- Reales BIP bewertet zu Basispreisen und misst nur Mengen; der BIP-Deflator zeigt die Preise.
- Lebensstandard langfristig: Produktivität und reales BIP pro Kopf; . Kleine Wachstumsunterschiede summieren sich enorm.
- Outputlücke : negativ heißt Unterauslastung, positiv Überauslastung; Nachfrage- und Angebotsschocks verursachen Schwankungen.
- Arbeitslosenquote = Arbeitslose (ILO) durch Erwerbspersonen; Okun: mehr Wachstum, sinkende Quote ().
- Inflation, Deflation, Disinflation unterscheiden; Phillips-Kurve ist keine stabile Beziehung.
- Geldpolitik wirkt über den Leitzins, Fiskalpolitik über Ausgaben, Steuern, Transfers; beide wirken verzögert, bei Angebotsschocks droht ein Zielkonflikt.
- Schuldenquote: . Bei wirkt die alte Schuld senkend; Budgetsanierung kann die Konjunktur bremsen.
- steigt = Aufwertung (Mengennotierung); ; KKP heißt ; niedrigere Inflation bedeutet langfristig tendenziell Aufwertung.
Inhalt17 Abschnitte
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1 Reales BIP und BIP-Deflator ★★★
Bisher ging es um einzelne Märkte, jetzt um die Gesamtwirtschaft: Produktion, Beschäftigung und Preise. Die Logik bleibt gleich: Ein Schock verändert die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen, und daraus folgen Anpassungen bei Produktion, Beschäftigung und Preisen. Zuerst brauchst du das Messwerkzeug: Wie trennt man „es wird mehr produziert" von „alles wird teurer"?
Nominales und reales BIP
Nominales BIP: Wert der gesamten Produktion zu laufenden Preisen des jeweiligen Jahres.
Es steigt, wenn mehr produziert wird, wenn die Preise steigen oder beides. Aus dem nominalen BIP allein siehst du deshalb nicht, ob die Wirtschaft wirklich wächst.
In Worten: Für jedes Gut die Menge mal den Preis dieses Jahres, dann alles zusammenzählen.
Reales BIP: Produktion bewertet zu konstanten Preisen eines festen Basisjahres. Damit bleibt nur die Mengenentwicklung übrig.
In Worten: Dieselben Mengen wie heute, aber mit den Preisen des Basisjahres bewertet. Preissteigerungen fallen damit heraus.
Einfach erklärt: Stell dir vor, dein Kaffeehaus verkauft heuer gleich viele Melangen wie letztes Jahr, nur teurer. Der Umsatz steigt (nominal), verkauft hast du aber nicht mehr (real).
Der BIP-Deflator
BIP-Deflator: impliziter Preisindex des BIP. Er ergibt sich als Quotient aus nominalem und realem BIP.
„Implizit" heißt: Man misst die Preise nicht direkt, sondern erhält sie als Rest, wenn man den Mengeneffekt herausrechnet.
In Worten: Der Wert der Produktion ist gleich Volumen mal Preisindex. Teilst du den Wert durch das Volumen, bleibt der Preiseffekt übrig.
Beispiel ansehen
Ein Kaffeehaus bietet nur Kaffee und Torten an.
Ergebnis: Der Umsatz wuchs um 27,5 % (1.020 / 800), davon waren 7,5 % echtes Mengenwachstum, der Rest Preiseffekt.
Prüfungsfalle: Wachstum bedeutet in der Regel reales Wachstum. Ein steigendes nominales BIP beweist noch kein Wachstum, weil auch bloße Preissteigerungen es erhöhen.
VertiefungWachstumsraten: nominal, real und Inflation
Weil „Wert = Volumen mal Preis" gilt, addieren sich bei kleinen Raten die Wachstumsraten näherungsweise:
In Worten: Das nominale Wachstum ist ungefähr das reale Wachstum plus die Änderungsrate des Deflators.
Beispiel ansehen
Das nominale BIP wächst um 5 %, der Deflator steigt um 3 %.
Näherung: 2 %
Exakt: , also rund 1,94 %.
Ergebnis: Bei kleinen Raten ist die Näherung brauchbar. Bei großen (z. B. 20 % Inflation) wird sie ungenau, dann rechnest du mit den Faktoren.
Der Deflator wird meist als Index angegeben: Im Basisjahr ist er 100. Ein Wert von 118,6 bedeutet, dass die Preise gegenüber dem Basisjahr im Schnitt um 18,6 % höher sind.
VertiefungLaspeyres, Paasche und Kettenindex
Auch der Wert der Produktion lässt sich in Volumen und Preis zerlegen. Je nachdem, welche Periode man als Gewichtung nimmt, gibt es zwei Standardvarianten:
| Index | Volumenindex | Preisindex |
|---|---|---|
| Laspeyres | Mengen mit Basispreisen bewertet | Preise mit Basismengen gewichtet |
| Paasche | Mengen mit aktuellen Preisen bewertet | Preise mit aktuellen Mengen gewichtet |
Der Wertindex ist das Produkt aus Volumen- und Preisindex, und zwar kreuzweise: Laspeyres-Volumen mal Paasche-Preis oder Paasche-Volumen mal Laspeyres-Preis ergeben jeweils den Wertindex.
Rechenbeispiel Beispiel Kaffeehaus: Laspeyres und Paasche
Mit den Zahlen von oben (Basis: 200 Kaffee zu 3 € und 50 Torten zu 4 €; Jahr 1: 220 Kaffee zu 3,50 € und 50 Torten zu 5 €):
Ergebnis: Das reale BIP zu Basispreisen ist ein Laspeyres-Volumenindex, der BIP-Deflator ein Paasche-Preisindex.
Kettenindex: verknüpft Vergleiche aufeinanderfolgender Perioden (jeweils Vorjahr gegen aktuelles Jahr) zu einer Kette.
Dadurch werden die Gewichte laufend aktualisiert. Ein starres Basisjahr veraltet mit der Zeit, weil sich Preise und Konsummuster ändern: Wenn z. B. Computer immer billiger werden, überschätzt ein altes Basisjahr ihr Gewicht, weil es sie noch zu hohen Preisen bewertet.
2 BIP pro Kopf und die Macht des Zinseszinses ★★★
Das reale BIP misst die Produktion und dient zugleich als Näherung für das reale Einkommen. Für den durchschnittlichen materiellen Lebensstandard zählt deshalb das reale BIP pro Kopf.
In Worten: Gesamte reale Produktion geteilt durch die Zahl der Einwohner:innen. Grob: Wie viel steht jeder Person im Schnitt zur Verfügung?
Es wächst nur dann, wenn die Produktion schneller wächst als die Bevölkerung.
In Worten: Die Wachstumsrate pro Kopf ist näherungsweise das BIP-Wachstum minus das Bevölkerungswachstum.
Beispiel ansehen
Ein Land wächst real um 2,5 %, die Bevölkerung um 0,5 %.
Bei konstanter Wachstumsrate summieren sich kleine Unterschiede dramatisch auf.
In Worten: Wer jedes Jahr um g Prozent wächst, landet nach t Jahren beim Anfangswert mal (1 + g) hoch t.
Beispiel ansehen
Zwei Länder starten mit demselben BIP pro Kopf. Land A wächst 1 % pro Jahr, Land B 3 %. Zeitraum: 40 Jahre.
Ergebnis: Nach 40 Jahren ist Land B pro Kopf mehr als doppelt so reich wie Land A, obwohl der Unterschied pro Jahr nur zwei Prozentpunkte beträgt.
Einfach erklärt – Faustregel 70: Die Verdopplungszeit ist ungefähr 70 geteilt durch die Wachstumsrate in Prozent. Bei 2 % dauert es rund 35 Jahre, bei 3,5 % rund 20 Jahre.
Prüfungsfalle: Das reale BIP pro Kopf ist der zentrale Indikator für den materiellen Lebensstandard, aber kein umfassendes Wohlfahrtsmaß. Umwelt, Verteilung, Freizeit und unbezahlte Arbeit kommen darin nicht vor.
VertiefungWoher die Näherungen kommen
Pro-Kopf-Wachstum: Aus folgt exakt . Beispiel: , also 1,99 %. Die Näherung gibt 2 %.
Faustregel 70: Gesucht ist mit , also . Für kleine ist und , also , gerundet 70. Probe: %, Jahre, und .
VertiefungAufholen: Wie lange dauert es, bis ein ärmeres Land aufschließt?
Ein Land startet bei 40 % des BIP pro Kopf eines reichen Landes. Das arme Land wächst mit 4 % pro Jahr, das reiche mit 1,5 %.
Gesucht ist mit . Umgeformt: . Mit gerechnet: 38 Jahre.
Lesehilfe: Aufholen dauert lange, selbst bei hohem Wachstumsvorsprung. Und es gelingt nur, wenn das Wachstumsgefälle dauerhaft bleibt.
3 Woher Wachstum kommt: Produktivität ★★
Die Wohlstandsunterschiede zwischen Ländern sind riesig: Das reale BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) der reichsten Länder ist ein Vielfaches von dem der ärmsten. Langfristig erklärt das vor allem eine Größe: die Produktivität.
Produktivität als Schlüssel
Produktivität: wie viel Output eine Volkswirtschaft aus den ihr verfügbaren Ressourcen (z. B. je Arbeitskraft oder Arbeitsstunde) herstellen kann.
Je höher die Produktivität, desto mehr Güter und Einkommen pro Kopf sind langfristig möglich. Das ist das Grundprinzip „Der Lebensstandard hängt langfristig von der Produktivität ab" (Grundprinzip #10).
TechnologieBildungInstitutionenHandelSachkapitalBIP pro Kopf wächstFünf Bestimmungsfaktoren
| Faktor | Warum er Produktivität erhöht |
|---|---|
| Wissen, Innovation, technischer Fortschritt | neue Ideen und Verfahren: mehr Output aus denselben Ressourcen |
| Humankapital | Ausbildung, Fähigkeiten und Erfahrung machen produktiver und erleichtern es, neues Wissen zu entwickeln und anzuwenden |
| Institutionen | Rechtssicherheit (Rule of Law), Eigentumsrechte und verlässliche Regeln machen Investitionen und Unternehmertum lohnend |
| Offenheit und Handel | Spezialisierung, größere Märkte, Wettbewerb, Verbreitung von Wissen und Technologie |
| Kapitalausstattung | Maschinen, Infrastruktur und digitale Ausstattung machen produktive Technologien erst nutzbar |
Einfach erklärt: Eine Bäckerei mit modernem Ofen, gut ausgebildeten Mitarbeiter:innen und sicherem Pachtvertrag backt mehr Brot pro Arbeitsstunde als eine ohne all das. Für ein ganzes Land gilt dasselbe im Großen.
Die systematische Erklärung von langfristigem Wachstum, internationalen Einkommensunterschieden und Aufholprozessen (ärmere Länder schließen zu reicheren auf) liefert die Wachstumstheorie. Hier musst du die fünf Faktoren und ihre Wirkung kennen.
Prüfungsfalle: Langfristiger Wohlstand hängt an der Produktivität, nicht an der Konjunktur. Die Stabilisierungspolitik (Abschnitte 8 bis 10) dämpft Schwankungen, ersetzt aber keinen dieser Wachstumsfaktoren.
VertiefungDie fünf Faktoren genauer
4 Konjunktur: Potenzialoutput und Outputlücke ★★★
Langfristig bestimmen Produktivität, Arbeitsangebot und Kapitalausstattung den Wachstumspfad. Kurzfristig schwankt die tatsächliche Produktion aber um diesen Pfad. Diese Schwankungen sind die Konjunktur; sie zeigen sich in Produktion, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit und wirken häufig auch auf die Inflation.
Potenzialoutput
Potenzialoutput : Produktion bei normaler Auslastung der verfügbaren Produktionsfaktoren.
Die EZB beschreibt ihn als das höchste Produktionsniveau, das mit gegebener Technologie und gegebenen Faktoren ohne zusätzlichen Inflationsdruck haltbar ist. Er ist also nicht das physische Maximum (Dauerüberstunden), sondern ein nachhaltiges Normalniveau.
Langfristig ändert sich mit Produktivität, Arbeitsangebot und Kapitalausstattung.
Die Outputlücke
Outputlücke: relative Abweichung der tatsächlichen Produktion vom Potenzial.
In Worten: Um wie viel Prozent liegt die tatsächliche Produktion über oder unter dem, was bei normaler Auslastung möglich wäre?
Beispiel ansehen
Ein Land könnte bei Normalauslastung 1.000 Mrd. € produzieren, tatsächlich sind es 1.030 Mrd. €.
x = (1.030 − 1.000) / 1.000 = +3 %
Ergebnis: Überauslastung. Betriebe fahren Sonderschichten, Arbeitskräfte werden knapp, der Preisdruck steigt.
Die Outputlücke gilt als zentraler Indikator der Konjunkturlage. Sie hängt eng mit Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Inflationsdruck zusammen (Grundprinzip #11).
Y* = Potenzial (gestrichelt)Y = tatsächliches BIPpositive Lücke:
Überauslastungnegative Lücke:
Unterauslastungreales BIPZeitPrüfungsfalle: Die Outputlücke ist relativ zum Potenzial (in %), nicht die absolute Differenz. Und: Eine negative Lücke heißt nicht, dass die Produktion sinkt, sondern dass sie unter dem Potenzial liegt. Das kann auch bei wachsendem BIP so sein.
Ursachen von Konjunkturschwankungen
Schwankungen entstehen durch Schocks, etwa unerwartete Ereignisse oder wirtschaftspolitische Änderungen. Sie verändern die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen und damit Nachfrage und/oder Produktionsbedingungen.
| Nachfrageschock | Angebotsschock |
|---|---|
| verändert Konsum, Investitionen, Staatsausgaben oder Auslandsnachfrage | verändert die Produktionsbedingungen |
| Auslöser: Erwartungen, Fiskalpolitik (Ausgaben, Steuern, Transfers), Zinsen und Finanzierungsbedingungen | Auslöser: Energie- und Rohstoffpreise, Lieferstörungen, Steuern auf die Produktion, Erwartungen |
Einfach erklärt: Nachfrageschock: Viele Haushalte fürchten um ihren Job und sparen, das Kaffeehaus verkauft weniger. Angebotsschock: Die Strompreise explodieren, das Kaffeehaus muss mehr für jede Tasse zahlen.
Angebotsschocks können auch den Potenzialoutput selbst verändern, nämlich wenn sie die Produktionsmöglichkeiten betreffen: Technologie bzw. Produktivität, Kapitalausstattung oder Arbeitsangebot.
VertiefungSchocks und ihre Spuren: Produktion und Preise
Daran erkennst du, welcher Schock vorliegt: Bewegen sich Produktion und Preise in dieselbe oder in entgegengesetzte Richtung?
| Schock | Produktion | Preise |
|---|---|---|
| Nachfrage fällt (Konsumzurückhaltung) | sinkt | sinken oder steigen langsamer |
| Nachfrage steigt (Konjunkturpaket) | steigt | steigen |
| Angebot verschlechtert sich (teure Energie) | sinkt | steigen |
| Angebot verbessert sich (neue Technik, billige Energie) | steigt | sinken |
Bei Nachfrageschocks gehen Produktion und Preise in dieselbe Richtung. Bei Angebotsschocks gehen sie in entgegengesetzte Richtungen. Genau das macht Angebotsschocks für die Politik so schwierig (siehe Abschnitt 10).
VertiefungDie Lücke ist eine Schätzung, und Wachstum ist nicht gleich Lücke
Das Potenzial kann man nicht direkt beobachten, sondern muss es schätzen. Dabei werden Trends aus vergangenen Daten oder Modelle verwendet. Deshalb wird die Outputlücke oft nachträglich korrigiert.
Beispiel: Das BIP beträgt 1.030. Wird das Potenzial zuerst auf 1.000 geschätzt, ist %. Wird es später auf 1.020 korrigiert, ist %. Dieselbe Wirtschaft, ein ganz anderes Bild.
Und eine negative Lücke kann trotz Wachstum größer werden: Jahr 0: BIP 980, Potenzial 1.000, %. Jahr 1: BIP 990 (+1 %), Potenzial 1.020 (+2 %). Dann ist %. Die Wirtschaft wächst, bleibt aber hinter dem Potenzial zurück.
Grafik lesen: Die Wellenlinie ist das tatsächliche BIP, die gestrichelte Linie das Potenzial. Liegt die Welle darüber, ist die Lücke positiv (Überauslastung), darunter negativ.
5 Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit und Okunsches Gesetz ★★★
Konjunkturschwankungen wirken zuerst auf die Arbeitsnachfrage der Unternehmen: Läuft das Geschäft schlecht, wird weniger eingestellt oder gekündigt. Deshalb gehört die Arbeitslosigkeit zu den Kernindikatoren der Konjunktur.
Wer zählt als arbeitslos?
ErwerbstätigeArbeitslose
(suchen aktiv)Nicht-
ErwerbspersonenDer Arbeitsmarkt unterscheidet drei Gruppen:
Arbeitslos nach ILO-Definition: nicht erwerbstätig, dem Arbeitsmarkt kurzfristig zur Verfügung stehend und aktiv auf Arbeitssuche. Alle drei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein.
Erwerbspersonen: Erwerbstätige plus Arbeitslose, also alle, die am Arbeitsmarkt teilnehmen (ILO = Internationale Arbeitsorganisation).
In Worten: Zuerst Erwerbstätige und Arbeitslose zu den Erwerbspersonen addieren, dann die Arbeitslosen durch diese Summe teilen.
Beispiel ansehen
In einem kleinen Land gibt es 3.000.000 Erwerbstätige, 150.000 Arbeitslose und 1.500.000 Personen außerhalb des Arbeitsmarkts.
Die 1,5 Mio. außerhalb des Arbeitsmarkts zählen nicht mit. Mit der Gesamtbevölkerung im Nenner käme man fälschlich auf rund 3,2 %.
Prüfungsfalle: Die Quote bezieht sich auf die Erwerbspersonen, nicht auf die Gesamtbevölkerung. Wer nicht aktiv sucht (z. B. entmutigt aufgegeben hat), ist nach ILO nicht arbeitslos, sondern außerhalb des Arbeitsmarkts.
VertiefungWeitere Kennzahlen und Arten der Arbeitslosigkeit
Erwerbsquote: Erwerbspersonen im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Im Beispiel oben: 67,7 %. Gibt jemand die Suche auf, sinkt die Arbeitslosenquote, ohne dass ein Job entstanden ist. Deshalb beachtet man auch die Erwerbsquote.
Drei Arten von Arbeitslosigkeit: konjunkturell (Arbeitsnachfrage sinkt im Abschwung), friktionell (kurze Suchzeiten beim Jobwechsel) und strukturell (Fähigkeiten oder Region passen nicht zu den offenen Stellen).
In Österreich gibt es zusätzlich eine nationale Quote auf Basis der beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen. Sie weicht von der ILO-Quote ab, weil Definition und Nenner anders sind.
Okunsches Gesetz
Okunsches Gesetz: empirischer negativer Zusammenhang zwischen dem realen Wirtschaftswachstum und der Veränderung der Arbeitslosenquote.
Der Zusammenhang gilt für die Veränderung der Quote, nicht für ihr Niveau. Er wurde aus Daten abgeleitet und ist kein Naturgesetz.
In Worten: Je stärker das reale BIP wächst, desto stärker sinkt die Arbeitslosenquote. Wegen β < 0 geht mehr Wachstum mit weniger Arbeitslosigkeit einher.
Beispiel ansehen
Angenommen α = 1,5 und β = −0,5.
Ergebnis: Erst ab 3 % Wachstum sinkt die Quote. Der Grund: Auch die Produktivität und das Arbeitsangebot wachsen, es braucht also eine gewisse Mindestdynamik, damit zusätzlich Jobs entstehen.
Δu = α + β·g (β < 0)Arbeitslosigkeit steigtArbeitslosigkeit sinktVeränderung Arbeitslosenquote ΔuWachstum des realen BIP g0VertiefungOkun: Die Wachstumsschwelle und warum der Zusammenhang nicht exakt ist
Setzt du , erhältst du das Wachstum, bei dem die Quote gleich bleibt:
In Worten: Das ist das Wachstum, das gerade ausreicht, damit die Arbeitslosenquote weder steigt noch sinkt.
Beispiel ansehen
α = 1,0 und β = −0,4.
2,5 %
Bei 4 % Wachstum: −0,6 Prozentpunkte.
Der Zusammenhang ist nur grob, weil Betriebe in einer Flaute oft Personal halten, statt es zu entlassen (Einarbeitung ist teuer). Außerdem verkürzen sie Arbeitszeiten, und manche Arbeitslose geben die Suche auf, wodurch sie aus der Statistik verschwinden. Auch deshalb liegen die Punkte im Streudiagramm nicht auf einer Linie, sondern streuen um sie herum.
Grafik lesen: Jeder Punkt ist ein Jahr. Waagrecht steht das Wachstum, senkrecht die Veränderung der Quote. Die Punktwolke fällt von links oben nach rechts unten. Dort, wo die Gerade die Nulllinie schneidet, liegt die Wachstumsschwelle.
6 Preisniveau und Inflation ★★★
Neben Produktion und Arbeitslosigkeit ist die Preisentwicklung die dritte zentrale Größe, und sie hängt eng mit der Konjunkturlage zusammen.
Preisindizes
Preisniveau: durchschnittliches Niveau der Preise in einer Volkswirtschaft. Preisindizes messen, wie es sich entwickelt. Je nach Frage nimmt man unterschiedliche Indizes:
| Index | Was er misst |
|---|---|
| Verbraucherpreisindex (Euroraum: HVPI, harmonisierter VPI) | Preise eines repräsentativen Warenkorbs privater Haushalte, auch Importgüter |
| BIP-Deflator | Preise aller im BIP enthaltenen, also im Inland produzierten Güter; breiter als der VPI |
Der Unterschied in einem Satz: Der VPI zeigt, was Haushalte beim Einkaufen zahlen (auch für Importe), der Deflator, was im Inland hergestellte Güter kosten (auch Investitionsgüter und Staatsleistungen, dafür keine Importe).
Inflation, Deflation, Disinflation
Inflation: Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Inflationsrate ist die prozentuale Veränderung eines Preisindex.
In Worten: Um wie viel Prozent ist das Preisniveau gegenüber der Vorperiode gestiegen?
Beispiel ansehen
Der Preisindex steigt von 140 auf 147.
π = (147 − 140) / 140 = 7 / 140 = 5 %
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Inflation | Preisniveau steigt |
| Deflation | Preisniveau sinkt |
| Disinflation | Inflationsrate sinkt, Preise steigen aber weiter |
Inflation: Preise steigenDisinflation: steigen langsamerDeflation: Preise sinkenPreisniveau PZeitEinfach erklärt: Ein Semmerl kostet 50 Cent. Bei Inflation kostet es nächstes Jahr 52 Cent, bei Disinflation im Jahr darauf 53 Cent (der Anstieg wird kleiner), bei Deflation nur noch 49 Cent.
Prüfungsfalle: „Die Inflation sinkt von 5 % auf 2 %, also wird alles billiger." Das ist falsch: Es handelt sich um Disinflation. Die Preise steigen weiter, nur langsamer. Billiger wird es erst bei Deflation.
VertiefungWie ein Verbraucherpreisindex entsteht
Der VPI misst die Kosten eines Warenkorbs. Jedes Gut geht mit seinem Ausgabenanteil ein.
Beispiel: Ein Haushalt gibt 30 % für Kaffeehaus-Besuche aus, 50 % für Miete und 20 % für Kino. Die Preise ändern sich so: Kaffeehaus +10 %, Miete +4 %, Kino 0 %.
Inflation 5 %
Die Gewichte entscheiden also mit. Steigen die Preise genau dort, wo Haushalte viel ausgeben (etwa bei Wohnen oder Energie), ist die gemessene Inflation hoch. Weil die Warenkörbe der Haushalte unterschiedlich sind, spüren manche Gruppen eine höhere Inflation als der Durchschnitt.
VertiefungRealzins und Reallohn
Inflation entwertet Geld. Deshalb rechnet man bei Zinsen und Löhnen oft real, also nach Abzug der Inflation:
In Worten: Der Realzins ist der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Er sagt, wie viel Kaufkraft man durch das Verleihen zusätzlich gewinnt oder verliert.
Beispiel ansehen
Ein Sparbuch bringt 3 % Zinsen, die Inflation liegt bei 2 %.
1 %
Bei einer Inflation von 4 % wäre der Realzins −1 %: Das Geld auf dem Sparbuch verliert Kaufkraft.
Genauso gilt für den Reallohn: Steigt der Nominallohn um 4 % und die Preise um 3 %, wächst der Reallohn nur um etwa 1 %. Der Realzins wird in Abschnitt 12 bei der Staatsschuld wieder wichtig.
VertiefungWarum Inflation und Deflation Probleme machen
Darum zielen Zentralbanken nicht auf eine Inflation von null, sondern auf einen kleinen positiven Wert (Abschnitt 8).
7 Die Phillips-Kurve ★★★
Wovon hängt die Inflation ab? Die Phillips-Kurve verbindet Inflation mit Auslastung, Erwartungen und Angebotsschocks.
Phillips-Kurve: Zusammenhang, der erklärt, wovon die Inflation abhängt. Hier wird eine vereinfachte Form verwendet.
In Worten: Die Inflation setzt sich aus drei Teilen zusammen: was alle erwarten, wie stark die Wirtschaft ausgelastet ist, und Sonderfaktoren wie Energiepreisschocks.
Beispiel ansehen
Erwartete Inflation 2 %, κ = 0,4, Outputlücke −2 %, Angebotsschock 0.
Kommt ein Energiepreisschock von +1 Prozentpunkt dazu, steigt die Inflation auf 2,2 %, obwohl die Wirtschaft weiter unterausgelastet ist.
Drei Treiber der Inflation:
π = πᵉ + κ·xhöhere Erwartungenx = 0 → π = πᵉUnterauslastungÜberauslastungInflation πOutputlücke x0Prüfungsfalle: Die Phillips-Kurve ist keine stabile, unveränderliche Beziehung zwischen Konjunktur und Inflation. Erwartungen und Angebotsschocks verschieben sie. Ein „fester Tausch" Arbeitslosigkeit gegen Inflation ist daher nicht garantiert.
VertiefungErwartungsspirale: Warum Erwartungen so wichtig sind
Ein Land hat , keine Angebotsschocks und eine dauerhaft positive Outputlücke von +3 %.
Hält die Überauslastung an, steigt die Inflation immer weiter, weil die Erwartungen mitwandern. Umgekehrt sind fest verankerte Erwartungen (z. B. durch glaubwürdige Zentralbank) eine Bremse: Dann bleibt bei 2 %, auch wenn die Wirtschaft kurz überhitzt.
VertiefungBewegung entlang der Kurve oder Verschiebung?
Das kennst du aus der Mikroökonomie: Auch hier gibt es beide Fälle.
Grafik lesen: Waagrecht steht die Outputlücke, senkrecht die Inflation. Die Gerade steigt von links unten nach rechts oben. Bei liegt sie bei .
VertiefungBeispiel: Der Inflationsschub im Euroraum 2021 bis 2023
Das passt zur Phillips-Kurve: Zuerst wirkte vor allem (Energie), später kamen Auslastung und höhere Löhne dazu. Die Geldpolitik reagierte mit Zinserhöhungen (Abschnitt 8).
8 Geldpolitik: Wirkung und Euroraum ★★★
Konjunkturschwankungen lassen Produktion und Beschäftigung vom Potenzial abweichen und können Inflationsdruck erzeugen. Stabilisierungspolitik will starke Schwankungen von Nachfrage, Produktion, Beschäftigung und Inflation dämpfen.
Es gibt zwei zentrale Instrumente: Geldpolitik (Zinsen, Finanzierungsbedingungen) und Fiskalpolitik (Staatsausgaben, Steuern, Transfers). Beide wirken nicht direkt auf Produktion und Inflation, sondern über die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen.
Wirkungsmechanismus
Leitzins: Zinssatz, den die Zentralbank selbst festlegt; er beeinflusst die Zinsen und Finanzierungsbedingungen in der gesamten Wirtschaft.
Leitzins sinktBanken:
günstigere Kreditemehr Konsum &
InvestitionenNachfrage
& Preise ↑Eine Zinssenkung wirkt typischerweise so:
Mehr Nachfrage erhöht kurzfristig Produktion und Beschäftigung. Bei hoher Auslastung steigt zugleich der Inflationsdruck.
Eine Zinserhöhung wirkt über dieselben Kanäle in die Gegenrichtung: Kredite werden teurer, Konsum und Investitionen sinken, der Preisdruck lässt nach.
Einfach erklärt: Der Leitzins ist wie ein Gaspedal. Senken heißt Gas geben (mehr Kredite, mehr Nachfrage), erhöhen heißt bremsen.
Die Transmission (Weitergabe des Zinsimpulses) geschieht nicht sofort. Sie kommt mit Verzögerung und hängt von Erwartungen und von den Reaktionen von Haushalten, Unternehmen, Banken und Finanzmärkten ab.
Die Zinserhöhungen im Euroraum 2022/23 zeigen die Kette: Mit dem Leitzins stiegen die Kreditzinsen der Banken für Unternehmen und Haushalte, und das Kreditwachstum brach stark ein. Über diesen Kanal dämpfen höhere Zinsen Konsum und Investitionen.
Geldpolitik im Euroraum
Mitte: EZB · außen: nationale ZentralbankenDie primären Instrumente sind die drei Leitzinsen:
| Leitzins | Worum es geht |
|---|---|
| Einlagefazilität | Zinssatz für Geld, das Banken bei der Zentralbank parken |
| Hauptrefinanzierungsgeschäfte | Zinssatz für die regulären Kredite der Zentralbank an Banken |
| Spitzenrefinanzierungsfazilität | Zinssatz für kurzfristige Notkredite an Banken |
Prüfungsfalle: Die gemeinsame Geldpolitik macht die EZB bzw. das Eurosystem, die Fiskalpolitik dagegen liegt weitgehend bei den Nationalstaaten. Das 2-%-Ziel ist symmetrisch und kein „Höchstwert".
VertiefungDie Wege der Zinswirkung genauer
Der Leitzins wirkt nicht nur über einen Kanal:
Beispiel Kredit: Eine Familie nimmt 200.000 € für eine Wohnung auf. Bei 4 % Zinsen kostet das 8.000 € im Jahr, bei 2 % nur 4.000 €. Wer sich bei 4 % die Wohnung nicht leisten kann, kauft bei 2 % vielleicht doch. Genau so entsteht zusätzliche Nachfrage.
VertiefungWarum das Ziel 2 % und nicht 0 % ist
9 Fiskalpolitik und Fiskalmultiplikator ★★★
Der Staat hat einen zweiten Hebel: Ausgaben, Steuern und Transfers. Sie wirken auf die Nachfrage und damit auf Produktion und Beschäftigung.
StaatsausgabenStaatSteuernHaushalteFiskalpolitik: Steuerung der Nachfrage über Staatsausgaben, Steuern und Transfers (Zahlungen ohne direkte Gegenleistung, z. B. Familienbeihilfe). Sie liegt auch im Euroraum weitgehend bei den Nationalstaaten.
Eine expansive Fiskalpolitik erhöht typischerweise die Nachfrage:
Höhere Nachfrage erhöht kurzfristig Produktion und Beschäftigung, bei hoher Auslastung auch den Inflationsdruck. Eine restriktive Fiskalpolitik wirkt in die Gegenrichtung.
Automatische Stabilisatoren und diskretionäre Politik
| Automatische Stabilisatoren | Diskretionäre Maßnahmen |
|---|---|
| wirken ohne neuen politischen Beschluss | bewusst beschlossene Änderungen |
| konjunkturabhängige Steuern und Transfers | z. B. Konjunkturpaket, Steuersenkung |
| greifen sofort | mit Entscheidungs- und Umsetzungsverzögerung |
Im Abschwung sinken z. B. die Steuereinnahmen von selbst, und Ausgaben für Arbeitslosengeld steigen: Das stützt die Nachfrage, ohne dass jemand etwas beschließen muss. Diskretionäre Eingriffe können dagegen gezielt auf außergewöhnliche Schocks reagieren.
Die Corona-Krise zeigte beide Formen: Der Fiskalimpuls kam sowohl aus automatischen Stabilisatoren als auch aus zusätzlichen beschlossenen Maßnahmen.
Fiskalmultiplikator
Fiskalmultiplikator: Outputänderung je Einheit eines fiskalischen Impulses.
In Worten: Um wie viele Euro steigt das BIP, wenn der Staat einen Euro mehr ausgibt?
Beispiel ansehen
Der Staat saniert Schulen und gibt dafür 5 Mrd. € zusätzlich aus. Das BIP steigt um 6 Mrd. €.
m = 6 / 5 = 1,2
Ergebnis: Jeder zusätzliche Euro löst 1,20 € BIP aus. Grund: Die Baufirmen zahlen Löhne, die Beschäftigten kaufen ein, und so geht es weiter.
VertiefungDer Multiplikator Runde für Runde
Der Staat gibt zusätzlich 100 aus. Die Empfänger konsumieren von jedem zusätzlichen Euro Einkommen den Anteil (Konsumneigung).
Die Summe ist . Der Multiplikator beträgt also .
Steuersenkung statt Ausgaben: Sinken die Steuern um 100, steigt der Konsum in Runde 1 nur um 60 (der Rest wird gespart). Die Summe ist . Der Multiplikator für Steuern ist also kleiner (1,5), das passt zu den Aussagen oben.
Dieses Modell ist bewusst einfach. In der Praxis „sickert" ein Teil des Einkommens in Importe, Steuern und Sparen. Gibt man nur 42 % jedes zusätzlichen Euro im Inland aus, sinkt der Multiplikator auf . Deshalb liegen echte Schätzungen oft näher an 1 als an 2,5.
VertiefungWie automatische Stabilisatoren funktionieren
Angenommen, der Staat nimmt 40 % jedes zusätzlichen Einkommens als Steuern und Abgaben. Fällt das Einkommen in einer Flaute um 100, sinken die Steuern um 40, und das verfügbare Einkommen sinkt nur um 60. Der Konsum bricht weniger stark ein. Zusätzlich stützt das Arbeitslosengeld die Einkommen.
Im Boom wirkt es umgekehrt: Die Steuerlast wächst automatisch mit und dämpft die Überhitzung. Der Preis dafür: Der Budgetsaldo verschlechtert sich im Abschwung (Abschnitt 11).
10 Stabilisierungspolitik: Möglichkeiten und Grenzen ★★★
Geld- und Fiskalpolitik können vieles, aber nicht alles. Welche Art von Schock vorliegt, entscheidet, ob die Politik leichtes oder schweres Spiel hat.
Wie aktiv Stabilisierungspolitik sein soll, ist deshalb umstritten.
Prüfungsfalle: Stabilisierungspolitik dämpft kurzfristige Schwankungen, sie ersetzt nicht die Faktoren für langfristiges Wachstum (Produktivität, Humankapital, Institutionen). Außerdem wirken Geld- und Fiskalpolitik nie direkt, sondern über das Verhalten von Haushalten und Unternehmen.
VertiefungDer Zielkonflikt mit Zahlen
Mit der Phillips-Kurve sieht man den Konflikt klar. Es gilt %, .
Ein Energiepreisschock lässt werden und drückt die Produktion: %. Die Inflation beträgt 2,9 %.
Bei Nachfrageschocks () gibt es diesen Konflikt nicht: Dort gehen Produktion und Inflation gemeinsam in dieselbe Richtung.
VertiefungVerzögerungen und prozyklische Politik
Zwischen Schock und Wirkung liegen vier Etappen: erkennen (Daten kommen verspätet), entscheiden (Beschlüsse und Gesetze), umsetzen (Bauprojekte, Auszahlungen) und wirken (Zinsimpuls über Banken und Haushalte).
Beispiel: Ein Abschwung beginnt im Jänner. Im Herbst wird ein Paket beschlossen, im nächsten Jahr wird gebaut. Bis dahin hat sich die Wirtschaft vielleicht schon erholt, und das Paket verstärkt den Aufschwung, statt ihn zu dämpfen. Das nennt man prozyklisch. Automatische Stabilisatoren haben dieses Problem nicht.
11 Budgetsaldo, Primärsaldo und Staatsschulden ★★★
Der Staat verändert mit Fiskalpolitik auch seine eigenen Finanzen. Hier geht es um die Begriffe. Wie sich die Schuldenquote über die Zeit entwickelt, folgt im nächsten Abschnitt.
Budgetsaldo und Primärsaldo
Budgetsaldo: Einnahmen minus Ausgaben des Staates in einer Periode.
Primärsaldo: Budgetsaldo vor Zinszahlungen auf die bestehende Staatsschuld. Ist er negativ, spricht man von einem Primärdefizit.
Der Budgetsaldo reagiert auf die Konjunktur: Im Abschwung sinken die Steuereinnahmen, und bestimmte Ausgaben steigen. Die automatischen Stabilisatoren verschlechtern also den Saldo. Zusätzlich verändern diskretionäre Maßnahmen Einnahmen und Ausgaben.
Staatsschulden und Maastricht-Schuldenstand
Staatsverschuldung: eine Bestandsgröße: der Schuldenberg zu einem Stichtag. Das Defizit dagegen ist eine Stromgröße, die pro Periode neu dazukommt.
Defizite erhöhen den Schuldenstand, Überschüsse können ihn senken.
Maastricht-Schuldenstand: Maß der EU, der konsolidierte Bruttoschuldenstand des gesamten Sektors Staat. „Konsolidiert" heißt: Schulden zwischen staatlichen Stellen werden herausgerechnet. In Österreich zählen Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen dazu.
Einfach erklärt: Das Defizit ist, wie viel Wasser pro Monat in die Badewanne läuft, die Staatsschuld ist der Wasserstand.
VertiefungDefizit wird zu Schuld: ein Zahlenbeispiel
Ein Staat hat eine Schuld von 600 bei einem nominalen BIP von 800. Die Quote beträgt 75 %.
Im nächsten Jahr macht er ein Defizit von 24. Die Schuld steigt auf 624. Das nominale BIP wächst um 5 % auf 840. Die Quote beträgt 74,3 %.
Lesehilfe: Die Schuld ist gewachsen, die Quote ist aber gesunken, weil die Wirtschaft schneller gewachsen ist. Deshalb schaut man bei der Tragfähigkeit auf die Quote, nicht auf den absoluten Betrag.
Die EU-Verträge nennen als Referenzwerte ein Defizit von höchstens 3 % und eine Schuldenquote von höchstens 60 % des BIP. Die genauen Regeln der EU wurden 2024 überarbeitet.
12 Schuldenquote und ihre Dynamik ★★★
Wie schnell wächst die Schuld im Vergleich zur Wirtschaft? Das entscheidet über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen.
Schuldenquote: Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Gemessen wird also nicht der absolute Betrag, sondern die Tragfähigkeit.
In Worten: Staatsschulden geteilt durch das BIP: Wie viele Jahreswirtschaftsleistungen schuldet der Staat?
In Worten: Die Quote steigt, wenn der Zins höher ist als das Wachstum, und wenn der Staat ohne Zinsen mehr ausgibt als einnimmt.
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Schuldenquote 90 %, Realzins 3 %, Wachstum 1 %, Primärsaldo ausgeglichen (d = 0).
Die Quote steigt also von selbst auf rund 91,8 %. Für Stabilität bräuchte der Staat einen Primärüberschuss von 1,8 % des BIP.
Zweiter Fall: b = 60 %, r = 2 %, g = 3 %, Primärdefizit 0,5 %. Dann ist Δb ≈ (−0,01) · 0,60 + 0,5 = −0,6 + 0,5 = −0,1 Prozentpunkte. Die Quote sinkt leicht, obwohl der Staat ein Primärdefizit hat.
Drei Kräfte wirken auf die Quote:
Entscheidend ist : Bei wirkt die bestehende Schuld erhöhend auf die Quote, bei senkend.
Prüfungsfalle: Ein Defizit (Strom) ist nicht dasselbe wie Schulden (Bestand). Und ein Primärdefizit führt nicht automatisch zu einer steigenden Schuldenquote: Bei g > r kann sie trotzdem sinken.
Zielkonflikt der Budgetsanierung
Hohe Defizite und eine steigende Schuldenquote erzeugen Konsolidierungsbedarf (Sanierung des Budgets durch Sparen oder Mehreinnahmen). Das ist besonders heikel, wenn die Konjunktur schwach ist und zusätzlich die Zinsausgaben des Staates steigen.
Prüfungsfalle: Budgetsanierung hat einen Zielkonflikt: Sie stabilisiert die Staatsfinanzen, kann bei schwacher Konjunktur aber die Nachfrage kurzfristig zusätzlich dämpfen.
VertiefungWoher die Formel kommt
Die Schuld wächst um die Zinsen und das Primärdefizit: . Teilt man durch das BIP , erhält man die Quote:
In Worten: Die alte Schuld wächst mit dem Realzins, die Wirtschaft wächst mit g. Das Verhältnis der beiden Faktoren bestimmt, ob die Quote von selbst steigt.
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%, %, %, kein Primärdefizit.
91,8 %
Ergebnis: Dasselbe wie die Näherung Prozentpunkte. Für kleine Raten ist .
VertiefungDer schuldenstabilisierende Primärsaldo und die Rolle der Zinsen
Soll die Quote konstant bleiben, braucht der Staat einen Primärüberschuss von etwa . Bei % und Prozentpunkten sind das rund 1,8 % des BIP, bei % nur 1,2 %. Eine hohe Quote macht den Staat also empfindlicher gegen Zinsänderungen.
Steigende Zinsen schlagen nicht sofort voll durch: Alte Anleihen laufen noch zu alten Zinsen. Erst bei Fälligkeit und Neuaufnahme steigt die Zinslast, umso schneller, je kürzer die durchschnittliche Laufzeit der Schuld.
13 Offene Volkswirtschaft und Globalisierung ★★
Länder sind über Handel, Kapital, Menschen und Wissen verflochten. Die Zahlungsbilanz (Leistungsbilanz, Vermögensübertragungsbilanz, Kapitalbilanz) erfasst grenzüberschreitende Transaktionen, aber nur einen Teil der Globalisierung.
Was Globalisierung noch umfasst
Mit den Ursachen und Wirkungen befasst sich die Außenwirtschaftstheorie.
Wie Handel Produktivität und Wohlstand erhöht
Globalisierung, Ungleichheit und Armut
Skill-biased technological change: technischer Wandel, der die Nachfrage nach höher qualifizierten Arbeitskräften relativ stärker erhöht.
Handel trägt zu den Verteilungswirkungen bei, gilt aber nicht als dominante Ursache steigender Ungleichheit. Eine wichtigere Rolle spielt der skill-biased technological change.
Prüfungsfalle: Globalisierung hat die globale Ungleichheit gesenkt, kann aber die Ungleichheit innerhalb einzelner Länder erhöhen. Beides ist kein Widerspruch.
Internationale Übertragung von Schocks
In einer verflochtenen Wirtschaft schlagen Schocks aus dem Ausland auf Produktion, Beschäftigung und Inflation im Inland durch. Vier Kanäle:
| Kanal | Wirkung |
|---|---|
| Nachfrage | Auslandsnachfrage verändert Exporte, damit heimische Produktion und Beschäftigung |
| Preise und Lieferketten | Energie-, Rohstoff- und Güterpreise und Lieferausfälle verändern Kosten, Produktion und Inflation |
| Finanzmärkte und Wechselkurse | Zinsen, Risiko, Kapitalbewegungen und Kurse verändern Finanzierung, relative Preise, Nachfrage |
| Erwartungen | Internationale Unsicherheit dämpft Konsum und Investitionen |
Wie stark ein Schock durchschlägt, hängt von der Verflechtung, den Anpassungsmöglichkeiten von Haushalten und Unternehmen und der wirtschaftspolitischen Reaktion ab. Integration bringt also Chancen, aber auch gegenseitige Abhängigkeiten.
VertiefungWas die Forschung zu Handel und Wachstum zeigt
Zur Wirkung von Handelsöffnung auf Wachstum und Produktivität gibt es viel empirische Literatur.
VertiefungHandelsgewinne am Zahlenbeispiel
Zwei Länder stellen Weizen und Wein her. Pro Arbeitstag schafft Land A entweder 4 t Weizen oder 2 t Wein, Land B entweder 3 t Weizen oder 1 t Wein.
Land A ist bei beiden Gütern absolut besser. Trotzdem lohnt Handel: A spezialisiert sich auf Wein, B auf Weizen. Tauschen sie zu 1 t Wein gegen 2,5 t Weizen, bekommt A mehr Weizen, als es sich selbst herstellen könnte (2 t). B bekommt Wein billiger, als es ihn selbst herstellen könnte (3 t Weizen). Beide gewinnen.
Entscheidend ist der komparative, nicht der absolute Vorteil.
14 Nominaler und realer Wechselkurs ★★★
Wer in verschiedenen Währungen rechnet, braucht Wechselkurse, und für echte Vergleiche von Preisen und Einkommen zusätzlich die Preisniveaus.
Nominaler Wechselkurs
Euroandere WährungenWechselkurs = Preis einer WährungNominaler Wechselkurs: Verhältnis, zu dem zwei Währungen getauscht werden. Hier wird er als Mengennotierung geschrieben.
In Worten: Wie viel ausländisches Geld bekommt man für eine Einheit inländisches Geld?
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E = 0,95 CHF/EUR heißt: Ein Euro kostet 0,95 Franken (Inland = Euroraum).
Steigt E auf 1,00, bekommt man für einen Euro mehr Franken. Der Euro ist mehr wert: Aufwertung. Ein Urlaub in der Schweiz wird für Euro-Besitzer:innen billiger.
Prüfungsfalle: In anderen Darstellungen wird der Wechselkurs oft umgekehrt notiert (Inlandswährung pro Fremdwährung). Dort bedeutet ein Anstieg eine Abwertung. Hier gilt: steigt = Aufwertung. Lies die Notation immer genau.
VertiefungMengen- und Preisnotierung umrechnen
Die beiden Schreibweisen sind Kehrwerte voneinander.
Mengennotierung (Euro als Inland): CHF/EUR. Preisnotierung: EUR je CHF.
Steigt von 0,95 auf 1,00, wertet der Euro um 5,3 % auf. In der Preisnotierung fällt der Kurs von 1,053 auf 1,00, das sind %. Dieselbe Bewegung, aber zwei verschiedene Prozentzahlen.
Merkhilfe: Prüfe immer, welche Währung im Nenner steht. Die Währung im Nenner ist jene, deren Wert du betrachtest.
Realer Wechselkurs
Der nominale Kurs reicht für Preisvergleiche nicht: Entscheidend sind auch die Preisniveaus im In- und Ausland.
Realer Wechselkurs: relativer Preis inländischer gegenüber ausländischen Gütern (beide in derselben Währung gerechnet). Er ist ein wichtiger Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit.
In Worten: Wie teuer ist ein inländischer Warenkorb im Vergleich zum ausländischen, wenn man beide in dieselbe Währung umrechnet? Über 1: Inland teurer. Unter 1: Inland günstiger.
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E = 0,95 CHF/EUR. Ein Warenkorb kostet im Euroraum 200 €, in der Schweiz 210 CHF.
q kann steigen, weil steigt, weil das Inland sich stärker verteuert ( steigt) oder weil das Ausland sich verbilligt ( sinkt). Bei unveränderten Preisen führt eine nominale Abwertung zunächst auch zu einer realen Abwertung.
VertiefungDer reale Kurs in Veränderungsraten
Aus folgt für kleine Änderungen:
In Worten: Der reale Kurs steigt, wenn der nominale Kurs steigt oder wenn das Inland mehr Inflation hat als das Ausland.
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Der Euro wertet nominal um 2 % auf. Die Inflation im Euroraum liegt bei 1 %, im Ausland bei 3 %.
0 %
Ergebnis: Trotz nominaler Aufwertung ändert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit nicht, weil das Ausland sich gleichzeitig stärker verteuert.
Auch hier hilft es, an den Zusammenhang mit der relativen KKP zu denken (Abschnitt 15): Wertet die Währung genau um den Inflationsunterschied auf, bleibt konstant.
15 Kaufkraftparität (KKP) ★★★
Für internationale Einkommensvergleiche zählt nicht das Einkommen in Euro oder Dollar, sondern die Kaufkraft: Was kann man sich dafür leisten?
KaufkraftparitätPreis im InlandPreis im Ausland
(umgerechnet)Gesetz des einheitlichen Preises (Law of One Price): Ein identisches handelbares Gut sollte bei freiem Handel und ohne Handelskosten, in dieselbe Währung umgerechnet, überall gleich viel kosten.
Überträgt man das auf das gesamte Preisniveau, erhält man den KKP-Wechselkurs:
In Worten: Der Wechselkurs, bei dem derselbe Warenkorb in beiden Ländern gleich viel kostet.
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Weiter mit Warenkorb 200 € im Euroraum und 210 CHF in der Schweiz.
= 210 / 200 = 1,05 CHF/EUR
Der Marktkurs liegt bei 0,95, also darunter. Gemessen an der Kaufkraft ist der Euro unterbewertet. Probe: q = 0,95 / 1,05 ≈ 0,90.
Relative Kaufkraftparität
Der KKP-Kurs ist kein fester Wert: Ändern sich die Preisniveaus unterschiedlich, ändert sich auch er.
In Worten: Hat ein Land niedrigere Inflation als das Ausland, steigt sein KKP-Kurs ungefähr um den Inflationsunterschied: Die Währung wertet langfristig tendenziell auf.
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Inflation im Inland 1 %, im Ausland 4 %.
g ≈ 4 − 1 = +3 % → Die Inlandswährung sollte langfristig um etwa 3 % pro Jahr aufwerten.
Warum KKP nicht exakt gilt
KKP ist ein beweglicher langfristiger Referenzpunkt, kein fixer Kurs und keine Kurzfristprognose. Marktkurse können lange und deutlich von der KKP abweichen, tendieren über längere Zeiträume aber zu ihr zurück.
VertiefungWarum Dienstleistungen in reichen Ländern teurer sind
Bei handelbaren Gütern (Smartphone) gleicht der Wettbewerb die Preise an. Einen Haarschnitt kann man aber nicht importieren: Sein Preis hängt vor allem vom Lohnniveau im Land ab, und das ist in reichen Ländern höher.
Folge: Rechnet man ein Einkommen aus einem ärmeren Land zum Marktkurs in Euro um, wirkt es kleiner, als es kaufkraftmäßig ist. Der KKP-Vergleich korrigiert das.
VertiefungÜber- und Unterbewertung: ein Rechenbeispiel
Ein Burger kostet im Euroraum 5 € und in der Schweiz 6,30 CHF. Der Marktkurs beträgt CHF/EUR.
Solche Rechnungen zeigen Abweichungen, sind aber kein Handelssignal: Transport, Mieten und Löhne unterscheiden sich.
16 Kurzfristige Wechselkursbewegungen und Anpassung ★★★
Kurzfristig bestimmen nicht Warenkörbe, sondern Finanzmärkte die Kurse. Was daraus für die Wirtschaft folgt, ist der zweite Teil dieses Abschnitts.
Kurzfristige Wechselkursbewegungen
Kurzfristig bestimmen vor allem internationale Anleger auf den Finanzmärkten die Kurse. Entscheidend ist die erwartete Rendite von Anlagen in verschiedenen Währungen. Sie hängt ab von:
Steigt der inländische Zins relativ zum Ausland, werden inländische Anlagen (bei sonst gleichen Bedingungen) attraktiver. Die Nachfrage nach der Inlandswährung steigt, und sie wertet auf. Neue Nachrichten zu Geldpolitik, Konjunktur, Inflation oder Risiko ändern Erwartungen rasch und lösen große Kursausschläge aus.
Wechselkurse und gesamtwirtschaftliche Anpassung
Wechselkursänderungen verschieben die relativen Preise von inländischen und ausländischen Gütern und beeinflussen so Konsum-, Investitions- und Produktionsentscheidungen.
| Abwertung | Aufwertung | |
|---|---|---|
| Importe | in Inlandswährung teurer | billiger |
| Inländische Güter | relativ günstiger, Exporte steigen | relativ teurer |
| Nachfrage, Produktion | Nettoexporte ↑ → Produktion ↑ | Nettoexporte ↓ |
| Inflation | Importpreise ↑ → Preisdruck ↑ | Preisdruck ↓ |
Wie stark Wechselkursänderungen auf Preise durchschlagen, hängt von der Überwälzung auf Import- und Verbraucherpreise ab (exchange-rate pass-through). Im Euroraum schlägt eine Euro-Abwertung deutlich auf die Importpreise durch, auf die Verbraucherpreise aber nur teilweise und wesentlich schwächer. Der Wechselkurs ist damit ein zusätzlicher Übertragungskanal für Inflation in einer offenen Volkswirtschaft.
Prüfungsfalle: Eine Abwertung ist nicht nur positiv: Sie hilft den Exporten, verteuert aber Importe (z. B. Energie und Rohstoffe) und kann den Inflationsdruck erhöhen.
VertiefungZinsunterschiede und Wechselkurs: ein Gedankenspiel
Die Zentralbank im Euroraum erhöht die Zinsen, die USA lassen ihre gleich.
Eine Zinserhöhung wirkt also doppelt: über Kredite und über den Wechselkurs. Einschränkung: Hatten die Märkte sie schon erwartet, bewegt sie den Kurs kaum. Erst die Überraschung löst Ausschläge aus.
VertiefungEine Abwertung durchgerechnet
Der Euro wertet um 10 % ab: Aus USD/EUR wird .
Die Nettoexporte steigen und stützen die Produktion. Die höheren Importpreise treiben aber die Inflation. Wie stark, hängt vom Pass-through ab.