ZuWi · Kapitel 5/9

Gesellschaft, Milieus & Macht

Teil 2 · Leitbilder & Konzepte11 Min. LesezeitRelevanz ★★★
Auf einen Blick
  • Klassen: klassisch und bei Marx nach Stellung im Produktionsprozess; Weber und Bourdieu ergänzen Soziales und Kulturelles; Reckwitz erfasst sie als Milieus.
  • Sinus-Milieus: zehn Gruppen nach sozialer Lage und Grundorientierung (Tradition, Modernisierung, Neuorientierung); die Klimasorge ist je Milieu verschieden.
  • Marktliberal: Performer, Kosmopolitische Individualisten, Hedonisten. Wohlfahrtskapitalistisch: Traditionelle, Nostalgisch-Bürgerliche, Adaptiv-Pragmatische, Konsumorientierte Basis. Postwachstum: Postmaterielle, Progressive Realisten.
  • Gramsci: In der Zivilgesellschaft ringen Klassen und Milieus um Hegemonie, also kulturelle und soziale Vorherrschaft, die öffentliche Institutionen absichern.
  • Macht wirkt in Strukturen, die vor dem Handeln da sind. Machtkomplexe sind Bündnisse von Wirtschaft und Politik; der Drehtüreffekt verstärkt die Verflechtung.
  • Fossiler Komplex blockiert Klimaschutz, finanzwirtschaftlicher Umverteilung, digitaler schwächt Demokratie und Öffentlichkeit (Überwachungskapitalismus, Zuboff).
  • Machtkomplexe überlappen und verändern sich; auch Zivilgesellschaft hat Macht, und Wissenschaft ist nicht machtfrei (Drittmittel).
Inhalt10 Abschnitte
Wie willst du lernen?

Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.

1 Gesellschaft, Strukturen und Ungleichheit ★★

Dieses Kapitel fragt, wer in einer Gesellschaft welche Möglichkeiten hat und wer Entscheidungen prägt. Das ist die Grundlage, um später zu verstehen, warum zukunftsfähiges Wirtschaften oft blockiert wird.

Was ist eine Gesellschaft?

Gesellschaft: Zusammenschluss von Individuen, der mehr ist als die Summe seiner Mitglieder. Sie ist ein politisches und sozioökonomisches System.

Sie beruht auf einer funktionalen Arbeitsteilung und auf gemeinsamen Infrastrukturen, Institutionen und Diskursen (Arten, über Dinge zu sprechen und zu denken). Daraus entstehen Ungleichheiten und Hierarchien zwischen sozialen Gruppen: zwischen Klassen, Geschlechtern und Ethnien.

Drei Arten von Verhältnissen

Produktionsverhältnisse: ordnen die Arbeitsprozesse (wer besitzt, wer arbeitet?).
Geschlechterverhältnisse: ordnen die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.
Politische Machtverhältnisse: legen Rahmenbedingungen und damit Handlungsmöglichkeiten fest.
VertiefungLebenschancen und Aufbau des Kapitels

Wohnort, Vermögen, Einkommen und Bildung entscheiden stark über Lebenschancen. Wer in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird, hat andere Freiheiten als jemand ohne Erbe oder ohne Pass.

Zuerst kommen zwei Konzepte, mit denen man Gesellschaft ordnen kann: Klassen und Milieus. Danach geht es um Macht und drei besonders wirksame Machtkomplexe.

2 Klassen ★★

Klassen fassen Menschen mit ähnlicher Interessenlage und ähnlichen Handlungsspielräumen zusammen. Verschiedene Theorien definieren sie unterschiedlich.

Klassik und Marx

Stellung im Produktionsprozess: Entscheidend ist, was jemand in der Produktion besitzt oder tut.

Die drei zentralen Klassen der kapitalistischen Wirtschaftsweise sind Grundbesitzer, Kapitalbesitzer und Arbeiterschaft.

Weber und Bourdieu

Max Weber und Pierre Bourdieu erweitern den Klassenbegriff. Sie fragen, wie ökonomische, soziale und kulturelle Prozesse zusammenhängen. Bei Bourdieu zählt also nicht nur Geld, sondern auch Bildung, Beziehungen und Lebensstil.

Grob ergeben sich drei Hauptklassen:

Oberschicht: Besitzende und Gebildete
Mittelschicht: Kleinbürgertum und Facharbeiterschaft
Unterschicht: schlecht abgesicherter Teil der Arbeiterschaft

Klassengesellschaften sind demnach hierarchisch: Sie eröffnen ihren Mitgliedern unterschiedliche sozioökonomische Möglichkeiten.

Reckwitz

Andreas Reckwitz definiert Klassen als soziale Gruppen mit Gemeinsamkeiten bei Herkunft, Bildungsstand, Einkommen, Lebensführung und Erwerbsarbeit. So verstanden lassen sie sich empirisch als Milieus erfassen.

Einfach erklärt: Die Klassik fragt: „Was gehört dir?“ Weber und Bourdieu fragen zusätzlich: „Was weißt du, wen kennst du, wie lebst du?“ Reckwitz sagt: Schau dir an, wie Menschen tatsächlich leben und denken. Das macht man mit Milieustudien.

Prüfungsfallen:

Die klassische und marxistische Sicht definiert Klassen über die Stellung im Produktionsprozess, nicht über Werte oder Lebensstil.
Weber und Bourdieu erweitern den Klassenbegriff über Ökonomie hinaus (sozial und kulturell).
Milieus sind die empirische Erfassung von Klassen im Sinne von Reckwitz, kein völlig fremdes Konzept.

3 Sinus-Milieus ★★★

Sinus-Milieus: Idealtypische Gruppen „Gleichgesinnter“, die das SINUS-Institut regelmäßig erhebt (für Österreich zuletzt 2022).

Wie man Milieus bildet

Zwei Achsen bestimmen, welchem Milieu jemand zugeordnet wird:

Soziale Lage: Bildung, Einkommen und beruflicher Status.
Grundorientierung (gemeinsame Werte): Tradition, Modernisierung oder Neuorientierung.

Das ergibt zehn Milieus, gruppiert in drei Schichten. Die Milieus überlappen teilweise. Sie zeigen die Vielfalt an Lebensformen und Wertesystemen.

Oberschicht und obere Mittelschicht

MilieuKurzbeschreibungLeitbild-Nähe
Konservativ-Etabliertetraditionsbewusste alte EliteMarktliberalismus, teils Wohlfahrtskap.
Postmaterielleweltoffene Gesellschaftskritiker:innenPostwachstum
Performerglobal denkende, fortschrittsgläubige LeistungseliteMarktliberalismus

Mitte

In der Mitte gibt es zwei Gruppen: die Zukunftsmilieus und die aktuelle und ehemalige Mitte.

MilieuKurzbeschreibungLeitbild-Nähe
Kosmopolitische Individualistenindividualistische Lifestyle-TrendsetterMarktliberalismus
Progressive Realistentreibende Kraft für VeränderungPostwachstum
Adaptiv-Pragmatische Mitteanpassungsfähiger, nutzenorientierter Mainstream (viele junge Männer)Wohlfahrtskapitalismus
Nostalgisch-Bürgerlichesystemkritische frühere MitteWohlfahrtskapitalismus

Untere Mitte und Unterschicht

MilieuKurzbeschreibungLeitbild-Nähe
Traditionelleältere Generation, die Sicherheit und Ordnung schätztWohlfahrtskapitalismus
Konsumorientierte BasisUnterschicht auf der Suche nach Orientierung und TeilhabeWohlfahrtskapitalismus
Hedonistenspaß- und erlebnisorientierte untere MitteMarktliberalismus
Einfach erklärt

Merkhilfe: Marktliberal = die Mobilen und Selbstbestimmten (Performer, Kosmopolitische Individualisten, Hedonisten). Postwachstum = die Gebildeten mit Veränderungswillen (Postmaterielle, Progressive Realisten). Wohlfahrtskapitalismus = die übrigen Milieus, denen Sicherheit, Ordnung und Absicherung wichtig sind.

Prüfungsfallen:

Die Milieus gehören zu drei Schichten, ihre Zuordnung folgt aus sozialer Lage und Grundorientierung.
Die Adaptiv-Pragmatische Mitte ist wohlfahrtskapitalistisch orientiert, nicht Hauptträger des Postwachstums.
Postwachstum zieht vor allem Progressive Realisten und Postmaterielle an, nicht die Konservativ-Etablierten.
„Passend“ heißt nicht „identisch“: Milieus und Leitbilder überlappen, es sind Tendenzen.

4 Milieus und Leitbilder ★★★

Die Werte eines Milieus machen manche Leitbilder attraktiver als andere. Daraus folgt auch ein unterschiedliches Umweltbewusstsein und eine unterschiedliche Haltung zur Klimapolitik.

Marktliberalismus: Performer, Individualisten, Hedonisten

Performer und Kosmopolitische Individualisten: Sie sind hochmobil und flexibel. Offene globale Märkte für Güter, Arbeit und Finanzen passen dazu.
Wichtig sind ihnen Eigenverantwortung und Wahlfreiheit mit wenig Verboten.
Hedonisten: Unbegrenzte Wahlmöglichkeiten erleichtern ihnen das Streben nach Erlebnissen und Unterhaltung.
VertiefungMarktliberale Milieus im Detail
Performer und Individualisten „emanzipieren“ sich gern von kollektiver Absicherung (private Vorsorge, Wohnungseigentum, Investition in das eigene „Humankapital“). Das ist möglich, weil sie finanziell gut abgesichert sind.
Konservativ-Etablierte: Wegen ihres Exklusivitäts- und Führungsanspruchs teilen sie vieles davon. Ökologische Ziele nehmen sie ernst, stellen sie aber hinter Wachstum, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit.

Wohlfahrtskapitalismus: Sicherheit und Ordnung

Nostalgisch-Bürgerliche und Traditionelle: Beide wollen stabile, geordnete Verhältnisse, wie sie der Wohlfahrtskapitalismus zeitweise bot. Leitwerte sind soziale Absicherung und Aufstieg. Umwelt und Klima stehen bei beiden nicht an erster Stelle.
Adaptiv-Pragmatische Mitte: Sie kennt das Klimaproblem, vertraut aber auf technischen Fortschritt und staatliche Maßnahmen. Für Einschränkungen des Lebensstandards (Auto, Flugreisen) hat sie wenig Verständnis.
Konsumorientierte Basis: niedrigere Bildungsabschlüsse und Einkommen. Wichtiger als Klima sind Pension, Arbeitsmarkt, Kriminalität und Migration.
VertiefungWohlfahrtskapitalistische Milieus: Unterschiede
Die Nostalgisch-Bürgerlichen wollen ihren Status und Lebensstandard halten, die Traditionellen wünschen sich, dass sich möglichst wenig ändert.
Teile der Konservativ-Etablierten haben ebenfalls viel Sinn für Tradition und Ordnung.

Postwachstum: Postmaterielle und Progressive Realisten

Hohe Bildung, mittlere bis gehobene Einkommen.
Kosmopolitisch, diversitätssensibel und sozial engagiert. Selbstverwirklichung verbinden sie mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Soziale Gerechtigkeit und Umwelt- und Klimaschutz haben Vorrang.
VertiefungSoziale Innovationen und Progressive Realisten
Sie probieren soziale Innovationen aus: Leih- und Tauschangebote, Urban Gardening, neue Wohn- und Beziehungsformen.
Besonders Progressive Realisten wollen stark verändern und sehen globale Probleme sehr klar.

Klimasorge ist nicht überall gleich

Die Sorge um den Klimawandel unterscheidet sich je nach Milieu deutlich, ebenso das Umweltbewusstsein und die Einschätzung von Klimapolitik. Das erklärt, warum Klimapolitik nicht bei allen gleich ankommt. Eine einzige „österreichische Meinung“ zum Klima gibt es nicht.

Prüfungsfallen:

Die Sorge ums Klima ist zwischen den Milieus unterschiedlich stark, nicht in allen gleich.
Wohlfahrtskapitalistische Milieus setzen oft auf Technik und Staat, nicht auf persönliche Einschränkung.

5 Gramsci: Hegemonie und Zivilgesellschaft ★★

Unterschiedliche Milieus leben selten völlig konfliktfrei nebeneinander. Der Marxist Antonio Gramsci liefert dafür ein Modell.

Zivilgesellschaft: Das Terrain, auf dem Klassen und Milieus um Hegemonie wetteifern.

Hegemonie: Kulturelle und soziale Vorherrschaft: Wessen Weltsicht und Werte gelten als „normal“?

Garantiert wird die Hegemonie in letzter Instanz von öffentlichen Institutionen, etwa durch Gesetze und Förderungen.
Darum ist zivilgesellschaftliche Mobilisierung wichtig, vor allem durch milieuübergreifende soziale Bewegungen. Sie versuchen, die Ausgestaltung dieser Institutionen zu beeinflussen.

Einfach erklärt: Stell dir ein Grätzel vor, in dem über einen neuen Radweg gestritten wird. Es geht nicht nur um die Spur, sondern darum, welche Lebensweise als selbstverständlich gilt: Auto oder Rad. Wer diesen Streit gewinnt und in Regeln gießt, hat Hegemonie.

VertiefungWozu Milieuwissen nützt, und die Brücke zum Staat
Milieuwissen hilft, gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen.
Es hilft, Gemeinsamkeiten zu erkennen und Allianzen für zukunftsfähiges Wirtschaften zu schmieden.
Brücke zur Staatstheorie: Der Staat ist laut Poulantzas eine Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Wer sich in der Zivilgesellschaft durchsetzt, prägt auch den Staat.

Prüfungsfallen:

Hegemonie bedeutet kulturelle und soziale Vorherrschaft, nicht nur militärische oder wirtschaftliche Überlegenheit.
Der Konflikt um Hegemonie findet laut Gramsci in der Zivilgesellschaft statt.
Milieuwissen dient auch dem Bilden von Allianzen, nicht nur der Abgrenzung.

6 Macht und Strukturen ★★★

Macht ist die Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen oder Regeln zu setzen, denen sich andere unterordnen müssen.

Zwei Fragen zur Macht

1Wer hat Macht? Wer Geld, Kontakte oder andere Ressourcen hat oder Regeln festlegen kann.
2Wie wirkt Macht? Sie wirkt in Strukturen, also in Verhältnissen und Rahmenbedingungen.

Strukturen sind den Handelnden vorgelagert: Sie bestehen schon, bevor Menschen handeln. Niemand wählt sich die Gesellschaft, in die er oder sie hineingeboren wird.

Wer prägt besonders stark?

Besonders wirksame Gestalter sind neben öffentlichen Entscheidungsträger:innen vor allem transnationale Unternehmen.

VertiefungBeispiele: Eisenhower und die Tabakindustrie
Eisenhower warnte 1961 in seiner Abschiedsrede vor dem militärisch-industriellen Komplex: dem Geflecht aus Rüstungsindustrie, Verwaltung, Think Tanks und Lobbygruppen.
Auch die Tabakindustrie nutzte ihre Macht jahrzehntelang, um Gefahren des Rauchens zu leugnen und Gewinne zu sichern.

7 Machtkomplexe ★★★

Machtkomplex: Mehr oder weniger enges Bündnis von Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, von dem beide Seiten profitieren.

Wie sie wirken

Spenden, Werbung und Lobbying beeinflussen öffentliche Meinung und Politik und verhindern, dass profitable Geschäfte eingeschränkt werden.
Persönliche Kontakte zwischen Politik, Wirtschaft, Medien und Forschung helfen dabei.

Drehtüreffekt: Wer politische Entscheidungen trifft, wechselt vor oder nach dem Amt in die Privatwirtschaft (oder umgekehrt).

Dadurch lassen sich gemeinsame Interessen leichter erkennen und vertreten. Er verstärkt die Verflechtung von Politik und Wirtschaft.

Einfach erklärt: Eine Verkehrsministerin wechselt nach ihrer Amtszeit in den Vorstand eines Autokonzerns. Oder umgekehrt kommt jemand aus der Konzernleitung ins Ministerium. Beide kennen die Anliegen der anderen Seite sehr gut, aber Distanz geht verloren.

Die drei Machtkomplexe der Gegenwart

Zusätzlich zum militärisch-industriellen Komplex gelten heute drei Komplexe als besonders mächtig:

Die drei einflussreichen Machtkomplexe: fossil (Ölpumpe), digital (Netzwerk) und finanzwirtschaftlich (Bank). Sie greifen ineinander wie Zahnräder.Fossiler MachtkomplexDigitaler MachtkomplexFinanz- wirtschaftlicher Machtkomplex
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Die drei einflussreichen Machtkomplexe: fossil (Ölpumpe), digital (Netzwerk) und finanzwirtschaftlich (Bank). Sie greifen ineinander wie Zahnräder.
MachtkomplexWer gehört dazu?Was behindert er?
FossilÖl, Gas, Kohle, Auto, Luftfahrt, energieintensive Industrie + nahestehende Politik, Medien, Forschung, Bankenwirksamen Klima- und Umweltschutz
FinanzBanken, Fonds, Vorsorgekassen, Finanzministerien, Zentralbanken, VermögendeUmverteilung, v. a. von Vermögen
Digitalgroße Digitalkonzerne, Regulierungsbehörden, MedienDemokratie und Öffentlichkeit

Prüfungsfallen:

Die drei Machtkomplexe sind fossil, finanzwirtschaftlich und digital. „Konzerne“, „Politik“ oder „Think Tanks“ sind keine eigenen Machtkomplexe.
Der Drehtüreffekt verstärkt die Verflechtung von Politik und Wirtschaft.
Der Finanzkomplex blockiert vor allem Vermögensumverteilung, der fossile vor allem Klimaschutz. Nicht vertauschen.

8 Fossil, Finanz, Digital im Detail ★★★

Fossiler Machtkomplex

Er besteht aus Öl-, Gas- und Kohleproduzenten, Auto- und Luftfahrtindustrie und energieintensiven Industrien. Dazu kommen nahestehende Parteien, Lobbys, Forschung, Gewerkschaften, Banken und Medien.
Er ist weiterhin dominant: Unter den umsatzstärksten Konzernen der Welt finden sich viele aus Öl, Auto und Energie.
Beim Klimagipfel COP26 (Glasgow 2021) stellte die fossile Industrie die größte Delegation.
VertiefungFossil: Hedging, Doppelspiel und Militär
Öffentlich beteuert er, Teil der Lösung zu sein. Tatsächlich fließen weiter Investitionen in fossile Energie und Anti-Klimaschutz-Positionen.
Statt klarer Dekarbonisierung verfolgt er bestenfalls Hedging: Risiken werden gestreut, indem man auf mehrere Energieträger gleichzeitig setzt.
Er ist eng mit dem Militär verwoben, denn Militär verbraucht sehr viel fossilen Treibstoff.

Finanzwirtschaftlicher Machtkomplex

Ziel: langfristig die Gewinne der Finanzwirtschaft maximieren und Folgekosten der Allgemeinheit aufbürden (wie bei der Finanzkrise 2008).
Gemeinsames Interesse an Regeln, die Renten abschöpfen lassen (Dividenden, Rohstoffspekulation, Bodenwertsteigerungen). Eine Rente ist ein Einkommen ohne eigene Produktionsleistung.
VertiefungFinanz: Bestandteile und Verflechtung mit dem fossilen Komplex
Bestandteile: Geschäfts- und Investmentbanken, Finanzinstitutionen, private Vorsorgekassen, Finanzministerien, internationale Organisationen, Zentralbanken, Parteien, Forschung, Medien und Vermögensbesitzende.
Er ist mit dem fossilen Komplex verflochten: Banken versprechen oft Klimaneutralität, vergeben aber weiter hohe Kredite für Öl und Gas.

Digitaler Machtkomplex

Er wächst: Unter den profitabelsten Unternehmen der Welt sind mehrere digitale Plattformen.
Lock-in: Plattformen binden Nutzer:innen an ihre Systeme, indem sie den Umstieg erschweren. Sie bauen eigene Systeme in immer neue Lebensbereiche aus (Betriebssysteme, Browser, Smart Home).
Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen eine Plattform nutzen, desto wertvoller wird sie. Das fördert Konzentration und Monopole.

Überwachungskapitalismus (Shoshana Zuboff): Digitale Konzerne dringen in die Privatsphäre ein, sagen Verhalten voraus und manipulieren es.

Entgegen den Versprechen der digitalen Revolution untergräbt dieser Komplex eher Demokratie und Öffentlichkeit, als sie zu stärken.

VertiefungDigital: Bestandteile und Selbstdarstellung
Bestandteile: große digitale Unternehmen, Regulierungsbehörden, Parteien, Forschung und Medien. Plattformbetreiber können auch Medien besitzen.
Er stellt Regulierung für den Schutz der Privatsphäre als Bremse für Innovation dar.
Er sieht private menschliche Erfahrungen als etwas, das man aneignen, digitalisieren und verkaufen darf.

Prüfungsfallen:

Überwachungskapitalismus gehört zum digitalen Komplex.
Die Macht der Finanzwirtschaft endete mit der Krise 2008 nicht.
Beim COP26 hatte die fossile Industrie die größte Delegation, nicht NGOs oder Staaten.

9 Dynamik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft ★★

Keine einheitlichen Blöcke

Machtkomplexe handeln nicht wie ein geschlossener Block. Sie überlappen sich, verstärken einander und verändern sich. Teile des fossilen Komplexes versuchen den Umstieg auf andere Energieträger. Teile der Finanzwirtschaft wollen verantwortungsbewusst investieren.

Auch die Zivilgesellschaft hat Macht

Zivilgesellschaft gestaltet Zukunft vor allem durch Protest und Problematisierung: Sie macht Missstände sichtbar und setzt sie auf die Tagesordnung.

Wissenschaft im Machtfeld

Wissenschaft agiert nicht im machtfreien Raum.

Machtkomplexe und Zivilgesellschaft nutzen sie, um ihre Position zu stärken.
Machtkomplexe versuchen, Forschung über Drittmittel für ihre Zwecke zu instrumentalisieren (Drittmittel = Geld von außerhalb der Universität).
VertiefungBeispiel Drittmittel und Verzögerungsdiskurse
Ein Beispiel dafür ist ein frühes großes Klimaforschungsprogramm in den USA, das ein Energie- und ein Autokonzern finanzierten.
Wie der fossile Komplex mit Zweifel und Verzögerung arbeitet, steht im Kapitel zu Multiperspektivität (Verzögerungsdiskurse).

Prüfungsfallen:

Machtkomplexe sind nicht abgeschlossen oder einheitlich. Sie überlappen sich und verändern sich.
Auch die Wissenschaft ist nicht automatisch frei von Machtinteressen.
Macht liegt nicht nur bei Konzernen: Auch die Zivilgesellschaft hat Einfluss.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann erklären, wie Klassik/Marx, Weber/Bourdieu und Reckwitz Klassen verstehen.
Ich kann erklären, nach welchen zwei Achsen Sinus-Milieus gebildet werden.
Ich kann mindestens je zwei Milieus den drei Leitbildern zuordnen und begründen, warum sie passen.
Ich kann erklären, warum die Klimasorge je nach Milieu verschieden ist.
Ich kann Hegemonie und Zivilgesellschaft nach Gramsci erklären.
Ich kann erklären, wer Macht hat und wie sie in Strukturen wirkt.
Ich kann Machtkomplex und Drehtüreffekt definieren und mit eigenem Beispiel erklären.
Ich kann die drei Machtkomplexe beschreiben und sagen, was jeder blockiert.
Ich kann Überwachungskapitalismus (Zuboff), Lock-in und Netzwerkeffekt dem digitalen Komplex zuordnen.
Ich kann erklären, warum Machtkomplexe keine einheitlichen Blöcke sind und warum Wissenschaft nicht machtfrei ist.

Fertig gelesen? Teste, ob es sitzt.

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