- Klassen: klassisch und bei Marx nach Stellung im Produktionsprozess; Weber und Bourdieu ergänzen Soziales und Kulturelles; Reckwitz erfasst sie als Milieus.
- Sinus-Milieus: zehn Gruppen nach sozialer Lage und Grundorientierung (Tradition, Modernisierung, Neuorientierung); die Klimasorge ist je Milieu verschieden.
- Marktliberal: Performer, Kosmopolitische Individualisten, Hedonisten. Wohlfahrtskapitalistisch: Traditionelle, Nostalgisch-Bürgerliche, Adaptiv-Pragmatische, Konsumorientierte Basis. Postwachstum: Postmaterielle, Progressive Realisten.
- Gramsci: In der Zivilgesellschaft ringen Klassen und Milieus um Hegemonie, also kulturelle und soziale Vorherrschaft, die öffentliche Institutionen absichern.
- Macht wirkt in Strukturen, die vor dem Handeln da sind. Machtkomplexe sind Bündnisse von Wirtschaft und Politik; der Drehtüreffekt verstärkt die Verflechtung.
- Fossiler Komplex blockiert Klimaschutz, finanzwirtschaftlicher Umverteilung, digitaler schwächt Demokratie und Öffentlichkeit (Überwachungskapitalismus, Zuboff).
- Machtkomplexe überlappen und verändern sich; auch Zivilgesellschaft hat Macht, und Wissenschaft ist nicht machtfrei (Drittmittel).
Inhalt10 Abschnitte
Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.
1 Gesellschaft, Strukturen und Ungleichheit ★★
Dieses Kapitel fragt, wer in einer Gesellschaft welche Möglichkeiten hat und wer Entscheidungen prägt. Das ist die Grundlage, um später zu verstehen, warum zukunftsfähiges Wirtschaften oft blockiert wird.
Was ist eine Gesellschaft?
Gesellschaft: Zusammenschluss von Individuen, der mehr ist als die Summe seiner Mitglieder. Sie ist ein politisches und sozioökonomisches System.
Sie beruht auf einer funktionalen Arbeitsteilung und auf gemeinsamen Infrastrukturen, Institutionen und Diskursen (Arten, über Dinge zu sprechen und zu denken). Daraus entstehen Ungleichheiten und Hierarchien zwischen sozialen Gruppen: zwischen Klassen, Geschlechtern und Ethnien.
Drei Arten von Verhältnissen
VertiefungLebenschancen und Aufbau des Kapitels
Wohnort, Vermögen, Einkommen und Bildung entscheiden stark über Lebenschancen. Wer in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird, hat andere Freiheiten als jemand ohne Erbe oder ohne Pass.
Zuerst kommen zwei Konzepte, mit denen man Gesellschaft ordnen kann: Klassen und Milieus. Danach geht es um Macht und drei besonders wirksame Machtkomplexe.
2 Klassen ★★
Klassen fassen Menschen mit ähnlicher Interessenlage und ähnlichen Handlungsspielräumen zusammen. Verschiedene Theorien definieren sie unterschiedlich.
Klassik und Marx
Stellung im Produktionsprozess: Entscheidend ist, was jemand in der Produktion besitzt oder tut.
Die drei zentralen Klassen der kapitalistischen Wirtschaftsweise sind Grundbesitzer, Kapitalbesitzer und Arbeiterschaft.
Weber und Bourdieu
Max Weber und Pierre Bourdieu erweitern den Klassenbegriff. Sie fragen, wie ökonomische, soziale und kulturelle Prozesse zusammenhängen. Bei Bourdieu zählt also nicht nur Geld, sondern auch Bildung, Beziehungen und Lebensstil.
Grob ergeben sich drei Hauptklassen:
Klassengesellschaften sind demnach hierarchisch: Sie eröffnen ihren Mitgliedern unterschiedliche sozioökonomische Möglichkeiten.
Reckwitz
Andreas Reckwitz definiert Klassen als soziale Gruppen mit Gemeinsamkeiten bei Herkunft, Bildungsstand, Einkommen, Lebensführung und Erwerbsarbeit. So verstanden lassen sie sich empirisch als Milieus erfassen.
Einfach erklärt: Die Klassik fragt: „Was gehört dir?“ Weber und Bourdieu fragen zusätzlich: „Was weißt du, wen kennst du, wie lebst du?“ Reckwitz sagt: Schau dir an, wie Menschen tatsächlich leben und denken. Das macht man mit Milieustudien.
Prüfungsfallen:
3 Sinus-Milieus ★★★
Sinus-Milieus: Idealtypische Gruppen „Gleichgesinnter“, die das SINUS-Institut regelmäßig erhebt (für Österreich zuletzt 2022).
Wie man Milieus bildet
Zwei Achsen bestimmen, welchem Milieu jemand zugeordnet wird:
Das ergibt zehn Milieus, gruppiert in drei Schichten. Die Milieus überlappen teilweise. Sie zeigen die Vielfalt an Lebensformen und Wertesystemen.
Oberschicht und obere Mittelschicht
| Milieu | Kurzbeschreibung | Leitbild-Nähe |
|---|---|---|
| Konservativ-Etablierte | traditionsbewusste alte Elite | Marktliberalismus, teils Wohlfahrtskap. |
| Postmaterielle | weltoffene Gesellschaftskritiker:innen | Postwachstum |
| Performer | global denkende, fortschrittsgläubige Leistungselite | Marktliberalismus |
Mitte
In der Mitte gibt es zwei Gruppen: die Zukunftsmilieus und die aktuelle und ehemalige Mitte.
| Milieu | Kurzbeschreibung | Leitbild-Nähe |
|---|---|---|
| Kosmopolitische Individualisten | individualistische Lifestyle-Trendsetter | Marktliberalismus |
| Progressive Realisten | treibende Kraft für Veränderung | Postwachstum |
| Adaptiv-Pragmatische Mitte | anpassungsfähiger, nutzenorientierter Mainstream (viele junge Männer) | Wohlfahrtskapitalismus |
| Nostalgisch-Bürgerliche | systemkritische frühere Mitte | Wohlfahrtskapitalismus |
Untere Mitte und Unterschicht
| Milieu | Kurzbeschreibung | Leitbild-Nähe |
|---|---|---|
| Traditionelle | ältere Generation, die Sicherheit und Ordnung schätzt | Wohlfahrtskapitalismus |
| Konsumorientierte Basis | Unterschicht auf der Suche nach Orientierung und Teilhabe | Wohlfahrtskapitalismus |
| Hedonisten | spaß- und erlebnisorientierte untere Mitte | Marktliberalismus |
Merkhilfe: Marktliberal = die Mobilen und Selbstbestimmten (Performer, Kosmopolitische Individualisten, Hedonisten). Postwachstum = die Gebildeten mit Veränderungswillen (Postmaterielle, Progressive Realisten). Wohlfahrtskapitalismus = die übrigen Milieus, denen Sicherheit, Ordnung und Absicherung wichtig sind.
Prüfungsfallen:
4 Milieus und Leitbilder ★★★
Die Werte eines Milieus machen manche Leitbilder attraktiver als andere. Daraus folgt auch ein unterschiedliches Umweltbewusstsein und eine unterschiedliche Haltung zur Klimapolitik.
Marktliberalismus: Performer, Individualisten, Hedonisten
VertiefungMarktliberale Milieus im Detail
Wohlfahrtskapitalismus: Sicherheit und Ordnung
VertiefungWohlfahrtskapitalistische Milieus: Unterschiede
Postwachstum: Postmaterielle und Progressive Realisten
VertiefungSoziale Innovationen und Progressive Realisten
Klimasorge ist nicht überall gleich
Die Sorge um den Klimawandel unterscheidet sich je nach Milieu deutlich, ebenso das Umweltbewusstsein und die Einschätzung von Klimapolitik. Das erklärt, warum Klimapolitik nicht bei allen gleich ankommt. Eine einzige „österreichische Meinung“ zum Klima gibt es nicht.
Prüfungsfallen:
5 Gramsci: Hegemonie und Zivilgesellschaft ★★
Unterschiedliche Milieus leben selten völlig konfliktfrei nebeneinander. Der Marxist Antonio Gramsci liefert dafür ein Modell.
Zivilgesellschaft: Das Terrain, auf dem Klassen und Milieus um Hegemonie wetteifern.
Hegemonie: Kulturelle und soziale Vorherrschaft: Wessen Weltsicht und Werte gelten als „normal“?
Einfach erklärt: Stell dir ein Grätzel vor, in dem über einen neuen Radweg gestritten wird. Es geht nicht nur um die Spur, sondern darum, welche Lebensweise als selbstverständlich gilt: Auto oder Rad. Wer diesen Streit gewinnt und in Regeln gießt, hat Hegemonie.
VertiefungWozu Milieuwissen nützt, und die Brücke zum Staat
Prüfungsfallen:
6 Macht und Strukturen ★★★
Macht ist die Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen oder Regeln zu setzen, denen sich andere unterordnen müssen.
Zwei Fragen zur Macht
Strukturen sind den Handelnden vorgelagert: Sie bestehen schon, bevor Menschen handeln. Niemand wählt sich die Gesellschaft, in die er oder sie hineingeboren wird.
Wer prägt besonders stark?
Besonders wirksame Gestalter sind neben öffentlichen Entscheidungsträger:innen vor allem transnationale Unternehmen.
VertiefungBeispiele: Eisenhower und die Tabakindustrie
7 Machtkomplexe ★★★
Machtkomplex: Mehr oder weniger enges Bündnis von Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, von dem beide Seiten profitieren.
Wie sie wirken
Drehtüreffekt: Wer politische Entscheidungen trifft, wechselt vor oder nach dem Amt in die Privatwirtschaft (oder umgekehrt).
Dadurch lassen sich gemeinsame Interessen leichter erkennen und vertreten. Er verstärkt die Verflechtung von Politik und Wirtschaft.
Einfach erklärt: Eine Verkehrsministerin wechselt nach ihrer Amtszeit in den Vorstand eines Autokonzerns. Oder umgekehrt kommt jemand aus der Konzernleitung ins Ministerium. Beide kennen die Anliegen der anderen Seite sehr gut, aber Distanz geht verloren.
Die drei Machtkomplexe der Gegenwart
Zusätzlich zum militärisch-industriellen Komplex gelten heute drei Komplexe als besonders mächtig:
Fossiler
MachtkomplexDigitaler
MachtkomplexFinanz-
wirtschaftlicher
Machtkomplex| Machtkomplex | Wer gehört dazu? | Was behindert er? |
|---|---|---|
| Fossil | Öl, Gas, Kohle, Auto, Luftfahrt, energieintensive Industrie + nahestehende Politik, Medien, Forschung, Banken | wirksamen Klima- und Umweltschutz |
| Finanz | Banken, Fonds, Vorsorgekassen, Finanzministerien, Zentralbanken, Vermögende | Umverteilung, v. a. von Vermögen |
| Digital | große Digitalkonzerne, Regulierungsbehörden, Medien | Demokratie und Öffentlichkeit |
Prüfungsfallen:
8 Fossil, Finanz, Digital im Detail ★★★
Fossiler Machtkomplex
VertiefungFossil: Hedging, Doppelspiel und Militär
Finanzwirtschaftlicher Machtkomplex
VertiefungFinanz: Bestandteile und Verflechtung mit dem fossilen Komplex
Digitaler Machtkomplex
Überwachungskapitalismus (Shoshana Zuboff): Digitale Konzerne dringen in die Privatsphäre ein, sagen Verhalten voraus und manipulieren es.
Entgegen den Versprechen der digitalen Revolution untergräbt dieser Komplex eher Demokratie und Öffentlichkeit, als sie zu stärken.
VertiefungDigital: Bestandteile und Selbstdarstellung
Prüfungsfallen:
9 Dynamik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft ★★
Keine einheitlichen Blöcke
Machtkomplexe handeln nicht wie ein geschlossener Block. Sie überlappen sich, verstärken einander und verändern sich. Teile des fossilen Komplexes versuchen den Umstieg auf andere Energieträger. Teile der Finanzwirtschaft wollen verantwortungsbewusst investieren.
Auch die Zivilgesellschaft hat Macht
Zivilgesellschaft gestaltet Zukunft vor allem durch Protest und Problematisierung: Sie macht Missstände sichtbar und setzt sie auf die Tagesordnung.
Wissenschaft im Machtfeld
Wissenschaft agiert nicht im machtfreien Raum.