ZuWi · Kapitel 6/9

Sozioökonomische Grundkonzepte

Teil 2 · Leitbilder & Konzepte17 Min. LesezeitRelevanz ★★★
Auf einen Blick
  • Staat: Weber sieht das Monopol legitimer Gewalt, Poulantzas die Verdichtung von Kräfteverhältnissen; Polity ist Form, Politics Prozess, Policies Inhalt; mehrebenig organisiert.
  • Demokratie: Volk herrscht und lässt sich beherrschen (Kelsen: Spannung Freiheit/Gleichheit). Liberale, elektorale Demokratie und elektorale Autokratie unterscheiden; Postwachstum setzt auf deliberativ und partizipativ.
  • Geld: Neoklassik sieht eine Ware (Quantitätstheorie). Sozioökonomik sieht Institution und fiktive Ware (Polanyi); bis zu 90 % ist Kreditgeld der Banken.
  • Markt: politisch geschaffen und eingebettet; Hodgson nennt sechs Mindestkriterien, „mythische Märkte“ sind keine echten Markttransaktionen.
  • Unternehmen: Kapitalgesellschaften mit beschränkter Haftung ähneln Staaten; rund 80 % des Welthandels sind konzernintern; Aktionär:innen sind Rentiers.
  • Innovation: Schumpeters schöpferische Zerstörung; marktliberal technologieneutral, wohlfahrtskapitalistisch missionsorientiert (Mazzucato), Postwachstum sozial und mit Exnovation.
  • Arbeit: Neoklassik sieht Ware und Produktionsfaktor, Sozioökonomik fiktive Ware, feministische Ökonomik betont Reproduktion; Taylorismus und Fordismus brachten Entfremdung.
  • Naturverhältnis: Mensch und Natur sind nicht getrennt; Marx spricht vom Stoffwechsel; Naturbeherrschung schafft neue Abhängigkeiten.
Inhalt11 Abschnitte
Wie willst du lernen?

Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.

Es gibt acht Grundkonzepte: Staat, Demokratie, Geld, Markt, Unternehmen, Innovation, Arbeit, gesellschaftliches Naturverhältnis. Sie sind die „Bausteine“ für alle späteren Kapitel.

Konzept: Ein Begriff, der in eine Theorieschule eingebettet ist.

Derselbe Begriff bedeutet daher in verschiedenen Schulen oft etwas anderes. Wer das nicht weiß, redet aneinander vorbei. Die Sozioökonomik sieht Konzepte als historisch veränderlich, die Neoklassik als allgemeingültig und unveränderlich.

1 Staat ★

Mit dem Staat beginnt die Reihe, weil er die Rahmenbedingungen für Demokratie, Geld, Märkte und Unternehmen festlegt.

Was ist ein Staat?

Staat: Politische Einheit mit festem Gebiet, die formell souverän (rechtlich selbstbestimmt) ist. Meist ist sie als Nationalstaat organisiert.

Typische Merkmale: eigene Rechtsordnung, Hoheitsverwaltung, Gewaltapparate (Militär, Polizei), Steuerbehörden und meist eine eigene Währung.

VertiefungStaat und Wirtschaft: eine gemeinsame Geschichte

Politische Macht (Staat) und wirtschaftliche Macht (privates Eigentum) sind rechtlich getrennt. Historisch entwickelten sie sich aber gemeinsam und beeinflussten einander stark: Herrscher und Geldgeber verbündeten sich, und Handelsgesellschaften verfolgten staatliche Ziele.

Zwei klassische Definitionen

Max Weber: Der Staat ist die Organisation mit dem Monopol legitimer Gewalt über ein bestimmtes Territorium.

Das gibt ihm Handlungsfähigkeit nach außen (Schutz vor fremden Armeen, Waren, Währungen) und nach innen (für alle verbindliche Entscheidungen). Das Gewaltmonopol entstand im Absolutismus und erwies sich als Weg, für alle gültige Regeln durchzusetzen.

Nicos Poulantzas: Der Staat ist eine materielle Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse.

Das heißt: Er spiegelt wider, welche Gruppen in der Gesellschaft wie stark sind. Das passt zu Gramsci: Die Regierten ringen in der Zivilgesellschaft um Hegemonie, die Regierenden garantieren sie.

Polity, Politics, Policies

BegriffBedeutungEigenes Beispiel
PolityForm des Gemeinwesensparlamentarische Republik
PoliticsProzess, MachtspielKoalitionsverhandlungen
PoliciesInhalt, konkrete MaßnahmenGesetz zur Mietobergrenze

Den Staat nur auf Policies zu reduzieren, greift zu kurz. Der Staat handelt nicht als eine Person, die vernünftig das Gemeinwohl verfolgt. Verschiedene Organe haben eigene Ziele und Strategien. „Der Staat will …“ ist also eine Vereinfachung. Besser benennt man genau, welcher Akteur mit welchen Mitteln was will.

Öffentliche und private Vorrechte

Öffentliche Vorrechte: Das Recht öffentlicher Akteure, im Allgemeininteresse für alle geltende Regeln zu setzen. Sie folgen aus dem Gewaltmonopol.
Private Vorrechte = Grundrechte: Meinungs-, Glaubens- und Versammlungsfreiheit, Unverletzlichkeit des Eigentums. In Österreich seit 1867.

Grundrechte schützen vor der Tyrannei der Mehrheit. Liberale Demokratien verbinden also Herrschaft der Mehrheit mit Misstrauen gegenüber der Mehrheit.

VertiefungWie ein Staat aufgebaut ist
Trennung von Regierenden (in Demokratien gewählt), Regierten (wählen) und Verwaltung. Die Verwaltung bleibt auch bei einem Machtwechsel kurzfristig weitgehend gleich.
Die Verwaltung entstand in der Neuzeit, um Steuern besser einzuheben.
Wichtige Organe: Hoheitsverwaltung (v. a. Ministerien), Militär, Polizei, diplomatischer Dienst, öffentliche Daseinsvorsorge (Schulen, Spitäler).
Sie garantiert flächendeckend öffentliche Güter und gestaltet den Alltag der Bevölkerung.
„Bürokratieabbau“ (New Public Management) führt oft zu Leistungskürzungen.
VertiefungMehrere Ebenen und Souveränität

Staat ist nicht gleich Nationalstaat. Er ist mehrebenig organisiert: Gemeinden (Lokalstaat), Länder (Regionalstaat), Bund und EU. Jede Ebene hat eigene Kompetenzen, z. B. bei Gesundheit, Bildung oder Steuern.

Souveränität heißt: Ein Territorium trifft politische Entscheidungen, in die sich andere nicht einmischen dürfen. Durch wirtschaftliche und politische Verflechtungen ist sie eingeschränkt, es bleiben aber wichtige nationale Spielräume.

Prüfungsfallen:

Weber betont das Gewaltmonopol, Poulantzas die Verdichtung von Kräfteverhältnissen. Nicht vertauschen.
Polity = Form, Politics = Prozess, Policies = Inhalt.
„Der Staat“ ist kein einheitlicher Akteur und nicht auf den Nationalstaat reduzierbar.
Politische und wirtschaftliche Macht sind rechtlich getrennt, historisch aber eng verflochten.

2 Demokratie: Begriff und Ideal ★★★

Demokratie ist mehr als „Wählen gehen“. Hier geht es darum, wie sie aufgebaut ist, wo sie gefährdet ist und wie die Leitbilder sie weiterentwickeln wollen.

Begriff und Ideal

Demokratie: Volksherrschaft. Das Volk ist die Legitimationsgrundlage der Herrschaft.

Das Volk herrscht und wird zugleich beherrscht, denn Gesetze, die eine Mehrheit beschließt, verpflichten alle. Das Ideal sind möglichst gleiche Freiheiten für alle.

VertiefungAristoteles: Staatsformen

Aristoteles unterscheidet Staatsformen:

StaatsformWer herrscht?
Monarchieeine Person
Aristokratiedie „Besten“
Oligarchiewenige
TyranneiGewaltherrschaft
Demokratiedas Volk
Politiedie Vernünftigen (seine Präferenz)

Kelsen: Spannung und Freiheit

Hans Kelsen (Architekt der Bundesverfassung 1920) beschreibt Demokratie als ein Spannungsfeld: Freiheit gegen Gleichheit, Rechte gegen Pflichten.

Seine Idee baut auf der positiven Freiheit auf: Freiheit ist die Möglichkeit, die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. Erst verbindliche Regeln für alle sorgen dafür, dass Freiheit nicht zum Vorrecht Weniger wird. Dem steht negative Freiheit (Abwesenheit von Zwang) gegenüber. Beides zugleich ist nicht ohne Spannung zu haben.

Einfach erklärt: Auf der Straße darf nicht jede:r fahren, wie er oder sie will. Verkehrsregeln schränken jede:n ein, machen die Straße aber für alle benutzbar. Genau diese Spannung beschreibt Kelsen.

Liberale Demokratie

Liberale Demokratie: Mehrheitsbeschlüsse + Rechtsstaat + Gewaltenteilung + Rechtsbindung + Menschen- und Minderheitenschutz.

Nach Kelsen vereint sie zwei Traditionen:

Politischer Liberalismus: Individuelle (negative) Freiheit zählt. Grundrechte sind Abwehrrechte gegen die Willkür der Mehrheit.
Republikanismus: Das Gemeinwohl des begrenzten Gemeinwesens muss gestärkt werden, dafür werden Freiheiten teilweise eingeschränkt.

Meist sind liberale Demokratien repräsentativ (Parlament, Präsident).

VertiefungVorteile repräsentativer Demokratien
Sie geben Regierungen die Legitimation, Entscheidungen für alle zu treffen. Das stärkt Zusammenhalt und Stabilität.
Regierende lassen sich friedlich abwählen. Das schafft Anreize, auf die Bevölkerung zu hören.
Der Parteienwettbewerb lehrt, Opposition zu tolerieren.

Gefährlich wird es, wenn Gewählte Wahlergebnisse nicht akzeptieren. Das untergräbt die Legitimität und kann in Gewalt münden.

Prüfungsfallen:

Demokratie bedeutet nicht einfach „Herrschaft des Parlaments“, sondern Herrschaft des Volkes.
Liberale Demokratien können repräsentativ sein, das ist sogar die übliche Form.

3 Autokratie und die Demokratie der drei Leitbilder ★★★

Vom Ideal zur Autokratie

Von links nach rechts: liberale Demokratie, elektorale Demokratie, elektorale Autokratie, geschlossene Autokratie.Liberale DemokratieElektorale DemokratieElektorale AutokratieGeschlossene Autokratie
← Grafik seitlich wischen →
Von links nach rechts: liberale Demokratie, elektorale Demokratie, elektorale Autokratie, geschlossene Autokratie.
Elektorale Demokratie: Die Regierung wird gewählt, aber Opposition, Zivilgesellschaft und Medien sind stark eingeschränkt. Als Beispiel für diese Entwicklung gilt Ungarn.
Elektorale Autokratie: Ein autoritäres Regime, das Wahlen als Legitimation nutzt. Beispiel: Russland, zunehmend auch die Türkei.
China zeigt: Wirtschaftlicher Aufstieg bringt nicht von selbst eine liberale Demokratie hervor.
VertiefungWarum Autokratie attraktiv wirkt

Autoritäres Handeln wirkt manchen attraktiv, weil es schnell ist, auch angesichts dringender Transformationen. Liberale Demokratien müssen sich daher weiterentwickeln, um sich zu verteidigen. Die Vorschläge dazu hängen vom Leitbild ab.

Demokratie in den drei Leitbildern

LeitbildDemokratieverständnis
Radikal marktliberalmarktgerechte, beschränkte Demokratie: Regierung setzt nur den Rahmen der Marktordnung
Wohlfahrtskap.traditionelle repräsentative Demokratie stärken, Primat der Politik
Postwachstumdeliberative und partizipative Demokratie

Radikal marktliberal: Wirtschaftliche Freiheiten und Ruhe vor dem Staat sind wichtiger als politische Mitsprache. Das ist auch mit autoritärem Kapitalismus vereinbar.

Wohlfahrtskapitalismus: Eine gestärkte repräsentative Demokratie bleibt handlungsfähig. Primat der Politik heißt: Die Politik kann Wirtschaft gestalten.

Postwachstum: Zukunftsfähige Demokratie soll nicht nur von Berufspolitiker:innen gemacht werden.

Deliberativ: öffentliche Beratung. Beispiel: Klimarat in Österreich, in dem zufällig ausgewählte Menschen 100 Vorschläge erarbeiteten. Sie ergänzt die repräsentative Demokratie.
Partizipativ: Das Demokratieprinzip wird auf Arbeitsplatz und Nachbarschaft ausgeweitet, z. B. Sozialwirtschaft, Mitgestaltung öffentlicher Räume, zivilgesellschaftliche Kontrolle von Wasser- und Energieversorgern.
VertiefungRadikal marktliberal: Hayek und Thiel

Hayek und der Investor Peter Thiel halten Freiheit für unvereinbar mit umfassender Demokratie. Thiel hält Parlamente und Leitmedien für veraltet und möchte Macht zu Start-ups und Milliardär:innen verlagern.

VertiefungWohlfahrtskapitalismus: handlungsfähige Politik

Die schnellen Maßnahmen in der Covid-Krise zeigen, dass eine gestärkte repräsentative Demokratie handlungsfähig bleibt. Gestalten kann die Politik die Wirtschaft etwa mit Mindest- und Maximaleinkommen oder Mietobergrenzen. Unterstützt wird sie von Fachleuten und Interessenvertretungen (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer).

Prüfungsfallen:

Marktkonforme, beschränkte Demokratie ist das Ziel des radikalen Marktliberalismus, nicht des Wohlfahrtskapitalismus.
Bürger:innenräte und andere deliberative Formen sind typisch für das Postwachstum.
In einer elektoralen Demokratie wird gewählt, aber Opposition und Medien sind eingeschränkt. Wahlen allein machen keine liberale Demokratie.

4 Geld: Tausch, Kredit und zwei Sichtweisen ★★★

Hier prallen zwei Sichtweisen aufeinander: Neoklassik und Sozioökonomik. Gerade die Gegenüberstellung wird gern geprüft.

Tausch oder Kredit?

Moderne Ökonomien sind Kredit- und Geldwirtschaften, keine Tauschwirtschaften. Ein Tausch besteht aus zwei getrennten Käufen: Ware wird gegen Geld oder Kredit abgegeben, und mit Geld oder Kredit kauft man wieder Ware.

VertiefungGeld und Kredit gab es vor den Märkten

Oft wird behauptet, zuerst gab es Märkte mit Naturaltausch, dann Geld als bequemes Hilfsmittel. Wirtschaftsgeschichte und Anthropologie widersprechen: Es gab nirgends reine Tauschwirtschaften. Geld und Kredit gab es vor den Märkten, schon um 3000 v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten (als Verrechnungseinheiten).

Zwei Sichtweisen

NeoklassikSozioökonomik, (Post-)Keynes
Was ist Geld?Ware, erleichtert den Tauschgesellschaftliche Institution, umkämpft
Entstehungals Hilfsmittel im Tauschaus Schuldbeziehungen (Kredit)
Wert des Geldesnimmt mit der Geldmenge ab (Quantitätstheorie)beruht auf Vertrauen und politischer Autorität
Bankensammeln Ersparnisse, verleihen sieschaffen Geld bei Kreditvergabe

Neoklassik im Detail

Im Grundmodell gilt die Quantitätstheorie des Geldes: Eine größere Geldmenge senkt den Wert jeder einzelnen Geldeinheit. Mehr Geldmenge führt zu Geldentwertung (Inflation). Die Zentralbank, die Geld schöpft, gilt als Hauptursache von Inflation.

VertiefungNeoklassik: relative Preise und Zinsen

Auf relative Preise hat Geld keinen Einfluss: Wenn sich alle Preise verdoppeln, bleibt das Verhältnis zwischen Semmel und Kornspitz gleich.

Eine zweite Ursache für Instabilität liegt im Bankensektor: Bei zu niedrigem Zins werden zu viele Kredite vergeben (Inflation), bei zu hohem Zins droht Deflation. Gute Geldpolitik hält den Zins auf „natürlichem“ Niveau, damit Sparen = Investieren gilt, und stört die Tauschwirtschaft nicht. Gegen Inflation: Geld verknappen, Zinsen erhöhen.

Sozioökonomik und (Post-)Keynesianismus

Hier wird Geld nicht als Ware gesehen. Mehrere Denker:innen stehen dafür:

Polanyi: Geld ist eine fiktive Ware. Es wird wie eine Ware behandelt, wird aber nicht für den Verkauf produziert und ist ohne Vertrauen wertlos.
Marx: Geldfetisch. Geld erscheint als quasireligiöses Objekt der Begierde mit eigenem Gebrauchswert, ist aber nur ein gesellschaftlich anerkannter Tauschwert.
Aglietta: Geld ist eine Beziehung sozialer Zugehörigkeit, ein gemeinsames Zahlungsmittel als sozialer Vertrag. Es macht Verschiedenes vergleichbar und verbindet Fremde und Generationen.
VertiefungVertrauen und Schuldenerlässe

Wie wichtig Vertrauen ist, zeigt sich, wenn es schwindet: Eine Geldkrise wird rasch zur Wirtschafts- und Sozialkrise. Deshalb gab es historisch immer wieder Schuldenerlässe, um Spannungen abzubauen.

Prüfungsfallen:

Bei Polanyi ist Geld eine fiktive Ware, weil es nicht für den Verkauf produziert wird. Mit Digitalisierung hat das nichts zu tun.
Deflation = das allgemeine Preisniveau sinkt anhaltend. Sinkt nur die Inflationsrate, heißt das Disinflation.
Die Neoklassik (nicht die Sozioökonomik) sieht Geld als Ware und führt Inflation auf zu viel Geld oder zu niedrige Zinsen zurück.

5 Kreditgeld, Zentralbank und Geldwert ★★★

Kreditgeld

Kreditgeld: Geld, das Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe schaffen. Sie schreiben den Betrag auf dem Konto der Kundschaft gut, und die Geldmenge steigt sofort.

Es wird sozusagen „aus dem Nichts“ geschaffen und macht bis zu 90 % des umlaufenden Geldes aus.
Kredite werden vergeben, weil rentable Projekte oder glaubhaft hohe Einkommen vorliegen. Entscheidend sind also die Erwartungen über die Realwirtschaft.
Zentralbankreserven brauchen die Banken erst, wenn Kundschaft Bargeld abhebt (plus Mindestreserve).

Staat, Zentralbank, Geldwert

Nationales Geld gilt, weil der Staat es als einziges Zahlungsmittel für Steuerschulden akzeptiert.
Die Zentralbank garantiert den Geldwert. Sie ist Kreditgeberin letzter Instanz (lender of last resort) und schöpft Geld, um Banken zu retten.
Instrumente: Leitzinsen (zu denen Banken Zentralbankgeld bekommen) und open market operations (Kauf und Verkauf von Schuldscheinen, v. a. Staatsanleihen).
Geldwertstabilität beruht auf Vertrauen in die Fähigkeit der Zentralbank, Preisstabilität zu sichern.
VertiefungGeld, Macht und Souveränität

Aus (post-)keynesianischer Sicht entstand Geld als Kredit von Gläubigern. Besonders vertrauenswürdig war es, wenn eine politische Autorität es ausgab. Geld hängt eng mit Souveränität, Steuern und politischer Kontrolle zusammen. Die Geschichte des Geldes ist auch ein Kampf um Macht zwischen Herrschern und Geldgebern.

VertiefungWohin neues Geld fließt

Neues Geld kann (i) in die Realwirtschaft fließen, (ii) in Konsum oder (iii) in Spekulation. In der neoliberalen Globalisierung floss viel in Finanz- und Immobilienmärkte. Die Spekulationsblasen platzten 2000 (Dot-Com) und 2008 (Immobilien).

Prüfungsfallen:

Kreditgeld entsteht bei der Kreditvergabe, nicht erst, wenn Banken Spargeld einsammeln.
Isabella Weber schlug Preisdeckel für Ausnahmesituationen vor. Das ist weder neoklassisch noch eine Forderung nach dauernder Preisregulierung.

6 Markt ★★

Märkte wirken wie etwas Natürliches. Dieser Abschnitt zeigt, dass sie gemacht, begrenzt und von Macht geprägt sind.

Was ist ein Markt?

Umgangssprachlich: Kaufende und Verkaufende mit Wahlfreiheit und Wettbewerb. Aber beides gibt es auch ohne Markt, etwa beim Griff ins eigene Bücherregal oder beim Sport.

Hodgson nennt sechs Mindestkriterien eines Marktes:

1mehrere Teilnehmende
2allgemein akzeptierte Regeln
3gegenseitig bindende (mündliche oder schriftliche) Vereinbarungen
4Akteure, die sich identifizieren und miteinander kommunizieren können
5Vereinbarungen führen zu Lieferung und Zahlung
6wechselseitige Rechte und Pflichten

Mythische Märkte

Mythische Märkte: Beziehungen, die als Markt analysiert werden, obwohl sie keine Markttransaktionen sind (Begriff von Hodgson).

Die Neoklassik behandelt fast alles als Markt: Partnerbörsen, einen „Markt der Ideen“, einen „politischen Markt“.

VertiefungWarum das keine echten Märkte sind
Ideen gehören uns nicht als handelbare Eigentumsrechte (außer als Patent).
Alltagsgespräche übertragen keine Rechte.
Zwischen Wahlberechtigten und Politiker:innen gibt es keinen einklagbaren Vertrag. Ein Wahlversprechen ist kein „Angebot“.
Lobbying ist Informationsaustausch. Wenn Spenden bestimmte Gesetze „kaufen“, ist das Bestechung, also ein illegaler Markt.

Märkte sind eingebettet

Märkte sind nie allumfassend. Ihre Grundlagen liegen außerhalb: Eigentumsrechte, Vertragsfreiheit, Vertrauen. Der Staat sichert sie, selbst im marktliberalen Leitbild. Manche Dinge dürfen nicht handelbar sein: Würden Urteile an den Meistbietenden verkauft, wäre die Rechtssicherheit dahin.

Die Sozioökonomik folgert: Märkte sind sozial konstruiert, politisch geschaffen und machtgeprägt. Jeder Markt folgt bestimmten Regeln. „Freie“ Märkte nennt sie marktliberal regulierte Märkte.

VertiefungGeschichte der Märkte
Als ortsgebundene Tauschveranstaltungen mit politischen Vorrechten gibt es Märkte seit Jahrtausenden (z. B. bestimmte Produkte oder Wochenmärkte).
Im Merkantilismus (16. bis 18. Jh.) wurde der Binnenhandel gefördert.
Dieser Binnenmarkt entstand nicht natürlich, sondern politisch: durch Straßen und Kanäle, Abschaffung innerer Zölle und einheitliche Maße und Gewichte.
Auch dann blieb der Markttausch lange anderen Formen (Haushaltung, Gegenseitigkeit, Umverteilung) untergeordnet. Erst im 19. Jahrhundert wurde er dominant.

Prüfungsfallen:

Der Binnenmarkt entstand politisch geschaffen, nicht von selbst.
Ein „Markt der Ideen“ ist laut Hodgson ein mythischer Markt: Keine echte Markttransaktion.
Märkte sind eingebettet. Sie funktionieren nicht ohne nicht-marktliche Regeln und Vertrauen.
Märkte dominierten erst im 19. Jahrhundert, nicht seit der Antike.

7 Unternehmen ★

Märkte bringen Gleichheit unter Zahlungsfähigen. Unternehmen sind dagegen hierarchisch: Es gibt Befehle, Belohnungen, Disziplin und Kündigungen.

Rechtsformen

MerkmalEinzelunternehmenKapitalgesellschaft
EigentumUnternehmer:in selbstKapitalgeber:innen
LeitungEigentümer:ingetrennt vom Eigentum
Haftungunbeschränktbeschränkt

Das Einzelunternehmen verkörpert das Bild des Entrepreneurs, der riskiert. Kapitalgesellschaften gelten rechtlich als juristische Personen, können also selbst Rechte und Pflichten haben.

Intra-firm trade, Aktien, Plattformen

Intra-firm trade: Handel innerhalb eines Unternehmens (zwischen Tochterfirmen oder fest eingebundenen Zulieferern). Er macht rund 80 % des Welthandels aus.

Aktie: Finanzeigentum. Sie gibt keine Verfügungsmacht über Produktionsmittel, sondern einen Anspruch auf Auszahlungen. Aktionär:innen sind Rentiers und eignen sich Werte an.

Plattformunternehmen: Unternehmensform des 21. Jahrhunderts: vernetzte Marktplätze, die als Vermittler Renten abschöpfen, z. B. einen Prozentsatz je Transaktion.

VertiefungGeschichte der Kapitalgesellschaft
Entstanden im 19. Jahrhundert. Ihre Gründung war Staatsangelegenheit.
Sie ermöglichten Infrastruktur (Straßen, Brücken, Kanäle, Bahn).
Die Bedingung war, öffentlichen Zwecken zu dienen. Das Privileg beschränkter Haftung war damit gerechtfertigt.
Mit der Zeit wuchsen die Rechte, die Pflicht zur Gegenleistung geriet in Vergessenheit.
VertiefungKonzerne sind wie Staaten

Heute gelten private Vorrechte gleich für Menschen und für Konzerne. Die Folgen sind aber sehr verschieden.

Transnationale Konzerne ähneln eher Staaten als Einzelunternehmen. Sie erlassen als Private Regeln, die auch für Außenstehende gelten, und setzen sie durch. Möglich macht das ihr Eigentumsrecht. Damit wird der Sinn von Eigentum, Selbstbestimmung zu sichern, ausgehöhlt. Sie sind aber nur privaten, nicht demokratisch legitimierten Interessen verpflichtet. Macht verschiebt sich zu großen Unternehmen.

VertiefungWirtschaft im Unternehmen, Rentiers und Daten

Der Großteil des Welthandels beruht auf administrativen Entscheidungen in Konzernen, nicht auf Marktpreisen. Ziel ist, den Shareholder Value zu maximieren, notfalls auch durch Monopolbildung. Zulieferer sind ganz (Tochterfirma) oder teilweise (Langzeitvertrag) integriert, das gibt Kontrolle.

Aktionär:innen besitzen nicht das Unternehmen selbst, sondern Ansprüche auf dessen Erträge. Aktien lassen sich handeln, verkaufen und vererben, ohne dass sich der Betrieb ändert.

Das Geschäftsmodell der Plattformen beruht darauf, private Daten zu sammeln, zu Privateigentum des Unternehmens zu machen und zu verkaufen, für kommerzielle oder politische Zwecke.

Prüfungsfallen:

Aktionär:innen besitzen keine Produktionsmittel, sondern Ansprüche auf Auszahlungen (Rentiers).
Etwa 80 % des Welthandels sind konzerninterner Handel, nicht Marktaustausch.
In Kapitalgesellschaften sind Management und Eigentum getrennt, in Einzelunternehmen nicht.
Kapitalgesellschaften entstanden ursprünglich für öffentliche Zwecke.

8 Innovation ★★

Innovation klingt immer positiv. Dieser Abschnitt zeigt, wie sich der Begriff verengt hat und wie die Leitbilder Innovationspolitik verschieden gestalten.

Schumpeter: schöpferische Zerstörung

Schöpferische Zerstörung: Damit Neues entsteht, muss Altes enden (Joseph Schumpeter).

Schumpeter meinte vor allem neue Produkte und Produktionsmethoden. Beispiel: Als Streaming sich durchsetzte, verschwanden die Videotheken. Das Neue verdrängt das Alte, und genau das treibt den Wandel an.

Technik und Gesellschaft

Technologischer Determinismus (nach 1945 verbreitet): Technik führt fast zwingend zu sozialem Wandel. Heute überholt.
Ko-Evolution: Technologie und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft beeinflussen sich wechselseitig. Werte, Interessen und Widerstände prägen, welche Technik sich durchsetzt.

Schon Schumpeter betonte, dass sich Innovationen je nach Rahmenbedingungen unterschiedlich entfalten.

VertiefungWandel des Innovationsbegriffs
15. bis 19. Jh.: Innovation steht für revolutionäre Veränderung und stößt auf Widerstand von Kirche und Ordnung.
Frühes 19. Jh.: Der Begriff soziale Innovation entsteht (Sozialreformen, z. B. Ende der Leibeigenschaft).
Industrielle Revolution: Innovator:innen gelten nun als kreative „agents of change“.
Der Begriff wird auf unternehmerische Innovation verengt.
VertiefungSharing Economy

Sharing Economy (Teilen von Wohnungen oder Autos) verspricht Ressourcenschonung. Studien sind uneindeutig, die Rahmenbedingungen entscheiden. Unter marktliberalen Regeln kann Zimmervermietung Wohnraum für Einheimische verknappen. Ein Carsharing kann sogar Öffis statt Privatautos ersetzen.

Innovationspolitik der drei Leitbilder

LeitbildAnsatz
Marktliberaltechnologieneutral: Steuererleichterungen, Forschungsförderung; Staat setzt nur Ziele, Markt entscheidet
Wohlfahrtskap.missionsorientiert (Mazzucato): öffentlich gesteuert für gesellschaftliche Ziele; systemische Effizienz
Postwachstumkonviviale Technologien, soziale Innovationen, Exnovation

Marktliberal: Gefördert werden Unternehmen und Unternehmergeist, nicht bestimmte Technologien. Beispiel Emissionshandel: Der Staat setzt das Ziel, der Markt sucht den Weg.

Missionsorientiert (Mariana Mazzucato): Gesellschaftliche Herausforderungen werden wie ein großes Projekt (die „Mondfahrt“ der 1960er) angegangen. Öffentliche Unterstützung mit Geld, Wissen und Vernetzung erhöht die systemische Effizienz.

Postwachstum: Innovation darf nicht auf Technik reduziert werden.

Konviviale (lebensgerechte) Technologien: Welche Technik brauchen wir für das Leben, das wir führen wollen?
Soziale Innovationen „von unten“ (Ökodörfer, Urban Gardening). Sie bleiben oft klein oder werden von großen Marktteilnehmern vereinnahmt.
VertiefungWarum missionsorientierte Politik den Staat braucht
1Neuerungen sind teuer und unsicher, Marktführer blockieren sie oft.
2Marktpreise zeigen oft nicht die tatsächliche Knappheit (der CO₂-Preis war lange sehr niedrig).
3Lock-in-Effekt: Unternehmen halten möglichst lang an alten Technologien fest, in die sie viel investiert haben.
4Machtkomplexe wehren sich gegen Einschränkungen ihrer kurzfristigen Gewinne.

Exnovation

Exnovation: Das gezielte Beenden oder Einschränken von Praktiken, Produkten oder Technologien, die nicht zu den gewünschten Zielen passen.

Oft ist der erste Schritt ein Verbot oder Rückbau von Produkten und Infrastrukturen. Erst dann entstehen nachhaltige Formen der Bedürfnisbefriedigung. Die pragmatisch-institutionelle Variante des Postwachstums betont sie besonders.

Einfach erklärt: Neues braucht Platz: Solange man Ölheizungen weiter fördert, kann kaum Wärmepumpen im großen Stil durchsetzen. Erst mit dem Auslaufen der alten Technik wird Platz für die neue. Meist wehren sich dagegen Machtkomplexe, vor allem der fossile.

Prüfungsfallen:

Exnovation ist ein Anliegen des Postwachstums, nicht der marktliberalen Innovationspolitik.
Technologieneutral = marktliberal. Missionsorientiert = wohlfahrtskapitalistisch.
Missionsorientierte Politik zielt auf systemische Effizienz, nicht bloß auf Punkt-Effizienz.
Innovation hängt immer vom gesellschaftlichen Kontext ab. Sharing spart nicht automatisch Ressourcen.
Technologischer Determinismus gilt als überholt. An seine Stelle trat die Ko-Evolution.

9 Arbeit ★★

Was als Arbeit gilt und wie sie organisiert ist, hat sich stark verändert. Daran hängt, was Wirtschaftswissenschaften sehen und was nicht.

Lohnarbeit

Im Industriekapitalismus wird Arbeit zur Lohnarbeit: unselbständige Erwerbsarbeit und Grundlage der Mehrwertproduktion. Arbeitskraft wird zur Ware, die Arbeiter:innen an Eigentümer:innen von Produktionsmitteln verkaufen.

Taylorismus und Fordismus

Taylorismus: Bewegungen werden optimiert und standardisiert, Hand- und Kopfarbeit werden getrennt.
Fordismus: Fließband und austauschbare Teile, Maschinen ersetzen Körperarbeit.

Die Produktivität stieg, aber auch die Entfremdung: Die Arbeitenden haben keinen Einfluss auf Form und Ziele ihrer Arbeit und besitzen weder Arbeitsmittel noch Produkte.

Produktion und Reproduktion

Städte wurden Orte der Produktion (industriell) und der Reproduktion (Sorge- und Hausarbeit, die die Arbeitskraft „wiederherstellt“). Dazu kam die geschlechtliche Arbeitsteilung: Männer in der Erwerbsarbeit, Frauen als Hausfrauen. Das ist das Ernährermodell.

Die koloniale Arbeitsteilung sicherte die Rohstoffe aus dem Süden für die Industrialisierung des Nordens.

Drei Perspektiven

NeoklassikSozioökonomikFeministische Ökonomik
Arbeit ist Produktionsfaktor und Ware am ArbeitsmarktArbeit ist keine normale Ware, sondern fiktive WareAuch Reproduktion ist Arbeit
Lohn durch Angebot und NachfrageNicht für den Verkauf produziert, gehört zum LebenReduktion auf Erwerbsarbeit greift zu kurz

Marilyn Waring: Grundlegende Tätigkeiten wie unbezahlte Sorge- und Hausarbeit fehlen in BIP und BNE, obwohl Gesellschaft und Märkte ohne sie nicht funktionieren.

VertiefungGeschichte der Arbeit
Antike: Körperliche Arbeit galt als minderwertig (Unfreie, Frauen). Politisches Handeln war freien Männern vorbehalten.
Agrargesellschaften: Die Naturkreisläufe (Ernte, Jahreszeiten) bestimmen den Alltag. Familien versorgen sich weitgehend selbst.
Industrielle Revolution: Fabriken statt Werkstätten, fossile Energie, Arbeitsteilung und steigende Skalenerträge (die Fixkosten pro Stück sinken). Maschinen bestimmen das Tempo, daher der Widerstand der Maschinenstürmer.
VertiefungKonstante Grundstruktur der Lohnarbeit

Technik und Lebensweise wandelten sich stark, die kapitalistische Grundstruktur blieb erstaunlich konstant: Lohnarbeit ist die zentrale Einkommensquelle und bestimmt den Zugang zu Geld und Teilhabe.

VertiefungErweitertes Arbeitsverständnis

Auch politisches Tätig-Sein (deliberative und partizipative Prozesse) ist eine erweiterte Form von Arbeit. Viele ökonomische Ansätze behandeln dagegen nur Erwerbsarbeit als Norm. Zukunftsfähiges Wirtschaften braucht ein erweitertes Arbeitsverständnis.

Prüfungsfallen:

Arbeit als Produktionsfaktor und Ware sieht die Neoklassik. Die Sozioökonomik sieht sie als fiktive Ware. Nicht vertauschen.
Mann im Erwerb, Frau im Haushalt ist das Ernährermodell, nicht das Doppelverdienendenmodell.
Die Sozioökonomik untersucht mehr als Erwerbsarbeit, auch unbezahlte Sorge- und Hausarbeit.
Taylorismus trennt Hand- und Kopfarbeit, Fordismus ist das Fließband.
Die koloniale Arbeitsteilung sicherte Rohstoffe für die Industrialisierung des Nordens.
Politische Teilhabe wird von vielen ökonomischen Ansätzen nicht als Arbeit gezählt.

10 Gesellschaftliches Naturverhältnis ★

Dieses Konzept hinterfragt, ob Mensch und Natur wirklich getrennt sind. Es ist die Grundlage für das Verständnis von Nachhaltigkeit.

Dualismus und die Schutzbegriffe

Dualismus: Im westlichen Denken stehen Mensch und Gesellschaft auf der einen Seite, Natur als „nicht von Menschen gemachter Bereich“ auf der anderen.

BegriffIm MittelpunktHintergrund
NaturschutzNatur um ihrer selbst willen (Eigenwert)Romantik, 19. Jh.; Naturparks, Artenvielfalt
Umwelt- und Klimaschutzder Mensch und sein UmfeldGesundheit, menschengerechtes Klima

Beide können in Konflikt geraten, etwa bei Protesten gegen Wind- oder Wasserkraftwerke im Namen des Naturschutzes. Beide teilen aber den Dualismus: Natur oder Umwelt erscheinen als eigene Sphäre außerhalb der Gesellschaft.

Das Konzept

Gesellschaftliches Naturverhältnis: Die historisch spezifische Art, wie Gesellschaften mit Natur umgehen: wie sie Natur aneignen (Energie, Ernährung), verändern (Landschaften) und symbolisieren (Naturbilder, Theorien).

Es kritisiert die Trennung von biophysischen Prozessen und sozioökonomischen Systemen. Umwelt ist eigentlich Mitwelt, denn Menschen sind Teil der Natur.

Marx: Das Bild des Stoffwechsels (Metabolismus) zwischen Mensch und Natur. Wie im Körper werden Stoffe aufgebaut, abgebaut, ersetzt und erhalten. Arbeit steuert und vermittelt diesen Stoffwechsel.

VertiefungVerschwimmende Grenzen zwischen Natur und Kultur

Die Grenzen zwischen „natürlich“ und „menschengemacht“ verschwimmen: Landwirtschaft ist eine Kulturleistung. Naturschutzparks sind nicht „unberührt“, Straßen nicht vollkommen „künstlich“. Beides sind Formen eines gesellschaftlichen Naturverhältnisses.

Dialektik der Naturbeherrschung

Dialektik der Naturbeherrschung (Horkheimer und Adorno): Wer Natur beherrschen und sich von ihr lösen will, gerät gerade dadurch in neue Abhängigkeiten.

VertiefungFortschritt und neue Risiken

Westliches Fortschrittsdenken meint Emanzipation und Naturbeherrschung (fossile Brennstoffe, erneuerbare Energien, Geoengineering, industrielle Landwirtschaft).

Einerseits bringt Fortschritt mehr Wissen über Natur (z. B. Impfungen). Andererseits führt intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Dünger zu Artenverlust und neuen, schwer kontrollierbaren Risiken, auch durch neue Viren.

Prüfungsfallen:

Naturschutz schützt Natur um ihrer selbst willen, Umwelt- und Klimaschutz stellt den Menschen in den Mittelpunkt.
Naturschutz und Klimaschutz können in Konflikt geraten und teilen trotzdem denselben Dualismus.
Das gesellschaftliche Naturverhältnis ist historisch spezifisch, nicht für alle Zeiten gleich.
Marx beschreibt Mensch und Natur mit dem Bild des Stoffwechsels, vermittelt durch Arbeit.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann Weber (Gewaltmonopol) und Poulantzas (Verdichtung von Kräfteverhältnissen) erklären.
Ich kann Polity, Politics und Policies mit eigenem Beispiel unterscheiden.
Ich kann liberale, elektorale Demokratie und elektorale Autokratie unterscheiden.
Ich kann das Demokratieverständnis der drei Leitbilder beschreiben (inkl. deliberativ und partizipativ).
Ich kann die neoklassische und die sozioökonomische Geldtheorie gegenüberstellen und Kreditgeld erklären.
Ich kann Polanyis „fiktive Ware“ für Geld und Arbeit begründen.
Ich kann die Hodgson-Kriterien und „mythische Märkte“ erklären und begründen, warum Märkte eingebettet sind.
Ich kann Kapitalgesellschaft, intra-firm trade, Rentiers und Plattformunternehmen erklären.
Ich kann Schumpeters schöpferische Zerstörung, Ko-Evolution und die drei Innovationsansätze unterscheiden (inkl. Exnovation).
Ich kann Taylorismus, Fordismus, Reproduktion und die drei Arbeitsperspektiven erklären.
Ich kann das gesellschaftliche Naturverhältnis vom Natur- und Umweltschutz abgrenzen.

Fertig gelesen? Teste, ob es sitzt.

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