswerte Nachbarschaften und öffentliche Dienste entlastet.
Grundprinzipien: mehr öffentliche Investitionen statt Privatkonsum, mehr Zeit statt mehr Einkommen für Gutverdienende und eine sozial-ökologische Umverteilung.

Innovation und Exnovation

Innovation und Exnovation: Das Neue (Innovation) ist nur die halbe Miete, das Alte muss auch beendet werden (Exnovation). Wer die Öffis ausbaut, aber gleichzeitig immer mehr Privatautos produziert, kommt nicht weit. Die Autobranche braucht dann neue Geschäftsmodelle, die weniger Autos herstellen. Widerstand kommt von Machtkomplexen und von Menschen, die ihre Gewohnheiten behalten wollen.

Prüfungsfalle: Exnovation heißt, Nicht-Nachhaltiges zu beenden, nicht, Neues zu erfinden.

8 Hebel 4: Konsumkorridor, Arbeitszeit und Umverteilung ★★★

(2) Andere Verteilung und Beschränkung von Überkonsum

Konsumkorridor (MINIMAX-Modell): Für alle gibt es ein Minimum (floor), das Grundbedürfnisse sichert, und ein Maximum (ceiling), das Überkonsum begrenzt.

Das Minimum wird gesichert durch ausreichendes Einkommen samt Geldleistungen, durch Sachleistungen und durch Steuern, Förderungen und Gebühren, die einen Grundverbrauch (z. B. Energie, Wasser, Wohnfläche) gratis oder billig machen.
Das Maximum ist nötig, weil Ressourcen und Emissionsbudget knapp sind. Nur wenn niemand zu viel verbraucht, haben langfristig alle genug.
VertiefungKonsumungleichheit und Mittel gegen Überkonsum
Ungleichheit im Verbrauch ist groß: Die reichsten 10 % kaufen weltweit etwa 70 % der Autos und nutzen rund 75 % der Flugenergie.
Mittel: progressive Steuern, Verbote (Kurzstreckenflüge, Autos in Ortskernen), hohe Steuern oder Verbote für Luxus wie häufiges Fliegen, SUVs, Kreuzfahrten. Werbung kann streng beschränkt werden, ähnlich wie bei Tabak oder Medikamenten.
Ein rechtliches Beispiel ist die Unterscheidung zwischen Hauptwohnsitz („Minimum“) und Zweitwohnsitz („Luxus“).

Arbeitszeitverkürzung

Arbeitszeitverkürzung als Umverteilung von Zeit:

Keynes erwartete schon in den 1930ern, dass eine 15-Stunden-Woche künftig genügt, um die materiellen Bedürfnisse zu stillen (unbegrenzte Wünsche aber nicht).
Frigga Haug entwarf die Vier-in-einem-Perspektive: Die 16 wachen Stunden teilen sich in je 4 Stunden Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, eigene Entwicklung und Politik/Gemeinwesen. Das ist ein Kompass, keine strenge Vorgabe, und zielt auf geschlechtergerechte Arbeitsteilung.
VertiefungZeit für ressourcenschonenden Alltag

Weniger Erwerbsarbeit macht ressourcenschonende, aber zeitaufwendige Alltagsformen leichter, z. B. gemeinsam kochen oder Kinder ohne Auto abholen.

VertiefungNord-Süd-Umverteilung

Der globale Norden hat historisch am meisten zur Erderhitzung beigetragen. Der Loss-and-Damage-Fonds (COP27) schafft erstmals die Grundlage, dass Hauptverursacher Länder entschädigen, die von der Klimakrise besonders getroffen sind.

Prüfungsfalle: Beim Konsumkorridor sind beide Grenzen wichtig. Ein Minimum ohne Maximum (oder umgekehrt) ist nicht das MINIMAX-Modell.

9 Hebel 4: Experimente mit neuen Wirtschaftsformen ★★★

(3) Experimente mit neuen Wirtschaftsformen

Die künftige Form des Wirtschaftens ist unbekannt, also braucht es Ausprobieren. Es gibt sieben Beispiele:

1Reparatur- und Kreislaufwirtschaft: statt linear (Rohstoff gewinnen → verarbeiten → konsumieren → Abfall) wird repariert, wiederverwendet, recycelt. Das schafft Jobs vor Ort. Dazu zählen das Recht auf Reparatur und die Ökodesign-Verordnung der EU.
2Regionalisierte Alltagsökonomie → sozialökologische Infrastrukturen: Nahversorgung, Handwerk, Energiegenossenschaften, Gemeinschaftswohnen. Sie sind für alle zugänglich und leistbar und erleichtern klimafreundliches Leben. Beispiel: Alles Wichtige ist zu Fuß erreichbar, oder ein lebendiger Ortskern am Land.
3Community Wealth Building: große lokale Ankerinstitutionen (Universitäten, Spitäler) kaufen bewusst regional ein. Das stärkt kleine Betriebe und Genossenschaften und begrenzt die Macht transnationaler Konzerne.
4Public-Civil Partnerships: Staat und Zivilgesellschaft arbeiten zusammen. Beispiel: die Wasserversorgung Eau de Paris mit Vorstand aus Gemeinde, Beschäftigten und NGOs.
5Sozialwirtschaft: Gewinn ist nachrangig, Überschüsse werden meist reinvestiert, die Struktur ist demokratisch oder partizipativ. Dazu zählen traditionelle Sozialwirtschaft, Solidarische Ökonomie und Sozialunternehmen. In Europa arbeiten dort über 13 Millionen Menschen.
6Commoning: selbstorganisierte Nutzung von Gemeingütern (Wasser, Land, Wissen) mit klaren Regeln, etwa die Almwirtschaft oder gemeinsame Fischgründe.
7Prosuming: man ist gleichzeitig Produzent:in und Konsument:in, z. B. mit eigener Photovoltaikanlage samt Speicher.

10 Akteure: Einzelne und Haushalte ★★

Wer macht das alles? Es gibt vier Träger. Einzelne haben im Alltag wenig Spielraum, deshalb zählt gemeinsames Handeln.

Warum Einzelverhalten nicht reicht

Heute können Einzelne kaum zukunftsfähig leben. Infrastruktur, Gesetze, Geld und Zeit setzen enge Grenzen (vgl. grauer Fußabdruck). Nicht-Nachhaltigkeit wirkt oft wie Zwang.
Menschen verursachen Strukturen meist unbewusst und ungewollt: Wer ein Elektroauto kauft, will keinen Raubbau am Rohstoff, wer online bestellt, kein Geschäftesterben, und trotzdem passiert es.
Deshalb braucht es andere Rahmenbedingungen durch koordiniertes, zielorientiertes Zusammenarbeiten. Hannah Arendt nennt das Handeln (einen Anfang machen, Neues in die Welt bringen), hier heißt es Gestalten.
VertiefungMehr als Konsument:innen

Menschen sind mehr als Konsument:innen: Sie sind auch Beschäftigte, Nachbar:innen, Eltern und Bürger:innen. Gestalten kann jede und jeder, aber gemeinsam.

Haushalte

Der Alltag (Arbeitsweg, Einkauf) hängt von Rahmenbedingungen ab, die Haushalte kaum beeinflussen, z. B. wo es Jobs und leistbaren Wohnraum gibt.
Doch der Spielraum bei großen Lebensentscheidungen ist beträchtlich: Wohnort, Wohnform, Arbeitsplatz, Urlaub, Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.
VertiefungHaushalte: Wohnlage und Abhängigkeiten
Zukunftsfähig ist gut angebundenes Wohnen. Billiger Baugrund weit weg von den Öffis wirkt nur kurzfristig günstig.
Zukunftsfähig ist auch, Abhängigkeiten zu verringern (Fixkosten und Kredite niedrig, keine überflüssig große, schlecht gedämmte Wohnung). Das macht auch bei der Jobwahl freier.

11 Akteure: Unternehmen, Zivilgesellschaft, öffentliche Hand ★★

Private Unternehmen

Sie haben Produzentensouveränität: Mit ihrem Geschäftsmodell bestimmen sie, was am Markt angeboten und wie produziert wird (z. B. linear oder Kreislauf).
Shareholder Value passt nur dann zur Zukunftsfähigkeit, wenn man darauf vertraut, dass sich diese wie durch eine unsichtbare Hand ergibt. Bei Stakeholder Value müssen sie zwischen kurz- und langfristigen Zielen abwägen.
VertiefungUnternehmen: Wettbewerb und Interessenvertretungen
Auch große Firmen können wegen des Wettbewerbs nur begrenzt nachhaltig sein: Manchmal bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, als Umwelt- und Sozialkosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Sie brauchen daher öffentliche Vorgaben und Förderungen. Sind die Märkte richtig gestaltet, rechnet sich klimafreundliches Verhalten.
Wichtig ist, wofür Interessenvertretungen (Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung) eintreten: für möglichst wenige oder für möglichst wirksame Regeln.

Zivilgesellschaft

Sie wirkt auf zwei Arten:

1Soziale Dienstleister (intermediäre Institutionen): Caritas, Diakonie, Volkshilfe mit Pflege-, Obdachlosen- oder Flüchtlingseinrichtungen. Dazu Tauschkreise, Lokalwährungen und Food Coops.
2Politische Rolle: Fehlentwicklungen aufzeigen, Anwaltschaft für Benachteiligte, Lobbying, Demonstrationen und ziviler Ungehorsam. Beispiel: Fridays for Future. Es gibt auch zivilgesellschaftliche Gruppen, die Einschränkungen der Freiheit ablehnen (etwa Autoverkehrsbeschränkungen, Impfpflicht).

Für alle gilt: Wirksam wird sie nur im koordinierten Handeln mit öffentlichen Akteuren. Taube Regierungen oder autoritäre Systeme machen Protest und soziale Innovationen wirkungslos.

Öffentliche Akteure

Sie sind zentral: Sie legen per Gesetz und Programm die Rahmenbedingungen fest, regeln Märkte und Eigentumsrechte und bestimmen Qualität und Zugang von Infrastruktur.
In Demokratien haben sie demokratische Autorität und lösen Zielkonflikte. Ihre Macht ist in liberalen Demokratien durch Grundrechte begrenzt.
VertiefungÖffentliche Akteure: Wirkung und Werkzeuge
Ohne Öffis ändern Pendelnde ihr Verhalten nicht, ohne Kostenwahrheit ändern Firmen ihr Modell nicht.
Politische Entscheidungen gelten meist für alle und sind daher umkämpfter als die von Haushalten oder Firmen. Sie erweitern oder beschränken den Möglichkeitsraum künftigen Handelns.
Werkzeuge: Steuer-, Geld-, Industrie- und Infrastrukturpolitik.

Prüfungsfalle: Im Marktliberalismus stehen Unternehmen im Zentrum, im Wohlfahrtskapitalismus die öffentlichen Akteure, im Postwachstum die Zivilgesellschaft als Innovatorin.

12 Fazit: Leitbilder im Vergleich ★★★

Das Fazit zeigt, wie das Leitbild bestimmt, wer was wie macht. Die drei Tabellen unten solltest du dir gut einprägen.

Die drei Leitbilder im Vergleich

LeitbildHebel (Interventionspunkte)Wirksamkeit / Widerstand
MarktliberalismusMarkttransparenz, Produktionseffizienzgering / gering
WohlfahrtskapitalismusProduktionseffizienz, Grundsicherungmittel / mittel
PostwachstumGrundsicherung, absolute Reduktion von Produktion und Konsumhoch / hoch, derzeit schwer durchführbar
LeitbildTypische MaßnahmenVVV-Schwerpunkt
MarktliberalismusInformation, Kostenwahrheit, technologieneutrale InnovationVerbessern
Wohlfahrtskapitalismusökosoziale Steuerreform, missionsorientierte Industriepolitik (EGD), GrundversorgungVerbessern und Verlagern
Postwachstumsozialökologische Infrastruktur, Konsumkorridore, Arbeitszeitverkürzung, ExperimenteVermeiden
LeitbildWesentliche AkteureRolle der Zivilgesellschaft
MarktliberalismusUnternehmen dominant, Staat sichert die Marktordnung, Haushalte als Konsument:innenuntergeordnet, Sorgearbeit Privatsache
WohlfahrtskapitalismusStaat und Unternehmen gestalten gemischte Wirtschaft, Staat zentraluntergeordnet
PostwachstumStaat setzt Suffizienzgrenzen, private Firmen arbeiten in gemeinwohlorientierten Regelnsozialer Innovator, Sorgearbeit aufgewertet

Kritik und Grenzen je Leitbild

Marktliberal: Nachhaltige Produkte bleiben in Nischen, die sich Ärmere oft nicht leisten können. Wer nur auf Preise und Eigenverantwortung setzt, individualisiert und moralisiert kollektive Probleme (Klimakrise, Pandemie). Zivilgesellschaftliche Forderungen (z. B. Mieterschutz, Produktverbote) gelten als Gefahr für die Marktordnung.
Wohlfahrtskapitalistisch: Eine gesicherte Grundversorgung macht veränderungsbereit. Ökologisierung allein reicht aber nicht. Neue Technik allein genügt nicht, es braucht Suffizienz.
Postwachstum: Es ist das einzige Leitbild mit grundlegender Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Der Widerstand ist hoch.

Gesamtbild: Kein Leitbild allein liefert die Lösung. Multiperspektivität erweitert den Horizont, Widersprüche müssen aber benannt werden.

VertiefungKritik im Detail: Energie und Widerstand gegen Postwachstum
Wohlfahrtskapitalistisch: Grundbedürfnisse sind zwar mit erstaunlich wenig Energie deckbar, doch die heutigen Spitzenverbraucher müssten bis zu 95 % einsparen.
Postwachstum, Gründe für den Widerstand: Die Grundversorgung wurde bisher mit wachsender Wirtschaft finanziert (Steuereinnahmen). Postwachstum ist (noch) wenig populär, Konsumbeschränkungen werden oft abgelehnt. Ökodiktaturen lehnen alle ab, daher beschränken sich viele Maßnahmen auf Nischen mit Gleichgesinnten, und die Wirkung bleibt klein.

13 Das VVV-Modell (Avoid – Shift – Improve) ★★★

VVV-Modell: Es stammt aus den 1990er-Jahren und ordnet Maßnahmen in drei Gruppen: Vermeiden, Verlagern, Verbessern.

VVV-Modell: Vermeiden hat Vorrang, dann Verlagern, dann Verbessern. Alle drei ergänzen sich.① Vermeiden② Verlagern③ Verbessern
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VVV-Modell: Vermeiden hat Vorrang, dann Verlagern, dann Verbessern. Alle drei ergänzen sich.
GruppeBedeutungMobilitätsbeispiel
Verbessern (Improve)dieselbe Sache effizienter (Punkt-Effizienz)Verbrenner → E-Auto
Verlagern (Shift)auf eine nachhaltigere Form wechselnAuto → Öffis (kollektiv statt individuell)
Vermeiden (Avoid)absolute Reduktion (Systemeffizienz)Wege gar nicht nötig machen, z. B. durch Nahversorgung
Die Klimaforschung betont: Es geht um Sowohl-als-auch, nicht Entweder-oder. Besonders wirksam sind Bündel aus verschiedenen Perspektiven.
Aber: Vermeiden kam in politischen Entscheidungen bisher zu kurz und muss Priorität bekommen, wenn das Ziel erreicht werden soll.

Einfach erklärt: Eine Bäckerei will weniger Verpackungsmüll. Verbessern: dünnere Papiersackerl. Verlagern: Mehrweg-Boxen statt Einweg. Vermeiden: Brot einfach lose und ohne Verpackung verkaufen.

Prüfungsfalle: VVV steht für Vermeiden, Verlagern, Verbessern, nicht für Vorbeugen oder Verringern.
Prüfungsfalle: Sparsamere Autos sind Verbessern, nicht Vermeiden. Vermeiden ist die Reduktion des Verbrauchs selbst.
Prüfungsfalle: Das Postwachstum lehnt Innovation und Effizienz nicht ab. Sie sind vereinbar, stehen aber nicht im Zentrum.
Prüfungsfalle: Auch im Postwachstum spielen private Unternehmen eine Rolle, sie sind nur nicht die Einzigen, die das Wirtschaften gestalten.

14 Liberaler Globalismus: Überblick und marktliberale Variante ★★★

Dieser Abschnitt bezieht ausdrücklich Stellung. Zwei Varianten gelten als gefährlich (für Wissenschaft, Demokratie und Zukunftsfähigkeit): die reaktionäre des nationalen Kapitalismus und die marktliberale des liberalen Globalismus. Zuerst die zwei bisher herrschenden Strategien.

Liberaler Globalismus: Überblick

Liberaler Globalismus: Strategie, globale Probleme global zu lösen. Es gebe keine Alternative zur Hyperglobalisierung.

Wurzel: der Marktliberalismus, dominant nach 1989 (Niederlage des Staatssozialismus). Höhepunkt war die Gründung der WTO 1995.
Die Schwächung des Nationalen gilt als unvermeidbar und gut: Nationalismus brachte viel Leid, und Nationalstaaten grenzen per Definition Nicht-Mitglieder aus.
VertiefungEU-Binnenmarkt und neoliberale Regulationsweise
In der EU: der Binnenmarkt mit den vier Freiheiten (Personen, Waren, Dienstleistungen, Kapital). Nationale Eingriffe sind nur in Ausnahmen erlaubt, der EuGH steht über nationalen Gerichten.
Historisch war das die Zeit der neoliberalen Regulationsweise, die nach der regulierten fordistischen Phase die Globalisierung neu entfesselte.

Es gibt zwei Varianten.

Marktliberaler Globalismus

Er baute eine neoliberale Global Governance auf („neuer Konstitutionalismus“): Marktliberale Prinzipien stehen in internationalen Verträgen. Diese gehen nationalem Recht vor.
Dadurch lässt sich die Weltwirtschaftsordnung kaum mehr demokratisch ändern. Sanktionierbare Regeln beschränken sich auf Wirtschaftsthemen.
Leitspruch TINA („There is no alternative“), von Hayek inspiriert. Vertreten von Thatcher und Reagan, aber auch von Clinton und Schröder.
Merkels „marktkonforme Demokratie“: Demokratische Regeln sind zweitrangig gegenüber der marktliberalen Ordnung.
VertiefungInstitutionen und Eingriffe in die Souveränität
Wichtige Institutionen sind die WTO und internationale Schiedsgerichte. Auch der EuGH kontrolliert, ob nationale Regeln Marktfreiheiten einengen. Ein Abweichen ist nur aus „zwingenden Gründen des Allgemeininteresses“ und mit dem mildesten Mittel erlaubt.
Eingriffe in die Souveränität: etwa Strukturanpassungsprogramme.

15 Kosmopolitischer Globalismus und Krise ★★★

Kosmopolitischer Globalismus

Vor allem von progressiven Neoliberalen vertreten. Ziel ist eine kosmopolitische Welt- und Werteordnung.
Er will die globale Marktordnung um globale politische Steuerung ergänzen: Menschenrechte und liberale Demokratie weltweit, dazu globale Arbeitsmärkte und digitale Plattformen.
Demokratie wird über Stakeholder-Demokratie gestärkt: Konsultationen und Konferenzen mit der Zivilgesellschaft, die aber nicht durch Wahlen legitimiert sind.
MerkmalMarktliberalKosmopolitisch
SchwerpunktMarkt und WirtschaftsrechtWerte, Menschenrechte, Demokratie
TrägerNeoliberaleprogressive Neoliberale
MittelWTO, Schiedsgerichte, StrukturanpassungSanktionen, Bündnisse, Interventionen
VertiefungBilanz, Sanktionen und Doppelmoral
Die Bilanz über Wirtschaft hinaus blieb bescheiden: Abkommen wie Paris sind bindend, aber nicht wirksam sanktionierbar.
Bei Bedarf werden Sanktionen und auch humanitäre Kriege unterstützt, oft mit dem Ziel eines Regime Change (Ersetzung einer Regierung). Beispiele: Afghanistan, Irak, Libyen.
Problem: Der Westen misst im Umgang mit dem globalen Süden mit zweierlei Maß (Kolonialvergangenheit, nicht eingelöste Klimahilfen, fehlende Impfkooperation).

Krise des liberalen Globalismus

WTO-Verhandlungen stocken, stattdessen mehr bilaterale Abkommen (CETA, EU-Mercosur). China treibt die Seidenstraße voran.
VertiefungBündnisse und Unterstützung der Strategie
Kosmopolitische Globalist:innen stärken transatlantische Bündnisse westlich-liberaler Staaten gegen Autokratien, oft militärisch im Rahmen der NATO.
Unterstützt wird die Strategie von der neuen Mittelschicht, besonders den Milieus Performer und Kosmopolitische Individualisten. Die kosmopolitische Variante spricht zusätzlich Teile der Postmateriellen und Progressiven Realisten an.

16 Nationaler Kapitalismus ★★★

Nationaler Kapitalismus: Strategie, wieder nationale Handlungsspielräume zu nutzen (Migrations-, Handelspolitik), bei gleichzeitiger Beibehaltung der kapitalistischen Wirtschaft.

Spätestens mit der Finanzkrise 2008 geriet der liberale Globalismus in die Krise. Es folgten nicht-liberale Regierungen in Osteuropa, der Brexit 2016 und der Sieg Trumps über Hillary Clinton.
Heute ist diese Strategie die vorherrschende.
VertiefungSinkende Legitimität liberaler Demokratien

Die Legitimität liberaler Demokratien sinkt (z. B. niedrige Wahlbeteiligung). Wirtschaftliche und kulturelle Verunsicherung stärkt Gegenbewegungen.

Reaktionäre Variante

Sie ist vor allem eine Gegenreaktion auf den progressiven Neoliberalismus und bietet symbolischen Schutz vor Veränderung.
Verunsicherung wird in einem Kulturkampf genutzt, mit Feindbildern wie Migrierte, Veganismus, Homosexuelle, Radfahrende, Schutzmasken.
Merkmale: traditionelle Geschlechterrollen, neokoloniale Weltordnung mit white supremacy, antidemokratisch und wissenschaftsfeindlich. Checks and Balances und Oppositionsrechte werden geschwächt, kritische Justiz ausgetauscht.
Wirtschaftspolitisch mit dem Marktliberalismus vereinbar: Bündnis mit Teilen der Neoliberalen (Musk, Thiel, Thinktanks wie das Cato-Institut). Sie fürchten zu mächtige demokratische Institutionen und den Einfluss nicht-westlicher Staaten. Umgekehrt kritisieren viele Marktliberale die Aushöhlung der Demokratie.
VertiefungReaktionäre Variante: Weltbild und Vertreter
Ein gutes Leben ist nur für wenige vorgesehen, internationale Zusammenarbeit nur mit Gleichgesinnten. Migration wird abgelehnt oder als Gastarbeitsregime organisiert.
Vertreter: Trump („America First“, demontierte die WTO durch Boykott von Richterbesetzungen), große Teile der US-Republikaner, Bolsonaro, Orbán, Kaczyński.
Auch Teile der Oberschicht (Milieu: Konservativ-Etablierte) unterstützen sie.

Wohlfahrtskapitalistische Variante

Sozialdemokratisch geprägt, lehnt die dogmatische Marktpräferenz ab: Gemischte Wirtschaft gilt als widerstandsfähiger.
Nach innen: sozialer Zusammenhalt, Grundversorgung als soziales Recht, Rückkehr zu Regulierungen, gerechter Übergang bei der Klimakrise.
Ökologie ist zweitrangig gegenüber sozialen Problemen wie Lebenshaltungskosten, gelöst wird mit Technik und grünem Wachstum.
VertiefungWohlfahrtskapitalistische Variante: Beispiele und Milieus
Beispiel: Joe Biden mit nationaler Industriepolitik und selektivem Protektionismus. Auch die EU sucht Reshoring/Nearshoring (Rückverlagerung von Produktion nach Europa) und weniger Abhängigkeit, etwa von russischem Gas.
Attraktiv für die traditionelle Mittelschicht (Milieu: Nostalgisch-Bürgerliche) sowie untere Mitte und Unterschicht (Milieu: Traditionelle).

Einfach erklärt: Ein Dorfwirtshaus soll den Leuten Sicherheit bieten. Die reaktionäre Variante sperrt die Tür für Fremde und schimpft auf „die da oben“. Die wohlfahrtskapitalistische Variante schaut, dass sich alle im Dorf das Essen leisten können, ohne Fremde auszuschließen.

Prüfungsfalle: Beide Varianten des nationalen Kapitalismus wollen globale Abhängigkeiten verringern und nationale Spielräume nutzen. Beide akzeptieren den Kapitalismus als gegeben.
Prüfungsfalle: Die WTO und der EU-Binnenmarkt gehören zum liberalen Globalismus, nicht zum nationalen Kapitalismus.
Prüfungsfalle: Merkels „marktkonforme Demokratie“ gehört zum marktliberalen Globalismus, nicht zum kosmopolitischen.
Prüfungsfalle: Aussagen wie „Wir holen uns die Souveränität zurück, raus aus den Abkommen“ passen zum reaktionären nationalen Kapitalismus, nicht zum liberalen Globalismus.
Prüfungsfalle: In den letzten Jahrzehnten dominierte der liberale Globalismus, aktuell gewinnt der nationale Kapitalismus. Die Mehrebenen-Transformation ist (noch) nicht dominant.

17 Mehrebenen-Transformation: Die Idee ★★★

Das ist die hier bevorzugte Strategie. Sie soll die Schwächen der beiden Vorläufer vermeiden.

Die Idee: Synthese

Sie ist eine Synthese aus dem kosmopolitischen liberalen Globalismus und dem wohlfahrtskapitalistischen nationalen Kapitalismus. Sie greift deren Vorteile auf und überwindet ihre Schwächen.
„Mehrebenen“: Der Globalismus bevorzugt die globale, der nationale Kapitalismus die nationale Ebene. Die Mehrebenen-Strategie betrachtet alle räumlichen Ebenen gleichwertig (global, makroregional, national, regional, lokal). Keine Ebene ist per se besser. Dazu kommen alle Akteure und viele Maßnahmen.
„Transformation“: Die beiden anderen Strategien unterschätzen, wie tiefgreifend die ökologischen Umbrüche sind, und ignorieren die Postwachstumsdebatte. Hier wird die kapitalistische Wirtschaftsweise problematisiert. Im Zentrum steht die nachhaltige Bereitstellung der Lebensgrundlagen innerhalb der ökologischen Grenzen.
Mehrebenen-Transformation: Gestalten auf allen Ebenen – von innen nach außen lokal, regional, national, global.lokalregionalnationalglobal
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Mehrebenen-Transformation: Gestalten auf allen Ebenen – von innen nach außen lokal, regional, national, global.
Unvereinbar mit zukunftsfähigem Wirtschaften sind die reaktionäre Variante des nationalen Kapitalismus (polarisierend, wissenschaftsfeindlich, gegen Demokratie und Menschenrechte) und die marktliberale Variante des liberalen Globalismus (verbindliche Wirtschaftsregeln schränken Gestaltungsspielräume ein, Gegenbewegungen werden unterschätzt).
VertiefungWas sie von beiden Strategien übernimmt
Mit dem wohlfahrtskapitalistischen nationalen Kapitalismus verbindet sie: mehr politische Gestaltungsspielräume, eigene Entwicklungswege, Schlüsselrolle des Staates. Aber: Frühere Erfolge sind in der Klimakrise nicht einfach wiederholbar.
Mit dem kosmopolitischen Globalismus verbindet sie: Ernstnehmen internationaler Zusammenarbeit, Sorge um den Planeten, Suche nach friedlicher Weltpolitik.
VertiefungAutorität und Akteure der Mehrebenen-Strategie

Sie beruht auf wissenschaftlicher und demokratischer Autorität und den Institutionen der liberalen Demokratie, bindet viele Akteure ein, nutzt historische Erfahrung und aktuelle Experimente und ist bescheidener und inkludierender.

18 Nachhaltig leben in einer liberal-republikanischen Demokratie ★★★

Die Herausforderung: Nicht-Nachhaltiges beenden, ohne die Vorzüge der liberalen Demokratie zu verlieren.

Liberale Demokratien vereinen (nach Kelsen) liberale und republikanische Elemente. Seit dem Aufstieg des (hyper-)individualistischen Menschenbilds überwiegen die liberalen. Nötig ist eine Rückbesinnung auf republikanische Prinzipien (Allgemeinwohl, Verantwortung füreinander, starker Sozialstaat).
Transformation by disaster: Veränderung kommt abrupt, chaotisch und mit vielen Verlierenden, wie bei den hektischen Eingriffen in der Pandemie. Transformation by design: vorausschauend gestalten. Das erfordert auch eine Transformation des Politischen: Menschen sind Bürger:innen mit Rechten und Verantwortung.
Demokratie bleibt eine Form von Herrschaft, aber die mit dem geringsten Zwang. Grenzenlose Selbstbestimmung lässt sich mit ihr nicht vereinbaren.
VertiefungRegeln beschränken und ermöglichen
Jede Regel beschränkt und ermöglicht zugleich. Verbote gibt es längst überall (z. B. im Straßenverkehr). Die politische Frage lautet nur, was eingeschränkt wird, damit anderes möglich wird. Zum Beispiel erleichtern Tempolimits und Fahrverbote das Radfahren und Gehen.
Transformation by design heißt fördern, beschränken und festlegen, womit aufgehört werden muss, etwa bei Verbrennungsmotoren, Gasheizungen, Fast Fashion, Bodenversiegelung.
VertiefungWirtschaftliche Macht begrenzen, Eigentum verpflichtet
Wirtschaftliche Macht begrenzen: Politik und Wirtschaft sollen getrennt bleiben, das wird aber oft verletzt (Lobbying, Machtkomplexe wie der fossile und der finanzwirtschaftliche).
Eigentum ist sozialpflichtig: Wer Privilegien wie beschränkte Haftung hat, schuldet der Gesellschaft Gegenleistungen. Das geht über gesellschaftliche Betriebslizenzen auf regionaler, nationaler und makroregionaler Ebene.

Prüfungsfalle: Auch die Mehrebenen-Transformation versteht Demokratie als Herrschaft. Sie will Herrschaft demokratisch gestalten, nicht abschaffen.

19 Gestalten auf allen Ebenen: lokal und national ★★★

Dezentral geht vieles besser (das lernt man vom Marktliberalismus), deshalb sind Märkte wichtige Institutionen. Es braucht aber auch demokratisch erarbeitete Regeln und Einrichtungen, die sie durchsetzen (Verwaltung, Polizei, Gerichte).

EbeneWesentliche HebelHinweis
LokalAlltagsökonomie, Reparatur, Mietrecht, Flächenwidmung, Begegnungszonen, GrünräumeAutos stehen etwa 23 h am Tag und verstellen den Raum
NationalSteuern, Sozialpolitik, UBS, ökosoziale Steuerreform, Konsumkorridore, Arbeitszeitweiterhin mächtigste Ebene
Makroregional (EU)EU-Steuerpolitik, Lieferkettengesetz, Finanztransaktionssteuer, Plattformregulierung, EGDneue Ebene schaffen
Globalplanetarische Koexistenz, Gemeingüter, SteuernMinimalkonsens

Lokal: Hier findet der Alltag statt. Allgemeinwohlorientierte Regeln (Mietrecht, Flächenwidmung) schaffen raumbildende Infrastrukturen, etwa Begegnungszonen. Grünräume reduzieren Hitze und soziale Ungleichheit und sind Prävention.

National: Nationalstaaten wurden durch die Gegenbewegungen zur Hyperglobalisierung gestärkt. Sie haben die meisten Ressourcen, historisch gewachsene demokratische Institutionen und völkerrechtlich geschützte Souveränität. Sie behalten auch in der EU Spielraum in Fiskal- und Sozialpolitik.

20 Gestalten auf allen Ebenen: EU und global ★★★

Makroregional (EU)

Die vielen kleinen Nationalstaaten sind eher mit Provinzen anderer Weltteile vergleichbar und allein überfordert. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum kann Abhängigkeiten von autoritären Regimen verringern und der Macht globaler Machtkomplexe Grenzen setzen:

gegen transnationale Konzerne: EU-Steuerpolitik, Lieferkettengesetze, Sozialwirtschaft.
gegen Finanzmarktakteure: Kapitalverkehrskontrollen, Finanztransaktionssteuer, Regulierung ausländischer Direktinvestitionen.
gegen digitale Plattformen: Datenschutz und Plattformregulierung.
Merksatz: Konzerne können Österreich ignorieren, nicht aber Europa.
Ziel: eine gemischtwirtschaftliche Wirtschaftsverfassung, in der demokratisch legitimierte Entscheidungen über der Marktordnung stehen. Heute ist sie im Kern eine marktliberal inspirierte Marktordnung.
VertiefungEU: Geldpolitik, NextGenerationEU und Regionalisierung
Geld- und Finanzpolitik (EIB, EZB) in den Dienst der Energiewende und der Jobgarantie stellen. Der EGD ist eine Säule.
NextGenerationEU (gemeinsame Schulden) ist ein positives Beispiel für Solidarität.
Regionalisierung hier ist kein Sprungbrett für den Weltmarkt wie im marktliberalen Globalismus. Andere Beispiele regionaler Integration: Mercosur, NAFTA, AFTA, AfCFTA.

Global

Global: Grundprinzip ist die planetarische Koexistenz: friedliches Zusammenleben auf dem Planeten.

Minimalkonsens: Menschenrechte und die ILO-Kernarbeitsnormen (Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen, keine Zwangsarbeit, keine Kinderarbeit, Diskriminierungsverbot). Sie sind von knapp 140 Staaten ratifiziert.
Darüber hinaus Regeln für globale Gemeingüter (Klima, Biodiversität, Frieden) und Steuern, um Steuervermeidung zu erschweren.
Kein Export des westlichen Modells und Nicht-Einmischung, also kein Regime Change von außen. Das Völkerrecht garantiert souveräne Gleichheit und Selbstbestimmung. Ausnahmen sind UNO-Mandate, die von allen Mitgliedern des Sicherheitsrats getragen werden.
VertiefungGlobal: Werte, Spielraum und multipolare Ordnung
Die gemeinsame Werte- und Interessenbasis ist „dünner“, als Kosmopolit:innen hoffen. Liberale Demokratie gilt nicht weltweit als Ideal.
SDGs und Paris lassen nationalen Spielraum bei der Umsetzung, was ihre breite Anerkennung erklärt. Es fehlen aber Sanktionen.
Am besten funktioniert das in einer multipolaren Weltordnung (ohne Hegemon, flachere Hierarchien). Die UNO („ein Land, eine Stimme“) wäre ihr Rückgrat, steckt aber in der Krise (weniger Beiträge, Blockaden im Sicherheitsrat). Europa müsste akzeptieren, dass andere Regionen eigene Wege gehen und mehr Einfluss beanspruchen.

Prüfungsfalle: Planetarische Koexistenz bedeutet Nicht-Einmischung, nicht den Export von Demokratie oder Regime Change.

21 Gestalten ist möglich, aber anstrengend ★★★

Das 1,5-Grad-Ziel ist zunehmend unwahrscheinlich, Katastrophen (Extremwetter, Kipppunkte, Fluchtbewegungen) werden häufiger. Aber jedes Zehntel Grad zählt. Aufgeben ist keine Option.
Gebraucht werden Klimaschutz (mitigation) und Klimawandelanpassung (adaptation). Beispiel: Eine Stadt der kurzen Wege spart Emissionen und stärkt die lokale Widerstandsfähigkeit (Resilienz).
VertiefungZwei Arten des Zusammenlebens

Gestalten ist eine soziale Kompetenz. Es gibt zwei Arten des Zusammenlebens: in Gemeinschaften Gleichgesinnter (Familie, Vereine, Umweltgruppen), die durch soziale Homophilie (Tendenz, mit Ähnlichen zu verkehren) und Social-Media-Blasen verstärkt werden, und mit Andersdenkenden und Anderslebenden. Letzteres ist in polarisierten Zeiten die zentrale Herausforderung. Dafür braucht es Multiperspektivität, Dialogfähigkeit und Kompromisse.

Drei Kriterien für zukunftsfähige Maßnahmen

1Wünschenswert: Sie unterstützen Ziele, die sich ein Gemeinwesen gesetzt hat. Die Ziele sind hier die sozialökologische Transformation und die universelle Gleichheit aller Menschen (SDGs). Ökologische Belastungsgrenzen sind handlungsleitende Orientierungen, keine unumstößlichen „hard facts“. Sie beruhen auf Wissenschaft, werden aber politisch ausgehandelt.
2Wirksam: Sie umfassen Hebel mit hohem Transformationspotenzial. Meist braucht es ein Bündel, denn Markttransparenz und Effizienz allein reichen nicht, auch Suffizienz (Konsumkorridore: Genug-Haben im doppelten Sinn, „für niemanden zu wenig“ und „für niemanden zu viel“).
3Durchführbar: Sie sind im konkreten Kontext trotz Systemwiderstand machbar.

Prüfungsfalle: Ein Vorschlag kann wünschenswert und wirksam, aber nicht durchführbar sein. Dann fehlt eines der drei Kriterien.

22 Beteiligung, Bündnisse und Schlusserkenntnisse ★★

Beteiligung und Bündnisse

Klimarat Österreich (100 Personen) und Convention Citoyenne pour le Climat (150) sind zufällig und repräsentativ ausgewählte Bürger:innen, die mit wissenschaftlicher Beratung wirksame Vorschläge erarbeiten. Sie verbinden wissenschaftliche mit demokratischer Autorität, wirken aber nur mit Unterstützung der Politik. Solche Formate verknüpfen repräsentative, deliberative und partizipative Demokratie.
Für die Mehrheit sind Umweltanliegen nachrangig gegenüber Lebenshaltungskosten und Arbeitsplatz. Darum hat Grundversorgung für alle hier und jetzt Vorrang. Sie hilft allen Milieus (leistbares Wohnen, Internet, Nahversorgung, Grünräume, Pflege) und ermöglicht milieuübergreifende Bündnisse. Das verringert Unsicherheit und macht Kulturkämpfe schwerer.
VertiefungDurchführbarkeit und Hegemoniefähigkeit
Durchführbarkeit zeigt sich schwierig, z. B. bei den Gelbwesten in Frankreich, die gegen höhere Abgaben auf Treibstoff protestierten.
Die Strategie hat bisher wenige ausdrückliche Anhänger:innen, am ehesten im grünen Wohlfahrtskapitalismus und im pragmatisch-institutionellen Postwachstum. Langfristig gilt sie aber als hegemoniefähig, d. h. sie könnte verändern, was als „normal“ gilt.

Die vier Schlusserkenntnisse

1Angst vor Veränderung überwinden: In unsicheren Zeiten will man bewahren, aber Veränderung kommt ohnehin. Verweigerung ist eine Sackgasse.
2Mut, Anstrengung und Engagement: Veränderung gemeinsam und demokratisch gestalten. Rechte gehen mit Verantwortung einher, gewohnte Freiheitsräume müssen gegebenenfalls aufgegeben werden. Es braucht mutige Politiker:innen, engagierte Bürger:innen, handelnde Haushalte, verantwortungsvolle Unternehmen, eine aktive Klimabewegung und offene Wissenschaftler:innen.
3Neugierig bleiben: andere Milieus und Weltteile kennenlernen, die „versteckte“ Arbeit anderer sehen, die Komfortzone der Gleichgesinnten verlassen.
4Differenzen und Konflikte sind unvermeidbar: Es gibt keinen Wunderweg. Die Macht der gegenwärtigen Machtkomplexe muss beschränkt werden, durch neue, auch unkonventionelle Bündnisse (Konservative und Progressive, Zivilgesellschaft, Staat, Wissenschaft, Interessenvertretungen, weitblickende Unternehmen). Wer das Gemeinsame vor das Trennende rückt, stärkt die Solidarität.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann Ziel, Mittel und Träger erklären und die Oberziele der drei Leitbilder nennen.
Ich kann Meadows' Aussage zum Systemwiderstand erklären und die vier Interventionspunkte den Leitbildern zuordnen.
Ich kann Markttransparenz, Kostenwahrheit, Greenwashing und die drei Kritikpunkte am ETS erklären.
Ich kann den Unterschied zwischen marktliberaler und wohlfahrtskapitalistischer Innovationspolitik sowie die wichtigsten Punkte des EGD erklären.
Ich kann Universal Basic Services, gesellschaftliche Betriebslizenzen und die ökosoziale Steuerreform erklären.
Ich kann Konsumkorridore (MINIMAX), Arbeitszeitverkürzung (Keynes, Haug) und die sieben Experimente für neue Wirtschaftsformen nennen.
Ich kann die vier Akteursgruppen und ihre Rolle in den Leitbildern beschreiben.
Ich kann das VVV-Modell erklären, jeder Gruppe Beispiele zuordnen und begründen, warum Vermeiden Priorität braucht.
Ich kann liberalen Globalismus (marktliberal und kosmopolitisch) und nationalen Kapitalismus (reaktionär und wohlfahrtskapitalistisch) unterscheiden und Beispiele zuordnen.
Ich kann die Mehrebenen-Transformation erklären: Synthese, Ebenen, planetarische Koexistenz, drei Kriterien (wünschenswert, wirksam, durchführbar) und die vier Schlusserkenntnisse.

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