VWL · Kapitel 8/8

Wachstum, Konjunktur, Inflation & Wechselkurse

Makroökonomie32 Min. LesezeitRelevanz ★★
Auf einen Blick
  • Reales BIP bewertet zu Basispreisen und misst nur Mengen; der BIP-Deflator =BIPnom/BIPreal zeigt die Preise.
  • Lebensstandard langfristig: Produktivität und reales BIP pro Kopf; gy≈gY−gN. Kleine Wachstumsunterschiede summieren sich enorm.
  • Outputlücke x=(Y−Y∗)/Y∗: negativ heißt Unterauslastung, positiv Überauslastung; Nachfrage- und Angebotsschocks verursachen Schwankungen.
  • Arbeitslosenquote = Arbeitslose (ILO) durch Erwerbspersonen; Okun: mehr Wachstum, sinkende Quote (β<0).
  • Inflation, Deflation, Disinflation unterscheiden; Phillips-Kurve π=πe+κx+s ist keine stabile Beziehung.
  • Geldpolitik wirkt über den Leitzins, Fiskalpolitik über Ausgaben, Steuern, Transfers; beide wirken verzögert, bei Angebotsschocks droht ein Zielkonflikt.
  • Schuldenquote: Δb≈(r−g) b−1+dP. Bei g>r wirkt die alte Schuld senkend; Budgetsanierung kann die Konjunktur bremsen.
  • E steigt = Aufwertung (Mengennotierung); q=EP/P∗; KKP heißt q=1; niedrigere Inflation bedeutet langfristig tendenziell Aufwertung.
Inhalt17 Abschnitte
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1 Reales BIP und BIP-Deflator ★★★

Bisher ging es um einzelne Märkte, jetzt um die Gesamtwirtschaft: Produktion, Beschäftigung und Preise. Die Logik bleibt gleich: Ein Schock verändert die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen, und daraus folgen Anpassungen bei Produktion, Beschäftigung und Preisen. Zuerst brauchst du das Messwerkzeug: Wie trennt man „es wird mehr produziert" von „alles wird teurer"?

Nominales und reales BIP

Nominales BIP: Wert der gesamten Produktion zu laufenden Preisen des jeweiligen Jahres.

Es steigt, wenn mehr produziert wird, wenn die Preise steigen oder beides. Aus dem nominalen BIP allein siehst du deshalb nicht, ob die Wirtschaft wirklich wächst.

FormelNominales BIP
BIPtnom=∑iQi,t⋅Pi,t

In Worten: Für jedes Gut die Menge mal den Preis dieses Jahres, dann alles zusammenzählen.

∑i = Summe über alle Güter iQi,t = Menge von Gut i im Jahr tPi,t = Preis von Gut i im Jahr t

Reales BIP: Produktion bewertet zu konstanten Preisen eines festen Basisjahres. Damit bleibt nur die Mengenentwicklung übrig.

FormelReales BIP
BIPtreal=∑iQi,t⋅Pi,0

In Worten: Dieselben Mengen wie heute, aber mit den Preisen des Basisjahres bewertet. Preissteigerungen fallen damit heraus.

Pi,0 = Preis von Gut i im Basisjahr (Periode 0)

Einfach erklärt: Stell dir vor, dein Kaffeehaus verkauft heuer gleich viele Melangen wie letztes Jahr, nur teurer. Der Umsatz steigt (nominal), verkauft hast du aber nicht mehr (real).

Der BIP-Deflator

BIP-Deflator: impliziter Preisindex des BIP. Er ergibt sich als Quotient aus nominalem und realem BIP.

„Implizit" heißt: Man misst die Preise nicht direkt, sondern erhält sie als Rest, wenn man den Mengeneffekt herausrechnet.

FormelBIP-Deflator und Wertzerlegung
Pt=BIPtnomBIPtreal⇔BIPtnom=BIPtreal⋅Pt

In Worten: Der Wert der Produktion ist gleich Volumen mal Preisindex. Teilst du den Wert durch das Volumen, bleibt der Preiseffekt übrig.

Pt = BIP-Deflator (Preisindex der im Inland produzierten Güter)
Beispiel ansehen

Ein Kaffeehaus bietet nur Kaffee und Torten an.

Basisjahr: 200 Kaffee zu 3 €, 50 Torten zu 4 €
Jahr 1: 220 Kaffee zu 3,50 €, 50 Torten zu 5 €
1Nominal Jahr 1: 220 · 3,50 + 50 · 5 = 770 + 250 = 1.020
2Real Jahr 1 (Basispreise): 220 · 3 + 50 · 4 = 660 + 200 = 860
3Real im Basisjahr: 200 · 3 + 50 · 4 = 800
4Reales Wachstum: 860 / 800 = 1,075 → +7,5 %
5Deflator: 1.020 / 860 ≈ 1,186 → Preise im Schnitt um rund 19 % höher

Ergebnis: Der Umsatz wuchs um 27,5 % (1.020 / 800), davon waren 7,5 % echtes Mengenwachstum, der Rest Preiseffekt.

Prüfungsfalle: Wachstum bedeutet in der Regel reales Wachstum. Ein steigendes nominales BIP beweist noch kein Wachstum, weil auch bloße Preissteigerungen es erhöhen.

VertiefungWachstumsraten: nominal, real und Inflation

Weil „Wert = Volumen mal Preis" gilt, addieren sich bei kleinen Raten die Wachstumsraten näherungsweise:

FormelNominal, real, Preis
gnom≈greal+πD

In Worten: Das nominale Wachstum ist ungefähr das reale Wachstum plus die Änderungsrate des Deflators.

gnom = Wachstumsrate des nominalen BIPgreal = Wachstumsrate des realen BIPπD = Änderungsrate des BIP-Deflators
Beispiel ansehen

Das nominale BIP wächst um 5 %, der Deflator steigt um 3 %.

Näherung: greal≈5−3= 2 %

Exakt: 1,05/1,03=1,0194, also rund 1,94 %.

Ergebnis: Bei kleinen Raten ist die Näherung brauchbar. Bei großen (z. B. 20 % Inflation) wird sie ungenau, dann rechnest du mit den Faktoren.

Der Deflator wird meist als Index angegeben: Im Basisjahr ist er 100. Ein Wert von 118,6 bedeutet, dass die Preise gegenüber dem Basisjahr im Schnitt um 18,6 % höher sind.

VertiefungLaspeyres, Paasche und Kettenindex

Auch der Wert der Produktion lässt sich in Volumen und Preis zerlegen. Je nachdem, welche Periode man als Gewichtung nimmt, gibt es zwei Standardvarianten:

IndexVolumenindexPreisindex
LaspeyresMengen mit Basispreisen bewertetPreise mit Basismengen gewichtet
PaascheMengen mit aktuellen Preisen bewertetPreise mit aktuellen Mengen gewichtet

Der Wertindex ist das Produkt aus Volumen- und Preisindex, und zwar kreuzweise: Laspeyres-Volumen mal Paasche-Preis oder Paasche-Volumen mal Laspeyres-Preis ergeben jeweils den Wertindex.

Rechenbeispiel Beispiel Kaffeehaus: Laspeyres und Paasche

Mit den Zahlen von oben (Basis: 200 Kaffee zu 3 € und 50 Torten zu 4 €; Jahr 1: 220 Kaffee zu 3,50 € und 50 Torten zu 5 €):

1Wertindex: 1.020 / 800 = 1,275
2Laspeyres-Volumen (Basispreise): 860 / 800 = 1,075
3Paasche-Preis (aktuelle Mengen): 1.020 / 860 ≈ 1,186
4Probe: 1,075 · 1,186 ≈ 1,275 ✓
5Paasche-Volumen: 1.020 / 950 ≈ 1,074 (950 = Basismengen zu aktuellen Preisen)
6Laspeyres-Preis: 950 / 800 = 1,1875
7Probe: 1,074 · 1,1875 ≈ 1,275 ✓

Ergebnis: Das reale BIP zu Basispreisen ist ein Laspeyres-Volumenindex, der BIP-Deflator ein Paasche-Preisindex.

Kettenindex: verknüpft Vergleiche aufeinanderfolgender Perioden (jeweils Vorjahr gegen aktuelles Jahr) zu einer Kette.

Dadurch werden die Gewichte laufend aktualisiert. Ein starres Basisjahr veraltet mit der Zeit, weil sich Preise und Konsummuster ändern: Wenn z. B. Computer immer billiger werden, überschätzt ein altes Basisjahr ihr Gewicht, weil es sie noch zu hohen Preisen bewertet.

2 BIP pro Kopf und die Macht des Zinseszinses ★★★

Das reale BIP misst die Produktion und dient zugleich als Näherung für das reale Einkommen. Für den durchschnittlichen materiellen Lebensstandard zählt deshalb das reale BIP pro Kopf.

FormelReales BIP pro Kopf
yt=YtNt

In Worten: Gesamte reale Produktion geteilt durch die Zahl der Einwohner:innen. Grob: Wie viel steht jeder Person im Schnitt zur Verfügung?

yt = reales BIP pro KopfYt = reales BIPNt = Bevölkerung

Es wächst nur dann, wenn die Produktion schneller wächst als die Bevölkerung.

FormelWachstum pro Kopf
gy≈gY−gN

In Worten: Die Wachstumsrate pro Kopf ist näherungsweise das BIP-Wachstum minus das Bevölkerungswachstum.

gy = Wachstumsrate des BIP pro KopfgY = Wachstumsrate des realen BIPgN = Wachstumsrate der Bevölkerung
Beispiel ansehen

Ein Land wächst real um 2,5 %, die Bevölkerung um 0,5 %.

1Pro Kopf: 2,5 − 0,5 = +2 %
2Wächst die Bevölkerung ebenfalls um 2,5 %, bleibt der Lebensstandard unverändert (0 %).

Bei konstanter Wachstumsrate summieren sich kleine Unterschiede dramatisch auf.

FormelWachstum über die Zeit
yt=y0⋅(1+g)t

In Worten: Wer jedes Jahr um g Prozent wächst, landet nach t Jahren beim Anfangswert mal (1 + g) hoch t.

y0 = Anfangsniveaug = konstante Wachstumsrate (als Dezimalzahl)t = Anzahl der Jahre
Beispiel ansehen

Zwei Länder starten mit demselben BIP pro Kopf. Land A wächst 1 % pro Jahr, Land B 3 %. Zeitraum: 40 Jahre.

1Land A: 1,01⁴⁰ ≈ 1,49
2Land B: 1,03⁴⁰ ≈ 3,26
3Verhältnis: 3,26 / 1,49 ≈ 2,2

Ergebnis: Nach 40 Jahren ist Land B pro Kopf mehr als doppelt so reich wie Land A, obwohl der Unterschied pro Jahr nur zwei Prozentpunkte beträgt.

Einfach erklärt – Faustregel 70: Die Verdopplungszeit ist ungefähr 70 geteilt durch die Wachstumsrate in Prozent. Bei 2 % dauert es rund 35 Jahre, bei 3,5 % rund 20 Jahre.

Prüfungsfalle: Das reale BIP pro Kopf ist der zentrale Indikator für den materiellen Lebensstandard, aber kein umfassendes Wohlfahrtsmaß. Umwelt, Verteilung, Freizeit und unbezahlte Arbeit kommen darin nicht vor.

VertiefungWoher die Näherungen kommen

Pro-Kopf-Wachstum: Aus y=Y/N folgt exakt 1+gy=(1+gY)/(1+gN). Beispiel: 1,025/1,005=1,0199, also 1,99 %. Die Näherung gibt 2 %.

Faustregel 70: Gesucht ist t mit (1+g)t=2, also t=ln⁡2/ln⁡(1+g). Für kleine g ist ln⁡(1+g)≈g und ln⁡2≈0,69, also t≈69/g, gerundet 70. Probe: g=3,5 %, t=20 Jahre, und 1,03520≈1,99.

VertiefungAufholen: Wie lange dauert es, bis ein ärmeres Land aufschließt?

Ein Land startet bei 40 % des BIP pro Kopf eines reichen Landes. Das arme Land wächst mit 4 % pro Jahr, das reiche mit 1,5 %.

Gesucht ist t mit 0,4⋅1,04t=1,015t. Umgeformt: 1,04t/1,015t=2,5. Mit ln⁡ gerechnet: t=ln⁡2,5/(ln⁡1,04−ln⁡1,015)≈0,916/0,0243≈ 38 Jahre.

Lesehilfe: Aufholen dauert lange, selbst bei hohem Wachstumsvorsprung. Und es gelingt nur, wenn das Wachstumsgefälle dauerhaft bleibt.

3 Woher Wachstum kommt: Produktivität ★★

Die Wohlstandsunterschiede zwischen Ländern sind riesig: Das reale BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) der reichsten Länder ist ein Vielfaches von dem der ärmsten. Langfristig erklärt das vor allem eine Größe: die Produktivität.

Produktivität als Schlüssel

Produktivität: wie viel Output eine Volkswirtschaft aus den ihr verfügbaren Ressourcen (z. B. je Arbeitskraft oder Arbeitsstunde) herstellen kann.

Je höher die Produktivität, desto mehr Güter und Einkommen pro Kopf sind langfristig möglich. Das ist das Grundprinzip „Der Lebensstandard hängt langfristig von der Produktivität ab" (Grundprinzip #10).

Fünf Quellen von Produktivität: Wissen und Innovation, Humankapital, Institutionen, Offenheit und Handel, Kapitalausstattung.TechnologieBildungInstitutionenHandelSachkapitalBIP pro Kopf wächst
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Fünf Quellen von Produktivität: Wissen und Innovation, Humankapital, Institutionen, Offenheit und Handel, Kapitalausstattung.

Fünf Bestimmungsfaktoren

FaktorWarum er Produktivität erhöht
Wissen, Innovation, technischer Fortschrittneue Ideen und Verfahren: mehr Output aus denselben Ressourcen
HumankapitalAusbildung, Fähigkeiten und Erfahrung machen produktiver und erleichtern es, neues Wissen zu entwickeln und anzuwenden
InstitutionenRechtssicherheit (Rule of Law), Eigentumsrechte und verlässliche Regeln machen Investitionen und Unternehmertum lohnend
Offenheit und HandelSpezialisierung, größere Märkte, Wettbewerb, Verbreitung von Wissen und Technologie
KapitalausstattungMaschinen, Infrastruktur und digitale Ausstattung machen produktive Technologien erst nutzbar

Einfach erklärt: Eine Bäckerei mit modernem Ofen, gut ausgebildeten Mitarbeiter:innen und sicherem Pachtvertrag backt mehr Brot pro Arbeitsstunde als eine ohne all das. Für ein ganzes Land gilt dasselbe im Großen.

Die systematische Erklärung von langfristigem Wachstum, internationalen Einkommensunterschieden und Aufholprozessen (ärmere Länder schließen zu reicheren auf) liefert die Wachstumstheorie. Hier musst du die fünf Faktoren und ihre Wirkung kennen.

Prüfungsfalle: Langfristiger Wohlstand hängt an der Produktivität, nicht an der Konjunktur. Die Stabilisierungspolitik (Abschnitte 8 bis 10) dämpft Schwankungen, ersetzt aber keinen dieser Wachstumsfaktoren.

VertiefungDie fünf Faktoren genauer
Wissen ist nicht „aufbrauchbar": Ein Rezept kann von vielen gleichzeitig genutzt werden, ohne dass es weniger wird. Deshalb kann Wissen zu immer höherer Produktivität führen, während materielle Güter knapp bleiben.
Humankapital umfasst nicht nur Schulbildung, sondern auch Gesundheit, Berufserfahrung und die Fähigkeit, Neues zu lernen.
Institutionen: Wer fürchten muss, dass Gewinne enteignet oder Verträge nicht eingehalten werden, investiert weniger. Verlässliche Regeln senken dieses Risiko.
Offenheit: Importierte Maschinen und Vorprodukte bringen Technologie ins Land. Wettbewerb zwingt Betriebe, besser zu werden.
Kapital: Mehr Kapital je Arbeitskraft erhöht die Produktivität, aber mit abnehmenden Zuwächsen. Die zehnte Maschine bringt weniger als die erste. Deshalb reicht Kapital allein nicht, es braucht auch Wissen, Bildung und gute Institutionen.

4 Konjunktur: Potenzialoutput und Outputlücke ★★★

Langfristig bestimmen Produktivität, Arbeitsangebot und Kapitalausstattung den Wachstumspfad. Kurzfristig schwankt die tatsächliche Produktion aber um diesen Pfad. Diese Schwankungen sind die Konjunktur; sie zeigen sich in Produktion, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit und wirken häufig auch auf die Inflation.

Potenzialoutput

Potenzialoutput Y∗: Produktion bei normaler Auslastung der verfügbaren Produktionsfaktoren.

Die EZB beschreibt ihn als das höchste Produktionsniveau, das mit gegebener Technologie und gegebenen Faktoren ohne zusätzlichen Inflationsdruck haltbar ist. Er ist also nicht das physische Maximum (Dauerüberstunden), sondern ein nachhaltiges Normalniveau.

Langfristig ändert sich Y∗ mit Produktivität, Arbeitsangebot und Kapitalausstattung.

Die Outputlücke

Outputlücke: relative Abweichung der tatsächlichen Produktion vom Potenzial.

FormelOutputlücke
xt=Yt−Yt∗Yt∗

In Worten: Um wie viel Prozent liegt die tatsächliche Produktion über oder unter dem, was bei normaler Auslastung möglich wäre?

xt = OutputlückeYt = tatsächliches reales BIPYt∗ = Potenzialoutput
Beispiel ansehen

Ein Land könnte bei Normalauslastung 1.000 Mrd. € produzieren, tatsächlich sind es 1.030 Mrd. €.

x = (1.030 − 1.000) / 1.000 = +3 %

Ergebnis: Überauslastung. Betriebe fahren Sonderschichten, Arbeitskräfte werden knapp, der Preisdruck steigt.

x<0: negative Outputlücke, Unterauslastung. Typisch sind höhere Arbeitslosigkeit und wenig Preisdruck.
x>0: positive Outputlücke, Überauslastung. Typisch sind knappe Arbeitskräfte und steigender Preisdruck.
x=0: normale Auslastung.

Die Outputlücke gilt als zentraler Indikator der Konjunkturlage. Sie hängt eng mit Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Inflationsdruck zusammen (Grundprinzip #11).

Das tatsächliche BIP (blau) schwankt um den Potenzialpfad (grau gestrichelt). Gelb: positive Outputlücke (Überauslastung), hellblau: negative Outputlücke (Unterauslastung).Y* = Potenzial (gestrichelt)Y = tatsächliches BIPpositive Lücke: Überauslastungnegative Lücke: Unterauslastungreales BIPZeit
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Das tatsächliche BIP (blau) schwankt um den Potenzialpfad (grau gestrichelt). Gelb: positive Outputlücke (Überauslastung), hellblau: negative Outputlücke (Unterauslastung).

Prüfungsfalle: Die Outputlücke ist relativ zum Potenzial (in %), nicht die absolute Differenz. Und: Eine negative Lücke heißt nicht, dass die Produktion sinkt, sondern dass sie unter dem Potenzial liegt. Das kann auch bei wachsendem BIP so sein.

Ursachen von Konjunkturschwankungen

Schwankungen entstehen durch Schocks, etwa unerwartete Ereignisse oder wirtschaftspolitische Änderungen. Sie verändern die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen und damit Nachfrage und/oder Produktionsbedingungen.

NachfrageschockAngebotsschock
verändert Konsum, Investitionen, Staatsausgaben oder Auslandsnachfrageverändert die Produktionsbedingungen
Auslöser: Erwartungen, Fiskalpolitik (Ausgaben, Steuern, Transfers), Zinsen und FinanzierungsbedingungenAuslöser: Energie- und Rohstoffpreise, Lieferstörungen, Steuern auf die Produktion, Erwartungen

Einfach erklärt: Nachfrageschock: Viele Haushalte fürchten um ihren Job und sparen, das Kaffeehaus verkauft weniger. Angebotsschock: Die Strompreise explodieren, das Kaffeehaus muss mehr für jede Tasse zahlen.

Angebotsschocks können auch den Potenzialoutput selbst verändern, nämlich wenn sie die Produktionsmöglichkeiten betreffen: Technologie bzw. Produktivität, Kapitalausstattung oder Arbeitsangebot.

VertiefungSchocks und ihre Spuren: Produktion und Preise

Daran erkennst du, welcher Schock vorliegt: Bewegen sich Produktion und Preise in dieselbe oder in entgegengesetzte Richtung?

SchockProduktionPreise
Nachfrage fällt (Konsumzurückhaltung)sinktsinken oder steigen langsamer
Nachfrage steigt (Konjunkturpaket)steigtsteigen
Angebot verschlechtert sich (teure Energie)sinktsteigen
Angebot verbessert sich (neue Technik, billige Energie)steigtsinken

Bei Nachfrageschocks gehen Produktion und Preise in dieselbe Richtung. Bei Angebotsschocks gehen sie in entgegengesetzte Richtungen. Genau das macht Angebotsschocks für die Politik so schwierig (siehe Abschnitt 10).

VertiefungDie Lücke ist eine Schätzung, und Wachstum ist nicht gleich Lücke

Das Potenzial kann man nicht direkt beobachten, sondern muss es schätzen. Dabei werden Trends aus vergangenen Daten oder Modelle verwendet. Deshalb wird die Outputlücke oft nachträglich korrigiert.

Beispiel: Das BIP beträgt 1.030. Wird das Potenzial zuerst auf 1.000 geschätzt, ist x=+3 %. Wird es später auf 1.020 korrigiert, ist x≈+1 %. Dieselbe Wirtschaft, ein ganz anderes Bild.

Und eine negative Lücke kann trotz Wachstum größer werden: Jahr 0: BIP 980, Potenzial 1.000, x=−2 %. Jahr 1: BIP 990 (+1 %), Potenzial 1.020 (+2 %). Dann ist x=990/1.020−1≈−2,9 %. Die Wirtschaft wächst, bleibt aber hinter dem Potenzial zurück.

Grafik lesen: Die Wellenlinie ist das tatsächliche BIP, die gestrichelte Linie das Potenzial. Liegt die Welle darüber, ist die Lücke positiv (Überauslastung), darunter negativ.

5 Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit und Okunsches Gesetz ★★★

Konjunkturschwankungen wirken zuerst auf die Arbeitsnachfrage der Unternehmen: Läuft das Geschäft schlecht, wird weniger eingestellt oder gekündigt. Deshalb gehört die Arbeitslosigkeit zu den Kernindikatoren der Konjunktur.

Wer zählt als arbeitslos?

Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter: Erwerbstätige, Arbeitslose (suchen aktiv) und Personen außerhalb des Arbeitsmarkts.ErwerbstätigeArbeitslose (suchen aktiv)Nicht- Erwerbspersonen
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Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter: Erwerbstätige, Arbeitslose (suchen aktiv) und Personen außerhalb des Arbeitsmarkts.

Der Arbeitsmarkt unterscheidet drei Gruppen:

Erwerbstätige NE
Arbeitslose NU
Personen außerhalb des Arbeitsmarkts (z. B. Pensionist:innen, Studierende, Menschen in Betreuungsarbeit, die nicht suchen)

Arbeitslos nach ILO-Definition: nicht erwerbstätig, dem Arbeitsmarkt kurzfristig zur Verfügung stehend und aktiv auf Arbeitssuche. Alle drei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein.

Erwerbspersonen: Erwerbstätige plus Arbeitslose, also alle, die am Arbeitsmarkt teilnehmen (ILO = Internationale Arbeitsorganisation).

FormelArbeitslosenquote
L=NE+NU
u=NUL

In Worten: Zuerst Erwerbstätige und Arbeitslose zu den Erwerbspersonen addieren, dann die Arbeitslosen durch diese Summe teilen.

NE = ErwerbstätigeNU = Arbeitslose (nach ILO)L = Erwerbspersonenu = Arbeitslosenquote
Beispiel ansehen

In einem kleinen Land gibt es 3.000.000 Erwerbstätige, 150.000 Arbeitslose und 1.500.000 Personen außerhalb des Arbeitsmarkts.

1Erwerbspersonen: 3.000.000 + 150.000 = 3.150.000
2Quote: 150.000 / 3.150.000 ≈ 4,8 %

Die 1,5 Mio. außerhalb des Arbeitsmarkts zählen nicht mit. Mit der Gesamtbevölkerung im Nenner käme man fälschlich auf rund 3,2 %.

Prüfungsfalle: Die Quote bezieht sich auf die Erwerbspersonen, nicht auf die Gesamtbevölkerung. Wer nicht aktiv sucht (z. B. entmutigt aufgegeben hat), ist nach ILO nicht arbeitslos, sondern außerhalb des Arbeitsmarkts.

VertiefungWeitere Kennzahlen und Arten der Arbeitslosigkeit

Erwerbsquote: Erwerbspersonen im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Im Beispiel oben: 3,15/4,65≈ 67,7 %. Gibt jemand die Suche auf, sinkt die Arbeitslosenquote, ohne dass ein Job entstanden ist. Deshalb beachtet man auch die Erwerbsquote.

Drei Arten von Arbeitslosigkeit: konjunkturell (Arbeitsnachfrage sinkt im Abschwung), friktionell (kurze Suchzeiten beim Jobwechsel) und strukturell (Fähigkeiten oder Region passen nicht zu den offenen Stellen).

In Österreich gibt es zusätzlich eine nationale Quote auf Basis der beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen. Sie weicht von der ILO-Quote ab, weil Definition und Nenner anders sind.

Okunsches Gesetz

Okunsches Gesetz: empirischer negativer Zusammenhang zwischen dem realen Wirtschaftswachstum und der Veränderung der Arbeitslosenquote.

Der Zusammenhang gilt für die Veränderung der Quote, nicht für ihr Niveau. Er wurde aus Daten abgeleitet und ist kein Naturgesetz.

FormelOkunsches Gesetz
Δut=α+β⋅gY,t(β<0)

In Worten: Je stärker das reale BIP wächst, desto stärker sinkt die Arbeitslosenquote. Wegen β < 0 geht mehr Wachstum mit weniger Arbeitslosigkeit einher.

Δut = Veränderung der Arbeitslosenquote in ProzentpunktengY,t = Wachstumsrate des realen BIP in %α = Konstante: Veränderung der Quote bei Nullwachstumβ = Steigung (negativ), aus Daten geschätzt
Beispiel ansehen

Angenommen α = 1,5 und β = −0,5.

Wachstum 5 %: Δu = 1,5 − 0,5 · 5 = −1 Prozentpunkt → Quote sinkt
Wachstum 3 %: Δu = 1,5 − 1,5 = 0 → Quote bleibt gleich
Wachstum −1 %: Δu = 1,5 + 0,5 = +2 Prozentpunkte → Quote steigt

Ergebnis: Erst ab 3 % Wachstum sinkt die Quote. Der Grund: Auch die Produktivität und das Arbeitsangebot wachsen, es braucht also eine gewisse Mindestdynamik, damit zusätzlich Jobs entstehen.

Starkes Wachstum → Quote sinkt, schwaches oder negatives Wachstum → Quote steigt.
Stärke und Stabilität des Zusammenhangs unterscheiden sich zwischen Ländern und über die Zeit.
Okunsches Gesetz: Jeder Punkt ist ein Jahr. Bei hohem Wachstum sinkt die Arbeitslosenquote, bei schwachem steigt sie.Δu = α + β·g (β < 0)Arbeitslosigkeit steigtArbeitslosigkeit sinktVeränderung Arbeitslosenquote ΔuWachstum des realen BIP g0
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Okunsches Gesetz: Jeder Punkt ist ein Jahr. Bei hohem Wachstum sinkt die Arbeitslosenquote, bei schwachem steigt sie.
VertiefungOkun: Die Wachstumsschwelle und warum der Zusammenhang nicht exakt ist

Setzt du Δu=0, erhältst du das Wachstum, bei dem die Quote gleich bleibt:

FormelBeschäftigungsschwelle
gY∗=−αβ

In Worten: Das ist das Wachstum, das gerade ausreicht, damit die Arbeitslosenquote weder steigt noch sinkt.

gY∗ = Wachstumsschwelle bei konstanter Quoteα = Konstante der Okun-Gleichungβ = negative Steigung
Beispiel ansehen

α = 1,0 und β = −0,4.

gY∗=−1,0/(−0,4)= 2,5 %

Bei 4 % Wachstum: Δu=1,0−0,4⋅4= −0,6 Prozentpunkte.

Der Zusammenhang ist nur grob, weil Betriebe in einer Flaute oft Personal halten, statt es zu entlassen (Einarbeitung ist teuer). Außerdem verkürzen sie Arbeitszeiten, und manche Arbeitslose geben die Suche auf, wodurch sie aus der Statistik verschwinden. Auch deshalb liegen die Punkte im Streudiagramm nicht auf einer Linie, sondern streuen um sie herum.

Grafik lesen: Jeder Punkt ist ein Jahr. Waagrecht steht das Wachstum, senkrecht die Veränderung der Quote. Die Punktwolke fällt von links oben nach rechts unten. Dort, wo die Gerade die Nulllinie schneidet, liegt die Wachstumsschwelle.

6 Preisniveau und Inflation ★★★

Neben Produktion und Arbeitslosigkeit ist die Preisentwicklung die dritte zentrale Größe, und sie hängt eng mit der Konjunkturlage zusammen.

Preisindizes

Preisniveau: durchschnittliches Niveau der Preise in einer Volkswirtschaft. Preisindizes messen, wie es sich entwickelt. Je nach Frage nimmt man unterschiedliche Indizes:

IndexWas er misst
Verbraucherpreisindex (Euroraum: HVPI, harmonisierter VPI)Preise eines repräsentativen Warenkorbs privater Haushalte, auch Importgüter
BIP-DeflatorPreise aller im BIP enthaltenen, also im Inland produzierten Güter; breiter als der VPI

Der Unterschied in einem Satz: Der VPI zeigt, was Haushalte beim Einkaufen zahlen (auch für Importe), der Deflator, was im Inland hergestellte Güter kosten (auch Investitionsgüter und Staatsleistungen, dafür keine Importe).

Inflation, Deflation, Disinflation

Inflation: Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Inflationsrate ist die prozentuale Veränderung eines Preisindex.

FormelInflationsrate
πt=Pt−Pt−1Pt−1

In Worten: Um wie viel Prozent ist das Preisniveau gegenüber der Vorperiode gestiegen?

πt = InflationsratePt = Preisindex in der aktuellen PeriodePt−1 = Preisindex in der Vorperiode
Beispiel ansehen

Der Preisindex steigt von 140 auf 147.

π = (147 − 140) / 140 = 7 / 140 = 5 %

BegriffBedeutung
InflationPreisniveau steigt
DeflationPreisniveau sinkt
DisinflationInflationsrate sinkt, Preise steigen aber weiter
Inflation: Preise steigen. Disinflation: Preise steigen weiter, aber langsamer. Deflation: Preise sinken.Inflation: Preise steigenDisinflation: steigen langsamerDeflation: Preise sinkenPreisniveau PZeit
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Inflation: Preise steigen. Disinflation: Preise steigen weiter, aber langsamer. Deflation: Preise sinken.

Einfach erklärt: Ein Semmerl kostet 50 Cent. Bei Inflation kostet es nächstes Jahr 52 Cent, bei Disinflation im Jahr darauf 53 Cent (der Anstieg wird kleiner), bei Deflation nur noch 49 Cent.

Prüfungsfalle: „Die Inflation sinkt von 5 % auf 2 %, also wird alles billiger." Das ist falsch: Es handelt sich um Disinflation. Die Preise steigen weiter, nur langsamer. Billiger wird es erst bei Deflation.

VertiefungWie ein Verbraucherpreisindex entsteht

Der VPI misst die Kosten eines Warenkorbs. Jedes Gut geht mit seinem Ausgabenanteil ein.

Beispiel: Ein Haushalt gibt 30 % für Kaffeehaus-Besuche aus, 50 % für Miete und 20 % für Kino. Die Preise ändern sich so: Kaffeehaus +10 %, Miete +4 %, Kino 0 %.

Inflation =0,3⋅10+0,5⋅4+0,2⋅0= 5 %

Die Gewichte entscheiden also mit. Steigen die Preise genau dort, wo Haushalte viel ausgeben (etwa bei Wohnen oder Energie), ist die gemessene Inflation hoch. Weil die Warenkörbe der Haushalte unterschiedlich sind, spüren manche Gruppen eine höhere Inflation als der Durchschnitt.

VertiefungRealzins und Reallohn

Inflation entwertet Geld. Deshalb rechnet man bei Zinsen und Löhnen oft real, also nach Abzug der Inflation:

FormelRealzins
r≈i−π

In Worten: Der Realzins ist der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Er sagt, wie viel Kaufkraft man durch das Verleihen zusätzlich gewinnt oder verliert.

r = Realzinsi = Nominalzinsπ = Inflationsrate
Beispiel ansehen

Ein Sparbuch bringt 3 % Zinsen, die Inflation liegt bei 2 %.

r≈3−2= 1 %

Bei einer Inflation von 4 % wäre der Realzins −1 %: Das Geld auf dem Sparbuch verliert Kaufkraft.

Genauso gilt für den Reallohn: Steigt der Nominallohn um 4 % und die Preise um 3 %, wächst der Reallohn nur um etwa 1 %. Der Realzins wird in Abschnitt 12 bei der Staatsschuld wieder wichtig.

VertiefungWarum Inflation und Deflation Probleme machen
Hohe oder unerwartete Inflation macht Planung unsicher und verteilt um: Schuldner:innen profitieren, Sparer:innen verlieren, wenn die Inflation höher ist als erwartet.
Deflation wird gefürchtet, weil Haushalte Käufe aufschieben, wenn sie mit sinkenden Preisen rechnen. Das dämpft die Nachfrage weiter. Außerdem wächst die reale Schuldenlast, wenn Preise und Einkommen fallen.

Darum zielen Zentralbanken nicht auf eine Inflation von null, sondern auf einen kleinen positiven Wert (Abschnitt 8).

7 Die Phillips-Kurve ★★★

Wovon hängt die Inflation ab? Die Phillips-Kurve verbindet Inflation mit Auslastung, Erwartungen und Angebotsschocks.

Phillips-Kurve: Zusammenhang, der erklärt, wovon die Inflation abhängt. Hier wird eine vereinfachte Form verwendet.

FormelPhillips-Kurve
πt=πte+κ⋅xt+st(κ>0)

In Worten: Die Inflation setzt sich aus drei Teilen zusammen: was alle erwarten, wie stark die Wirtschaft ausgelastet ist, und Sonderfaktoren wie Energiepreisschocks.

πt = Inflationsrateπte = erwartete Inflationκ = Stärke der Wirkung der Auslastung (positiv)xt = Outputlückest = Angebotsschock
Beispiel ansehen

Erwartete Inflation 2 %, κ = 0,4, Outputlücke −2 %, Angebotsschock 0.

1Auslastungseffekt: 0,4 · (−2) = −0,8
2Inflation: 2 − 0,8 + 0 = 1,2 %

Kommt ein Energiepreisschock von +1 Prozentpunkt dazu, steigt die Inflation auf 2,2 %, obwohl die Wirtschaft weiter unterausgelastet ist.

Drei Treiber der Inflation:

1Auslastung (Outputlücke): Bei positiver Lücke steigt typischerweise der Lohn- und Preisdruck (knappe Arbeitskräfte, volle Auftragsbücher), bei negativer ist er geringer oder sogar negativ.
2Inflationserwartungen: Wer höhere Inflation erwartet, fordert höhere Löhne und setzt höhere Preise an. Die Erwartung bestätigt sich dadurch teilweise selbst.
3Angebotsschocks: Veränderte Produktionskosten, etwa bei Energie, können die Inflation auch bei schwacher Auslastung erhöhen (oder senken).
Phillips-Kurve: Mit steigender Auslastung (Outputlücke nach rechts) steigt die Inflation. Steigen die Erwartungen, verschiebt sich die ganze Kurve nach oben.π = πᵉ + κ·xhöhere Erwartungenx = 0 → π = πᵉUnterauslastungÜberauslastungInflation πOutputlücke x0
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Phillips-Kurve: Mit steigender Auslastung (Outputlücke nach rechts) steigt die Inflation. Steigen die Erwartungen, verschiebt sich die ganze Kurve nach oben.

Prüfungsfalle: Die Phillips-Kurve ist keine stabile, unveränderliche Beziehung zwischen Konjunktur und Inflation. Erwartungen und Angebotsschocks verschieben sie. Ein „fester Tausch" Arbeitslosigkeit gegen Inflation ist daher nicht garantiert.

VertiefungErwartungsspirale: Warum Erwartungen so wichtig sind

Ein Land hat κ=0,4, keine Angebotsschocks und eine dauerhaft positive Outputlücke von +3 %.

1Jahr 1: Erwartung 2 %. Inflation =2+0,4⋅3= 3,2 %.
2Jahr 2: Die Leute rechnen jetzt mit 3,2 %. Inflation =3,2+1,2= 4,4 %.
3Jahr 3: Erwartung 4,4 %. Inflation =4,4+1,2= 5,6 %.

Hält die Überauslastung an, steigt die Inflation immer weiter, weil die Erwartungen mitwandern. Umgekehrt sind fest verankerte Erwartungen (z. B. durch glaubwürdige Zentralbank) eine Bremse: Dann bleibt πe bei 2 %, auch wenn die Wirtschaft kurz überhitzt.

VertiefungBewegung entlang der Kurve oder Verschiebung?

Das kennst du aus der Mikroökonomie: Auch hier gibt es beide Fälle.

Bewegung entlang der Kurve: Die Outputlücke x ändert sich (z. B. durch Nachfrage).
Verschiebung der ganzen Kurve: πe oder s ändert sich. Dann liegt bei jeder Lücke die Inflation höher oder niedriger.

Grafik lesen: Waagrecht steht die Outputlücke, senkrecht die Inflation. Die Gerade steigt von links unten nach rechts oben. Bei x=0 liegt sie bei πe+s.

VertiefungBeispiel: Der Inflationsschub im Euroraum 2021 bis 2023
Der Anstieg begann mit starken Beiträgen der Energiepreise (Angebotsschock).
Später verbreiterte er sich auf Nahrungsmittel, Industriegüter und Dienstleistungen.
2023 ging die Gesamtinflation deutlich zurück, der Energiebeitrag wurde sogar negativ. Die Dienstleistungsinflation blieb länger hoch.

Das passt zur Phillips-Kurve: Zuerst wirkte vor allem s (Energie), später kamen Auslastung und höhere Löhne dazu. Die Geldpolitik reagierte mit Zinserhöhungen (Abschnitt 8).

8 Geldpolitik: Wirkung und Euroraum ★★★

Konjunkturschwankungen lassen Produktion und Beschäftigung vom Potenzial abweichen und können Inflationsdruck erzeugen. Stabilisierungspolitik will starke Schwankungen von Nachfrage, Produktion, Beschäftigung und Inflation dämpfen.

Es gibt zwei zentrale Instrumente: Geldpolitik (Zinsen, Finanzierungsbedingungen) und Fiskalpolitik (Staatsausgaben, Steuern, Transfers). Beide wirken nicht direkt auf Produktion und Inflation, sondern über die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen.

Wirkungsmechanismus

Leitzins: Zinssatz, den die Zentralbank selbst festlegt; er beeinflusst die Zinsen und Finanzierungsbedingungen in der gesamten Wirtschaft.

Geldpolitische Transmission: Die Zentralbank senkt den Leitzins, Banken vergeben günstigere Kredite, Haushalte und Firmen geben mehr aus.Leitzins sinktBanken: günstigere Kreditemehr Konsum & InvestitionenNachfrage & Preise ↑
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Geldpolitische Transmission: Die Zentralbank senkt den Leitzins, Banken vergeben günstigere Kredite, Haushalte und Firmen geben mehr aus.

Eine Zinssenkung wirkt typischerweise so:

1Der Leitzins sinkt.
2Kredite werden billiger, Sparen lohnt weniger (günstigere Finanzierungsbedingungen).
3Konsum und Investitionen steigen.
4Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt.

Mehr Nachfrage erhöht kurzfristig Produktion und Beschäftigung. Bei hoher Auslastung steigt zugleich der Inflationsdruck.

Eine Zinserhöhung wirkt über dieselben Kanäle in die Gegenrichtung: Kredite werden teurer, Konsum und Investitionen sinken, der Preisdruck lässt nach.

Einfach erklärt: Der Leitzins ist wie ein Gaspedal. Senken heißt Gas geben (mehr Kredite, mehr Nachfrage), erhöhen heißt bremsen.

Die Transmission (Weitergabe des Zinsimpulses) geschieht nicht sofort. Sie kommt mit Verzögerung und hängt von Erwartungen und von den Reaktionen von Haushalten, Unternehmen, Banken und Finanzmärkten ab.

Die Zinserhöhungen im Euroraum 2022/23 zeigen die Kette: Mit dem Leitzins stiegen die Kreditzinsen der Banken für Unternehmen und Haushalte, und das Kreditwachstum brach stark ein. Über diesen Kanal dämpfen höhere Zinsen Konsum und Investitionen.

Geldpolitik im Euroraum

Das Eurosystem: die EZB in Frankfurt und die nationalen Zentralbanken der Euro-Länder.Mitte: EZB · außen: nationale Zentralbanken
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Das Eurosystem: die EZB in Frankfurt und die nationalen Zentralbanken der Euro-Länder.
Zuständig ist das Eurosystem: EZB plus die nationalen Zentralbanken der Euro-Länder (in Österreich die OeNB).
Die Geldpolitik legt der EZB-Rat fest: das sechsköpfige Direktorium plus die Präsident:innen der nationalen Zentralbanken.
Vorrangiges Ziel ist Preisstabilität: 2 % Inflation auf mittlere Sicht, symmetrisch. Abweichungen nach unten sind genauso unerwünscht wie nach oben.
EZB und nationale Zentralbanken sind institutionell unabhängig, also nicht weisungsgebunden gegenüber der Politik.

Die primären Instrumente sind die drei Leitzinsen:

LeitzinsWorum es geht
EinlagefazilitätZinssatz für Geld, das Banken bei der Zentralbank parken
HauptrefinanzierungsgeschäfteZinssatz für die regulären Kredite der Zentralbank an Banken
SpitzenrefinanzierungsfazilitätZinssatz für kurzfristige Notkredite an Banken

Prüfungsfalle: Die gemeinsame Geldpolitik macht die EZB bzw. das Eurosystem, die Fiskalpolitik dagegen liegt weitgehend bei den Nationalstaaten. Das 2-%-Ziel ist symmetrisch und kein „Höchstwert".

VertiefungDie Wege der Zinswirkung genauer

Der Leitzins wirkt nicht nur über einen Kanal:

Kreditkanal: Banken geben höhere oder niedrigere Zinsen weiter und vergeben mehr oder weniger Kredite.
Vermögens- und Erwartungskanal: Sinkende Zinsen heben oft Kurse und Immobilienpreise. Haushalte fühlen sich reicher und kaufen mehr. Auch Erwartungen über künftige Zinsen zählen.
Wechselkurskanal: Höhere Zinsen machen die Inlandswährung für Anleger attraktiver. Sie wertet auf, Importe werden billiger, Exporte teurer (Abschnitt 16).

Beispiel Kredit: Eine Familie nimmt 200.000 € für eine Wohnung auf. Bei 4 % Zinsen kostet das 8.000 € im Jahr, bei 2 % nur 4.000 €. Wer sich bei 4 % die Wohnung nicht leisten kann, kauft bei 2 % vielleicht doch. Genau so entsteht zusätzliche Nachfrage.

VertiefungWarum das Ziel 2 % und nicht 0 % ist
Puffer gegen Deflation: Bei null Inflation genügt ein kleiner Schock, und die Preise sinken.
Messfehler: Preisindizes überschätzen die Inflation leicht, weil Qualitätsverbesserungen schwer zu messen sind.
Zinsspielraum: Bei niedriger Inflation ist auch der Nominalzins niedrig, und es bleibt wenig Raum für Senkungen.
Löhne: Nominale Löhne lassen sich schwer senken. Bei leichter Inflation sinkt der Reallohn auch ohne Kürzung.

9 Fiskalpolitik und Fiskalmultiplikator ★★★

Der Staat hat einen zweiten Hebel: Ausgaben, Steuern und Transfers. Sie wirken auf die Nachfrage und damit auf Produktion und Beschäftigung.

Fiskalpolitik: Der Staat beeinflusst die Nachfrage über Ausgaben, Steuern und Transfers.StaatsausgabenStaatSteuernHaushalte
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Fiskalpolitik: Der Staat beeinflusst die Nachfrage über Ausgaben, Steuern und Transfers.

Fiskalpolitik: Steuerung der Nachfrage über Staatsausgaben, Steuern und Transfers (Zahlungen ohne direkte Gegenleistung, z. B. Familienbeihilfe). Sie liegt auch im Euroraum weitgehend bei den Nationalstaaten.

Eine expansive Fiskalpolitik erhöht typischerweise die Nachfrage:

Höhere Staatsausgaben wirken unmittelbar, weil der Staat selbst nachfragt.
Niedrigere Steuern oder höhere Transfers erhöhen das verfügbare Einkommen und fördern indirekt Konsum und Investitionen.

Höhere Nachfrage erhöht kurzfristig Produktion und Beschäftigung, bei hoher Auslastung auch den Inflationsdruck. Eine restriktive Fiskalpolitik wirkt in die Gegenrichtung.

Automatische Stabilisatoren und diskretionäre Politik

Automatische StabilisatorenDiskretionäre Maßnahmen
wirken ohne neuen politischen Beschlussbewusst beschlossene Änderungen
konjunkturabhängige Steuern und Transfersz. B. Konjunkturpaket, Steuersenkung
greifen sofortmit Entscheidungs- und Umsetzungsverzögerung

Im Abschwung sinken z. B. die Steuereinnahmen von selbst, und Ausgaben für Arbeitslosengeld steigen: Das stützt die Nachfrage, ohne dass jemand etwas beschließen muss. Diskretionäre Eingriffe können dagegen gezielt auf außergewöhnliche Schocks reagieren.

Die Corona-Krise zeigte beide Formen: Der Fiskalimpuls kam sowohl aus automatischen Stabilisatoren als auch aus zusätzlichen beschlossenen Maßnahmen.

Fiskalmultiplikator

Fiskalmultiplikator: Outputänderung je Einheit eines fiskalischen Impulses.

FormelFiskalmultiplikator (Staatsausgaben)
mG=ΔYΔG

In Worten: Um wie viele Euro steigt das BIP, wenn der Staat einen Euro mehr ausgibt?

mG = Multiplikator der StaatsausgabenΔY = Änderung des BIPΔG = Änderung der Staatsausgaben
Beispiel ansehen

Der Staat saniert Schulen und gibt dafür 5 Mrd. € zusätzlich aus. Das BIP steigt um 6 Mrd. €.

m = 6 / 5 = 1,2

Ergebnis: Jeder zusätzliche Euro löst 1,20 € BIP aus. Grund: Die Baufirmen zahlen Löhne, die Beschäftigten kaufen ein, und so geht es weiter.

Zusätzliche Staatsausgaben erhöhen Nachfrage und Einkommen und können dadurch weitere Nachfrage auslösen.
Multiplikatoren sind keine festen Größen, empirische Schätzungen streuen stark.
Im Durchschnitt sind sie für Staatsausgaben höher als für Steuern und Transfers. Beim Staat wirkt jeder Euro direkt, bei Steuersenkungen wird ein Teil gespart.
Sie hängen vom wirtschaftlichen Umfeld ab, v. a. von der Konjunkturlage und der Geldpolitik: tendenziell größer bei Unterauslastung und wenn die Geldpolitik nicht gegensteuert.
VertiefungDer Multiplikator Runde für Runde

Der Staat gibt zusätzlich 100 aus. Die Empfänger konsumieren von jedem zusätzlichen Euro Einkommen den Anteil c=0,6 (Konsumneigung).

1Runde 1: Einkommen +100.
2Runde 2: Konsum 0,6⋅100=60, also Einkommen +60.
3Runde 3: 0,6⋅60=36.
4So geht es weiter, die Beträge werden immer kleiner.

Die Summe ist 100+60+36+⋯=100/(1−0,6)=250. Der Multiplikator beträgt also 1/(1−c)=2,5.

Steuersenkung statt Ausgaben: Sinken die Steuern um 100, steigt der Konsum in Runde 1 nur um 60 (der Rest wird gespart). Die Summe ist 60/0,4=150. Der Multiplikator für Steuern ist also kleiner (1,5), das passt zu den Aussagen oben.

Dieses Modell ist bewusst einfach. In der Praxis „sickert" ein Teil des Einkommens in Importe, Steuern und Sparen. Gibt man nur 42 % jedes zusätzlichen Euro im Inland aus, sinkt der Multiplikator auf 1/(1−0,42)≈1,7. Deshalb liegen echte Schätzungen oft näher an 1 als an 2,5.

VertiefungWie automatische Stabilisatoren funktionieren

Angenommen, der Staat nimmt 40 % jedes zusätzlichen Einkommens als Steuern und Abgaben. Fällt das Einkommen in einer Flaute um 100, sinken die Steuern um 40, und das verfügbare Einkommen sinkt nur um 60. Der Konsum bricht weniger stark ein. Zusätzlich stützt das Arbeitslosengeld die Einkommen.

Im Boom wirkt es umgekehrt: Die Steuerlast wächst automatisch mit und dämpft die Überhitzung. Der Preis dafür: Der Budgetsaldo verschlechtert sich im Abschwung (Abschnitt 11).

10 Stabilisierungspolitik: Möglichkeiten und Grenzen ★★★

Geld- und Fiskalpolitik können vieles, aber nicht alles. Welche Art von Schock vorliegt, entscheidet, ob die Politik leichtes oder schweres Spiel hat.

Bei Nachfrageschocks können Geld- und Fiskalpolitik Outputlücken dämpfen. Produktion und Inflation bewegen sich in dieselbe Richtung, das Ziel ist daher nicht widersprüchlich.
Bei Angebotsschocks entsteht ein Zielkonflikt: Wer Produktion und Beschäftigung stützt, erhöht zugleich den Inflationsdruck.
Verzögerungen: Schock und Lücke müssen erst erkannt werden, dann braucht es Entscheidung und Umsetzung (besonders bei diskretionärer Fiskalpolitik), und schließlich wirkt die Maßnahme erst mit Verzug.
Unsicherheit über Stärke und Timing: Zu spät oder falsch dosiert können Maßnahmen die Schwankungen im Extremfall sogar verstärken.

Wie aktiv Stabilisierungspolitik sein soll, ist deshalb umstritten.

Prüfungsfalle: Stabilisierungspolitik dämpft kurzfristige Schwankungen, sie ersetzt nicht die Faktoren für langfristiges Wachstum (Produktivität, Humankapital, Institutionen). Außerdem wirken Geld- und Fiskalpolitik nie direkt, sondern über das Verhalten von Haushalten und Unternehmen.

VertiefungDer Zielkonflikt mit Zahlen

Mit der Phillips-Kurve π=πe+κx+s sieht man den Konflikt klar. Es gilt πe=2 %, κ=0,4.

Ein Energiepreisschock lässt s=+1,5 werden und drückt die Produktion: x=−1,5 %. Die Inflation beträgt π=2−0,6+1,5= 2,9 %.

Politik stützt die Nachfrage (Zinssenkung): Die Lücke schließt sich, x=0. Inflation =2+0+1,5= 3,5 %. Beschäftigung steigt, die Inflation auch.
Politik bekämpft die Inflation (Zinserhöhung): Die Lücke wird größer, z. B. x=−3 %. Inflation =2−1,2+1,5= 2,3 %. Die Inflation sinkt, aber die Produktion leidet.

Bei Nachfrageschocks (s=0) gibt es diesen Konflikt nicht: Dort gehen Produktion und Inflation gemeinsam in dieselbe Richtung.

VertiefungVerzögerungen und prozyklische Politik

Zwischen Schock und Wirkung liegen vier Etappen: erkennen (Daten kommen verspätet), entscheiden (Beschlüsse und Gesetze), umsetzen (Bauprojekte, Auszahlungen) und wirken (Zinsimpuls über Banken und Haushalte).

Beispiel: Ein Abschwung beginnt im Jänner. Im Herbst wird ein Paket beschlossen, im nächsten Jahr wird gebaut. Bis dahin hat sich die Wirtschaft vielleicht schon erholt, und das Paket verstärkt den Aufschwung, statt ihn zu dämpfen. Das nennt man prozyklisch. Automatische Stabilisatoren haben dieses Problem nicht.

11 Budgetsaldo, Primärsaldo und Staatsschulden ★★★

Der Staat verändert mit Fiskalpolitik auch seine eigenen Finanzen. Hier geht es um die Begriffe. Wie sich die Schuldenquote über die Zeit entwickelt, folgt im nächsten Abschnitt.

Budgetsaldo und Primärsaldo

Budgetsaldo: Einnahmen minus Ausgaben des Staates in einer Periode.

Ausgaben > Einnahmen: Budgetdefizit
Einnahmen > Ausgaben: Budgetüberschuss

Primärsaldo: Budgetsaldo vor Zinszahlungen auf die bestehende Staatsschuld. Ist er negativ, spricht man von einem Primärdefizit.

Der Budgetsaldo reagiert auf die Konjunktur: Im Abschwung sinken die Steuereinnahmen, und bestimmte Ausgaben steigen. Die automatischen Stabilisatoren verschlechtern also den Saldo. Zusätzlich verändern diskretionäre Maßnahmen Einnahmen und Ausgaben.

Staatsschulden und Maastricht-Schuldenstand

Staatsverschuldung: eine Bestandsgröße: der Schuldenberg zu einem Stichtag. Das Defizit dagegen ist eine Stromgröße, die pro Periode neu dazukommt.

Defizite erhöhen den Schuldenstand, Überschüsse können ihn senken.

Maastricht-Schuldenstand: Maß der EU, der konsolidierte Bruttoschuldenstand des gesamten Sektors Staat. „Konsolidiert" heißt: Schulden zwischen staatlichen Stellen werden herausgerechnet. In Österreich zählen Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen dazu.

Einfach erklärt: Das Defizit ist, wie viel Wasser pro Monat in die Badewanne läuft, die Staatsschuld ist der Wasserstand.

VertiefungDefizit wird zu Schuld: ein Zahlenbeispiel

Ein Staat hat eine Schuld von 600 bei einem nominalen BIP von 800. Die Quote beträgt 600/800= 75 %.

Im nächsten Jahr macht er ein Defizit von 24. Die Schuld steigt auf 624. Das nominale BIP wächst um 5 % auf 840. Die Quote beträgt 624/840≈ 74,3 %.

Lesehilfe: Die Schuld ist gewachsen, die Quote ist aber gesunken, weil die Wirtschaft schneller gewachsen ist. Deshalb schaut man bei der Tragfähigkeit auf die Quote, nicht auf den absoluten Betrag.

Die EU-Verträge nennen als Referenzwerte ein Defizit von höchstens 3 % und eine Schuldenquote von höchstens 60 % des BIP. Die genauen Regeln der EU wurden 2024 überarbeitet.

12 Schuldenquote und ihre Dynamik ★★★

Wie schnell wächst die Schuld im Vergleich zur Wirtschaft? Das entscheidet über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen.

Schuldenquote: Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Gemessen wird also nicht der absolute Betrag, sondern die Tragfähigkeit.

FormelSchuldenquote
bt=BtYt

In Worten: Staatsschulden geteilt durch das BIP: Wie viele Jahreswirtschaftsleistungen schuldet der Staat?

bt = SchuldenquoteBt = Schuldenstand (real)Yt = BIP (real)
FormelVeränderung der Schuldenquote
Δbt≈(rt−gt)⋅bt−1+dtP

In Worten: Die Quote steigt, wenn der Zins höher ist als das Wachstum, und wenn der Staat ohne Zinsen mehr ausgibt als einnimmt.

rt = Realzins (Nominalzins minus Inflation)gt = reales BIP-Wachstumbt−1 = Schuldenquote der VorperiodedtP = Primärdefizit in % des BIP
Beispiel ansehen

Schuldenquote 90 %, Realzins 3 %, Wachstum 1 %, Primärsaldo ausgeglichen (d = 0).

1r − g = 3 % − 1 % = 2 Prozentpunkte
2Δb ≈ 0,02 · 0,90 + 0 = +1,8 Prozentpunkte

Die Quote steigt also von selbst auf rund 91,8 %. Für Stabilität bräuchte der Staat einen Primärüberschuss von 1,8 % des BIP.

Zweiter Fall: b = 60 %, r = 2 %, g = 3 %, Primärdefizit 0,5 %. Dann ist Δb ≈ (−0,01) · 0,60 + 0,5 = −0,6 + 0,5 = −0,1 Prozentpunkte. Die Quote sinkt leicht, obwohl der Staat ein Primärdefizit hat.

Drei Kräfte wirken auf die Quote:

Ein höheres Primärdefizit erhöht sie.
Ein höherer Realzins erhöht die Belastung aus der bestehenden Schuld.
Höheres Wachstum vergrößert die Wirtschaftsleistung (den Nenner) und senkt die Quote.

Entscheidend ist r−g: Bei r>g wirkt die bestehende Schuld erhöhend auf die Quote, bei g>r senkend.

Prüfungsfalle: Ein Defizit (Strom) ist nicht dasselbe wie Schulden (Bestand). Und ein Primärdefizit führt nicht automatisch zu einer steigenden Schuldenquote: Bei g > r kann sie trotzdem sinken.

Zielkonflikt der Budgetsanierung

Hohe Defizite und eine steigende Schuldenquote erzeugen Konsolidierungsbedarf (Sanierung des Budgets durch Sparen oder Mehreinnahmen). Das ist besonders heikel, wenn die Konjunktur schwach ist und zusätzlich die Zinsausgaben des Staates steigen.

Prüfungsfalle: Budgetsanierung hat einen Zielkonflikt: Sie stabilisiert die Staatsfinanzen, kann bei schwacher Konjunktur aber die Nachfrage kurzfristig zusätzlich dämpfen.

VertiefungWoher die Formel kommt

Die Schuld wächst um die Zinsen und das Primärdefizit: Bt=(1+r)⋅Bt−1+DtP. Teilt man durch das BIP Yt=(1+g)⋅Yt−1, erhält man die Quote:

FormelSchuldenquote exakt
bt=1+r1+g⋅bt−1+dtP

In Worten: Die alte Schuld wächst mit dem Realzins, die Wirtschaft wächst mit g. Das Verhältnis der beiden Faktoren bestimmt, ob die Quote von selbst steigt.

dtP = Primärdefizit in % des BIP
Beispiel ansehen

bt−1=90 %, r=3 %, g=1 %, kein Primärdefizit.

bt=(1,03/1,01)⋅90≈ 91,8 %

Ergebnis: Dasselbe wie die Näherung +1,8 Prozentpunkte. Für kleine Raten ist (1+r)/(1+g)−1≈r−g.

VertiefungDer schuldenstabilisierende Primärsaldo und die Rolle der Zinsen

Soll die Quote konstant bleiben, braucht der Staat einen Primärüberschuss von etwa (r−g)⋅b. Bei b=90 % und r−g=2 Prozentpunkten sind das rund 1,8 % des BIP, bei b=60 % nur 1,2 %. Eine hohe Quote macht den Staat also empfindlicher gegen Zinsänderungen.

Steigende Zinsen schlagen nicht sofort voll durch: Alte Anleihen laufen noch zu alten Zinsen. Erst bei Fälligkeit und Neuaufnahme steigt die Zinslast, umso schneller, je kürzer die durchschnittliche Laufzeit der Schuld.

13 Offene Volkswirtschaft und Globalisierung ★★

Länder sind über Handel, Kapital, Menschen und Wissen verflochten. Die Zahlungsbilanz (Leistungsbilanz, Vermögensübertragungsbilanz, Kapitalbilanz) erfasst grenzüberschreitende Transaktionen, aber nur einen Teil der Globalisierung.

Was Globalisierung noch umfasst

Migration und internationale Mobilität von Arbeitskräften
globale Wertschöpfungsketten (Produktionsschritte über mehrere Länder verteilt)
grenzüberschreitende Wissens- und Technologiediffusion (Verbreitung), auch wenn sie nicht an messbare Transaktionen gebunden ist
institutionelle Integration: gemeinsame Märkte, Standards, Abkommen

Mit den Ursachen und Wirkungen befasst sich die Außenwirtschaftstheorie.

Wie Handel Produktivität und Wohlstand erhöht

Spezialisierung nach (komparativen) Kostenvorteilen: Jede:r macht, was er oder sie relativ am besten kann, Ressourcen werden effizienter eingesetzt.
Größere Märkte und Skaleneffekte: Mehr Absatz erlaubt größere Mengen und stärkere Spezialisierung, und größere Produktion senkt oft die Stückkosten.
Wettbewerb und Reallokation: Der Effizienzdruck steigt, Ressourcen wandern zu produktiveren Unternehmen.
Technologie und Wissen verbreiten sich über Handel und Wertschöpfungsketten, auch Produktionsverfahren und Managementpraktiken.
Zugang zu Inputs: größere Auswahl, oft günstigere oder bessere Vorleistungen und Investitionsgüter.

Globalisierung, Ungleichheit und Armut

Global sank die Ungleichheit (Gini-Index von rund 70 im Jahr 1990 auf rund 62 im Jahr 2019). Der Gini-Index ist ein Ungleichheitsmaß zwischen 0 (alle gleich) und 100 (eine Person hat alles). Das lag vor allem daran, dass sich die Durchschnittseinkommen zwischen Ländern annäherten.
Der Anteil der Weltbevölkerung in extremer Armut ist seit 1990 stark gesunken, von rund 44 % auf rund 10 %.
Innerhalb der Länder ist das Bild gemischt, die durchschnittliche Ungleichheit lag 2019 etwa auf dem Niveau von 1990.
Internationale Integration schafft Gewinner und Verlierer, deshalb kann Handelsöffnung die Ungleichheit innerhalb eines Landes erhöhen.

Skill-biased technological change: technischer Wandel, der die Nachfrage nach höher qualifizierten Arbeitskräften relativ stärker erhöht.

Handel trägt zu den Verteilungswirkungen bei, gilt aber nicht als dominante Ursache steigender Ungleichheit. Eine wichtigere Rolle spielt der skill-biased technological change.

Prüfungsfalle: Globalisierung hat die globale Ungleichheit gesenkt, kann aber die Ungleichheit innerhalb einzelner Länder erhöhen. Beides ist kein Widerspruch.

Internationale Übertragung von Schocks

In einer verflochtenen Wirtschaft schlagen Schocks aus dem Ausland auf Produktion, Beschäftigung und Inflation im Inland durch. Vier Kanäle:

KanalWirkung
NachfrageAuslandsnachfrage verändert Exporte, damit heimische Produktion und Beschäftigung
Preise und LieferkettenEnergie-, Rohstoff- und Güterpreise und Lieferausfälle verändern Kosten, Produktion und Inflation
Finanzmärkte und WechselkurseZinsen, Risiko, Kapitalbewegungen und Kurse verändern Finanzierung, relative Preise, Nachfrage
ErwartungenInternationale Unsicherheit dämpft Konsum und Investitionen

Wie stark ein Schock durchschlägt, hängt von der Verflechtung, den Anpassungsmöglichkeiten von Haushalten und Unternehmen und der wirtschaftspolitischen Reaktion ab. Integration bringt also Chancen, aber auch gegenseitige Abhängigkeiten.

VertiefungWas die Forschung zu Handel und Wachstum zeigt

Zur Wirkung von Handelsöffnung auf Wachstum und Produktivität gibt es viel empirische Literatur.

Der Nachweis ist schwierig: Erfolgreiche Länder handeln ohnehin mehr, und Handelsreformen kommen oft zusammen mit anderen Reformen. Man muss also Ursache und Wirkung sauber trennen (kausale Identifikation).
Neuere Studien achten gezielt darauf. Ergebnis: Ein deutlicher Abbau von Handelsbarrieren hat im Durchschnitt positive Effekte auf Wachstum und Produktivität.
Die Effekte sind heterogen: Umfang und Tempo der Gewinne unterscheiden sich zwischen Ländern und Reformen.
VertiefungHandelsgewinne am Zahlenbeispiel

Zwei Länder stellen Weizen und Wein her. Pro Arbeitstag schafft Land A entweder 4 t Weizen oder 2 t Wein, Land B entweder 3 t Weizen oder 1 t Wein.

Opportunitätskosten von Wein: In A kostet 1 t Wein 2 t Weizen (4 / 2). In B kostet sie 3 t Weizen (3 / 1). A ist bei Wein relativ besser.
Opportunitätskosten von Weizen: In A kostet 1 t Weizen 0,5 t Wein, in B nur 0,33 t Wein. B ist bei Weizen relativ besser.

Land A ist bei beiden Gütern absolut besser. Trotzdem lohnt Handel: A spezialisiert sich auf Wein, B auf Weizen. Tauschen sie zu 1 t Wein gegen 2,5 t Weizen, bekommt A mehr Weizen, als es sich selbst herstellen könnte (2 t). B bekommt Wein billiger, als es ihn selbst herstellen könnte (3 t Weizen). Beide gewinnen.

Entscheidend ist der komparative, nicht der absolute Vorteil.

14 Nominaler und realer Wechselkurs ★★★

Wer in verschiedenen Währungen rechnet, braucht Wechselkurse, und für echte Vergleiche von Preisen und Einkommen zusätzlich die Preisniveaus.

Nominaler Wechselkurs

Aufwertung des Euro: Für einen Euro bekommt man mehr Dollar.Euroandere WährungenWechselkurs = Preis einer Währung
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Aufwertung des Euro: Für einen Euro bekommt man mehr Dollar.

Nominaler Wechselkurs: Verhältnis, zu dem zwei Währungen getauscht werden. Hier wird er als Mengennotierung geschrieben.

FormelNominaler Wechselkurs (Mengennotierung)
Et=ausla¨ndische Wa¨hrunginla¨ndische Wa¨hrung

In Worten: Wie viel ausländisches Geld bekommt man für eine Einheit inländisches Geld?

Et = nominaler Wechselkurs
Beispiel ansehen

E = 0,95 CHF/EUR heißt: Ein Euro kostet 0,95 Franken (Inland = Euroraum).

Steigt E auf 1,00, bekommt man für einen Euro mehr Franken. Der Euro ist mehr wert: Aufwertung. Ein Urlaub in der Schweiz wird für Euro-Besitzer:innen billiger.

E steigt → für eine Einheit Inlandswährung mehr Auslandswährung → Aufwertung der Inlandswährung.
E sinkt → Abwertung der Inlandswährung.

Prüfungsfalle: In anderen Darstellungen wird der Wechselkurs oft umgekehrt notiert (Inlandswährung pro Fremdwährung). Dort bedeutet ein Anstieg eine Abwertung. Hier gilt: E steigt = Aufwertung. Lies die Notation immer genau.

VertiefungMengen- und Preisnotierung umrechnen

Die beiden Schreibweisen sind Kehrwerte voneinander.

Mengennotierung (Euro als Inland): E=0,95 CHF/EUR. Preisnotierung: 1/0,95≈1,053 EUR je CHF.

Steigt E von 0,95 auf 1,00, wertet der Euro um 1,00/0,95−1≈ 5,3 % auf. In der Preisnotierung fällt der Kurs von 1,053 auf 1,00, das sind −5,0 %. Dieselbe Bewegung, aber zwei verschiedene Prozentzahlen.

Merkhilfe: Prüfe immer, welche Währung im Nenner steht. Die Währung im Nenner ist jene, deren Wert du betrachtest.

Realer Wechselkurs

Der nominale Kurs reicht für Preisvergleiche nicht: Entscheidend sind auch die Preisniveaus im In- und Ausland.

Realer Wechselkurs: relativer Preis inländischer gegenüber ausländischen Gütern (beide in derselben Währung gerechnet). Er ist ein wichtiger Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit.

FormelRealer Wechselkurs
qt=Et⋅PtPt∗

In Worten: Wie teuer ist ein inländischer Warenkorb im Vergleich zum ausländischen, wenn man beide in dieselbe Währung umrechnet? Über 1: Inland teurer. Unter 1: Inland günstiger.

qt = realer WechselkursPt = inländisches PreisniveauPt∗ = ausländisches Preisniveau
Beispiel ansehen

E = 0,95 CHF/EUR. Ein Warenkorb kostet im Euroraum 200 €, in der Schweiz 210 CHF.

1Euro-Warenkorb in Franken: 200 · 0,95 = 190 CHF
2Vergleich: q = 190 / 210 ≈ 0,90
3q < 1 → Güter im Euroraum sind um rund 10 % günstiger als in der Schweiz.
q steigt → inländische Güter relativ teurer → reale Aufwertung, Wettbewerbsfähigkeit sinkt.
q sinkt → inländische Güter relativ günstiger → reale Abwertung, Wettbewerbsfähigkeit steigt.

q kann steigen, weil E steigt, weil das Inland sich stärker verteuert (P steigt) oder weil das Ausland sich verbilligt (P∗ sinkt). Bei unveränderten Preisen führt eine nominale Abwertung zunächst auch zu einer realen Abwertung.

VertiefungDer reale Kurs in Veränderungsraten

Aus q=E⋅P/P∗ folgt für kleine Änderungen:

FormelÄnderung des realen Wechselkurses
gq≈gE+π−π∗

In Worten: Der reale Kurs steigt, wenn der nominale Kurs steigt oder wenn das Inland mehr Inflation hat als das Ausland.

gq = Änderungsrate des realen WechselkursesgE = Änderungsrate des nominalen Kursesπ = Inflation im Inlandπ∗ = Inflation im Ausland
Beispiel ansehen

Der Euro wertet nominal um 2 % auf. Die Inflation im Euroraum liegt bei 1 %, im Ausland bei 3 %.

gq≈2+1−3= 0 %

Ergebnis: Trotz nominaler Aufwertung ändert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit nicht, weil das Ausland sich gleichzeitig stärker verteuert.

Auch hier hilft es, an den Zusammenhang mit der relativen KKP zu denken (Abschnitt 15): Wertet die Währung genau um den Inflationsunterschied auf, bleibt q konstant.

15 Kaufkraftparität (KKP) ★★★

Für internationale Einkommensvergleiche zählt nicht das Einkommen in Euro oder Dollar, sondern die Kaufkraft: Was kann man sich dafür leisten?

Kaufkraftparität: Dasselbe Produkt sollte – in dieselbe Währung umgerechnet – überall gleich viel kosten.KaufkraftparitätPreis im InlandPreis im Ausland (umgerechnet)
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Kaufkraftparität: Dasselbe Produkt sollte – in dieselbe Währung umgerechnet – überall gleich viel kosten.

Gesetz des einheitlichen Preises (Law of One Price): Ein identisches handelbares Gut sollte bei freiem Handel und ohne Handelskosten, in dieselbe Währung umgerechnet, überall gleich viel kosten.

Überträgt man das auf das gesamte Preisniveau, erhält man den KKP-Wechselkurs:

FormelKaufkraftparität
EtPPP=Pt∗Pt⇔qt=1

In Worten: Der Wechselkurs, bei dem derselbe Warenkorb in beiden Ländern gleich viel kostet.

EtPPP = KKP-Wechselkurs (PPP = Purchasing Power Parity)
Beispiel ansehen

Weiter mit Warenkorb 200 € im Euroraum und 210 CHF in der Schweiz.

EPPP = 210 / 200 = 1,05 CHF/EUR

Der Marktkurs liegt bei 0,95, also darunter. Gemessen an der Kaufkraft ist der Euro unterbewertet. Probe: q = 0,95 / 1,05 ≈ 0,90.

Mit KKP-Kursen vergleicht man Einkommen kaufkraftbereinigt (z. B. BIP pro Kopf in KKP). Das ist die Grundlage der Ländervergleiche in Abschnitt 3.
Marktkurs über KKP-Kurs (E>EPPP, also q>1): Inlandswährung überbewertet. Darunter: unterbewertet.
Der Big-Mac-Index wendet die Idee auf ein weltweit fast gleiches Produkt an. Er zeigt teils erhebliche Abweichungen vom Marktkurs.

Relative Kaufkraftparität

Der KKP-Kurs ist kein fester Wert: Ändern sich die Preisniveaus unterschiedlich, ändert sich auch er.

FormelRelative Kaufkraftparität
gEPPP≈π∗−π

In Worten: Hat ein Land niedrigere Inflation als das Ausland, steigt sein KKP-Kurs ungefähr um den Inflationsunterschied: Die Währung wertet langfristig tendenziell auf.

gEPPP = Änderungsrate des KKP-Kursesπ∗ = Inflation im Auslandπ = Inflation im Inland
Beispiel ansehen

Inflation im Inland 1 %, im Ausland 4 %.

g ≈ 4 − 1 = +3 % → Die Inlandswährung sollte langfristig um etwa 3 % pro Jahr aufwerten.

Warum KKP nicht exakt gilt

Transportkosten und Handelshemmnisse
nicht handelbare Güter (Haarschnitt, Mieten)
unterschiedliche Steuern, Regulierung und Marktstrukturen
kurzfristig bewegen Zinsen, Erwartungen und Kapitalströme die Kurse

KKP ist ein beweglicher langfristiger Referenzpunkt, kein fixer Kurs und keine Kurzfristprognose. Marktkurse können lange und deutlich von der KKP abweichen, tendieren über längere Zeiträume aber zu ihr zurück.

VertiefungWarum Dienstleistungen in reichen Ländern teurer sind

Bei handelbaren Gütern (Smartphone) gleicht der Wettbewerb die Preise an. Einen Haarschnitt kann man aber nicht importieren: Sein Preis hängt vor allem vom Lohnniveau im Land ab, und das ist in reichen Ländern höher.

Folge: Rechnet man ein Einkommen aus einem ärmeren Land zum Marktkurs in Euro um, wirkt es kleiner, als es kaufkraftmäßig ist. Der KKP-Vergleich korrigiert das.

VertiefungÜber- und Unterbewertung: ein Rechenbeispiel

Ein Burger kostet im Euroraum 5 € und in der Schweiz 6,30 CHF. Der Marktkurs beträgt E=0,95 CHF/EUR.

1KKP-Kurs: EPPP=6,30/5= 1,26 CHF/EUR
2Der Marktkurs (0,95) liegt darunter, der Euro ist unterbewertet.
3Ausmaß: 0,95/1,26−1≈ −25 %

Solche Rechnungen zeigen Abweichungen, sind aber kein Handelssignal: Transport, Mieten und Löhne unterscheiden sich.

16 Kurzfristige Wechselkursbewegungen und Anpassung ★★★

Kurzfristig bestimmen nicht Warenkörbe, sondern Finanzmärkte die Kurse. Was daraus für die Wirtschaft folgt, ist der zweite Teil dieses Abschnitts.

Kurzfristige Wechselkursbewegungen

Kurzfristig bestimmen vor allem internationale Anleger auf den Finanzmärkten die Kurse. Entscheidend ist die erwartete Rendite von Anlagen in verschiedenen Währungen. Sie hängt ab von:

Zinsunterschieden zwischen Ländern,
Erwartungen über die künftige Kursentwicklung,
wahrgenommenem Risiko und der Attraktivität der Anlageformen.

Steigt der inländische Zins relativ zum Ausland, werden inländische Anlagen (bei sonst gleichen Bedingungen) attraktiver. Die Nachfrage nach der Inlandswährung steigt, und sie wertet auf. Neue Nachrichten zu Geldpolitik, Konjunktur, Inflation oder Risiko ändern Erwartungen rasch und lösen große Kursausschläge aus.

Wechselkurse und gesamtwirtschaftliche Anpassung

Wechselkursänderungen verschieben die relativen Preise von inländischen und ausländischen Gütern und beeinflussen so Konsum-, Investitions- und Produktionsentscheidungen.

AbwertungAufwertung
Importein Inlandswährung teurerbilliger
Inländische Güterrelativ günstiger, Exporte steigenrelativ teurer
Nachfrage, ProduktionNettoexporte ↑ → Produktion ↑Nettoexporte ↓
InflationImportpreise ↑ → Preisdruck ↑Preisdruck ↓

Wie stark Wechselkursänderungen auf Preise durchschlagen, hängt von der Überwälzung auf Import- und Verbraucherpreise ab (exchange-rate pass-through). Im Euroraum schlägt eine Euro-Abwertung deutlich auf die Importpreise durch, auf die Verbraucherpreise aber nur teilweise und wesentlich schwächer. Der Wechselkurs ist damit ein zusätzlicher Übertragungskanal für Inflation in einer offenen Volkswirtschaft.

Prüfungsfalle: Eine Abwertung ist nicht nur positiv: Sie hilft den Exporten, verteuert aber Importe (z. B. Energie und Rohstoffe) und kann den Inflationsdruck erhöhen.

VertiefungZinsunterschiede und Wechselkurs: ein Gedankenspiel

Die Zentralbank im Euroraum erhöht die Zinsen, die USA lassen ihre gleich.

1Euro-Anlagen werfen mehr ab, Anleger wollen Euro kaufen.
2Die Nachfrage nach Euro steigt, der Euro wertet auf (E steigt).
3Importe werden billiger, Exporte teurer. Preisdruck und Nettoexporte sinken.

Eine Zinserhöhung wirkt also doppelt: über Kredite und über den Wechselkurs. Einschränkung: Hatten die Märkte sie schon erwartet, bewegt sie den Kurs kaum. Erst die Überraschung löst Ausschläge aus.

VertiefungEine Abwertung durchgerechnet

Der Euro wertet um 10 % ab: Aus E=1,0 USD/EUR wird E=0,9.

Importe: Ein Auto für 30.000 USD kostet statt 30.000 € nun 30.000/0,9≈ 33.333 €.
Exporte: Ein Gerät aus Österreich für 1.000 € kostet US-Käufer:innen statt 1.000 $ nur noch 900 $. Es verkauft sich leichter.

Die Nettoexporte steigen und stützen die Produktion. Die höheren Importpreise treiben aber die Inflation. Wie stark, hängt vom Pass-through ab.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann nominales und reales BIP unterscheiden und den BIP-Deflator berechnen und deuten.
Ich kann erklären, warum das reale BIP pro Kopf den materiellen Lebensstandard misst, aber kein umfassendes Wohlfahrtsmaß ist, und die Wirkung kleiner Wachstumsunterschiede zeigen.
Ich kann die fünf Bestimmungsfaktoren der Produktivität nennen und begründen.
Ich kann Potenzialoutput und Outputlücke berechnen und Nachfrage- von Angebotsschocks unterscheiden.
Ich kann die Arbeitslosenquote nach ILO berechnen und das Okunsche Gesetz erklären.
Ich kann Inflation, Deflation und Disinflation abgrenzen und die drei Treiber der Phillips-Kurve erklären.
Ich kann den Wirkungsmechanismus von Geld- und Fiskalpolitik beschreiben und ihre Grenzen nennen.
Ich kann automatische Stabilisatoren und diskretionäre Maßnahmen unterscheiden und den Fiskalmultiplikator deuten.
Ich kann Primärsaldo, Schuldenquote und die Rolle von r − g in der Schuldendynamik erklären.
Ich kann nominalen und realen Wechselkurs, KKP und relative KKP berechnen, deuten und ihre Grenzen nennen.

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