- Staat: Weber sieht das Monopol legitimer Gewalt, Poulantzas die Verdichtung von Kräfteverhältnissen; Polity ist Form, Politics Prozess, Policies Inhalt; mehrebenig organisiert.
- Demokratie: Volk herrscht und lässt sich beherrschen (Kelsen: Spannung Freiheit/Gleichheit). Liberale, elektorale Demokratie und elektorale Autokratie unterscheiden; Postwachstum setzt auf deliberativ und partizipativ.
- Geld: Neoklassik sieht eine Ware (Quantitätstheorie). Sozioökonomik sieht Institution und fiktive Ware (Polanyi); bis zu 90 % ist Kreditgeld der Banken.
- Markt: politisch geschaffen und eingebettet; Hodgson nennt sechs Mindestkriterien, „mythische Märkte“ sind keine echten Markttransaktionen.
- Unternehmen: Kapitalgesellschaften mit beschränkter Haftung ähneln Staaten; rund 80 % des Welthandels sind konzernintern; Aktionär:innen sind Rentiers.
- Innovation: Schumpeters schöpferische Zerstörung; marktliberal technologieneutral, wohlfahrtskapitalistisch missionsorientiert (Mazzucato), Postwachstum sozial und mit Exnovation.
- Arbeit: Neoklassik sieht Ware und Produktionsfaktor, Sozioökonomik fiktive Ware, feministische Ökonomik betont Reproduktion; Taylorismus und Fordismus brachten Entfremdung.
- Naturverhältnis: Mensch und Natur sind nicht getrennt; Marx spricht vom Stoffwechsel; Naturbeherrschung schafft neue Abhängigkeiten.
Inhalt11 Abschnitte
Alles auf einer Seite. Vertiefungen klappst du bei Bedarf auf. setzt ein Lesezeichen, markiert eine schwierige Stelle.
Es gibt acht Grundkonzepte: Staat, Demokratie, Geld, Markt, Unternehmen, Innovation, Arbeit, gesellschaftliches Naturverhältnis. Sie sind die „Bausteine“ für alle späteren Kapitel.
Konzept: Ein Begriff, der in eine Theorieschule eingebettet ist.
Derselbe Begriff bedeutet daher in verschiedenen Schulen oft etwas anderes. Wer das nicht weiß, redet aneinander vorbei. Die Sozioökonomik sieht Konzepte als historisch veränderlich, die Neoklassik als allgemeingültig und unveränderlich.
1 Staat ★
Mit dem Staat beginnt die Reihe, weil er die Rahmenbedingungen für Demokratie, Geld, Märkte und Unternehmen festlegt.
Was ist ein Staat?
Staat: Politische Einheit mit festem Gebiet, die formell souverän (rechtlich selbstbestimmt) ist. Meist ist sie als Nationalstaat organisiert.
Typische Merkmale: eigene Rechtsordnung, Hoheitsverwaltung, Gewaltapparate (Militär, Polizei), Steuerbehörden und meist eine eigene Währung.
VertiefungStaat und Wirtschaft: eine gemeinsame Geschichte
Politische Macht (Staat) und wirtschaftliche Macht (privates Eigentum) sind rechtlich getrennt. Historisch entwickelten sie sich aber gemeinsam und beeinflussten einander stark: Herrscher und Geldgeber verbündeten sich, und Handelsgesellschaften verfolgten staatliche Ziele.
Zwei klassische Definitionen
Max Weber: Der Staat ist die Organisation mit dem Monopol legitimer Gewalt über ein bestimmtes Territorium.
Das gibt ihm Handlungsfähigkeit nach außen (Schutz vor fremden Armeen, Waren, Währungen) und nach innen (für alle verbindliche Entscheidungen). Das Gewaltmonopol entstand im Absolutismus und erwies sich als Weg, für alle gültige Regeln durchzusetzen.
Nicos Poulantzas: Der Staat ist eine materielle Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse.
Das heißt: Er spiegelt wider, welche Gruppen in der Gesellschaft wie stark sind. Das passt zu Gramsci: Die Regierten ringen in der Zivilgesellschaft um Hegemonie, die Regierenden garantieren sie.
Polity, Politics, Policies
| Begriff | Bedeutung | Eigenes Beispiel |
|---|---|---|
| Polity | Form des Gemeinwesens | parlamentarische Republik |
| Politics | Prozess, Machtspiel | Koalitionsverhandlungen |
| Policies | Inhalt, konkrete Maßnahmen | Gesetz zur Mietobergrenze |
Den Staat nur auf Policies zu reduzieren, greift zu kurz. Der Staat handelt nicht als eine Person, die vernünftig das Gemeinwohl verfolgt. Verschiedene Organe haben eigene Ziele und Strategien. „Der Staat will …“ ist also eine Vereinfachung. Besser benennt man genau, welcher Akteur mit welchen Mitteln was will.
Öffentliche und private Vorrechte
Grundrechte schützen vor der Tyrannei der Mehrheit. Liberale Demokratien verbinden also Herrschaft der Mehrheit mit Misstrauen gegenüber der Mehrheit.
VertiefungWie ein Staat aufgebaut ist
VertiefungMehrere Ebenen und Souveränität
Staat ist nicht gleich Nationalstaat. Er ist mehrebenig organisiert: Gemeinden (Lokalstaat), Länder (Regionalstaat), Bund und EU. Jede Ebene hat eigene Kompetenzen, z. B. bei Gesundheit, Bildung oder Steuern.
Souveränität heißt: Ein Territorium trifft politische Entscheidungen, in die sich andere nicht einmischen dürfen. Durch wirtschaftliche und politische Verflechtungen ist sie eingeschränkt, es bleiben aber wichtige nationale Spielräume.
Prüfungsfallen:
2 Demokratie: Begriff und Ideal ★★★
Demokratie ist mehr als „Wählen gehen“. Hier geht es darum, wie sie aufgebaut ist, wo sie gefährdet ist und wie die Leitbilder sie weiterentwickeln wollen.
Begriff und Ideal
Demokratie: Volksherrschaft. Das Volk ist die Legitimationsgrundlage der Herrschaft.
Das Volk herrscht und wird zugleich beherrscht, denn Gesetze, die eine Mehrheit beschließt, verpflichten alle. Das Ideal sind möglichst gleiche Freiheiten für alle.
VertiefungAristoteles: Staatsformen
Aristoteles unterscheidet Staatsformen:
| Staatsform | Wer herrscht? |
|---|---|
| Monarchie | eine Person |
| Aristokratie | die „Besten“ |
| Oligarchie | wenige |
| Tyrannei | Gewaltherrschaft |
| Demokratie | das Volk |
| Politie | die Vernünftigen (seine Präferenz) |
Kelsen: Spannung und Freiheit
Hans Kelsen (Architekt der Bundesverfassung 1920) beschreibt Demokratie als ein Spannungsfeld: Freiheit gegen Gleichheit, Rechte gegen Pflichten.
Seine Idee baut auf der positiven Freiheit auf: Freiheit ist die Möglichkeit, die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. Erst verbindliche Regeln für alle sorgen dafür, dass Freiheit nicht zum Vorrecht Weniger wird. Dem steht negative Freiheit (Abwesenheit von Zwang) gegenüber. Beides zugleich ist nicht ohne Spannung zu haben.
Einfach erklärt: Auf der Straße darf nicht jede:r fahren, wie er oder sie will. Verkehrsregeln schränken jede:n ein, machen die Straße aber für alle benutzbar. Genau diese Spannung beschreibt Kelsen.
Liberale Demokratie
Liberale Demokratie: Mehrheitsbeschlüsse + Rechtsstaat + Gewaltenteilung + Rechtsbindung + Menschen- und Minderheitenschutz.
Nach Kelsen vereint sie zwei Traditionen:
Meist sind liberale Demokratien repräsentativ (Parlament, Präsident).
VertiefungVorteile repräsentativer Demokratien
Gefährlich wird es, wenn Gewählte Wahlergebnisse nicht akzeptieren. Das untergräbt die Legitimität und kann in Gewalt münden.
Prüfungsfallen:
3 Autokratie und die Demokratie der drei Leitbilder ★★★
Vom Ideal zur Autokratie
Liberale
DemokratieElektorale
DemokratieElektorale
AutokratieGeschlossene
AutokratieVertiefungWarum Autokratie attraktiv wirkt
Autoritäres Handeln wirkt manchen attraktiv, weil es schnell ist, auch angesichts dringender Transformationen. Liberale Demokratien müssen sich daher weiterentwickeln, um sich zu verteidigen. Die Vorschläge dazu hängen vom Leitbild ab.
Demokratie in den drei Leitbildern
| Leitbild | Demokratieverständnis |
|---|---|
| Radikal marktliberal | marktgerechte, beschränkte Demokratie: Regierung setzt nur den Rahmen der Marktordnung |
| Wohlfahrtskap. | traditionelle repräsentative Demokratie stärken, Primat der Politik |
| Postwachstum | deliberative und partizipative Demokratie |
Radikal marktliberal: Wirtschaftliche Freiheiten und Ruhe vor dem Staat sind wichtiger als politische Mitsprache. Das ist auch mit autoritärem Kapitalismus vereinbar.
Wohlfahrtskapitalismus: Eine gestärkte repräsentative Demokratie bleibt handlungsfähig. Primat der Politik heißt: Die Politik kann Wirtschaft gestalten.
Postwachstum: Zukunftsfähige Demokratie soll nicht nur von Berufspolitiker:innen gemacht werden.
VertiefungRadikal marktliberal: Hayek und Thiel
Hayek und der Investor Peter Thiel halten Freiheit für unvereinbar mit umfassender Demokratie. Thiel hält Parlamente und Leitmedien für veraltet und möchte Macht zu Start-ups und Milliardär:innen verlagern.
VertiefungWohlfahrtskapitalismus: handlungsfähige Politik
Die schnellen Maßnahmen in der Covid-Krise zeigen, dass eine gestärkte repräsentative Demokratie handlungsfähig bleibt. Gestalten kann die Politik die Wirtschaft etwa mit Mindest- und Maximaleinkommen oder Mietobergrenzen. Unterstützt wird sie von Fachleuten und Interessenvertretungen (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer).
Prüfungsfallen:
4 Geld: Tausch, Kredit und zwei Sichtweisen ★★★
Hier prallen zwei Sichtweisen aufeinander: Neoklassik und Sozioökonomik. Gerade die Gegenüberstellung wird gern geprüft.
Tausch oder Kredit?
Moderne Ökonomien sind Kredit- und Geldwirtschaften, keine Tauschwirtschaften. Ein Tausch besteht aus zwei getrennten Käufen: Ware wird gegen Geld oder Kredit abgegeben, und mit Geld oder Kredit kauft man wieder Ware.
VertiefungGeld und Kredit gab es vor den Märkten
Oft wird behauptet, zuerst gab es Märkte mit Naturaltausch, dann Geld als bequemes Hilfsmittel. Wirtschaftsgeschichte und Anthropologie widersprechen: Es gab nirgends reine Tauschwirtschaften. Geld und Kredit gab es vor den Märkten, schon um 3000 v. Chr. in Mesopotamien und Ägypten (als Verrechnungseinheiten).
Zwei Sichtweisen
| Neoklassik | Sozioökonomik, (Post-)Keynes | |
|---|---|---|
| Was ist Geld? | Ware, erleichtert den Tausch | gesellschaftliche Institution, umkämpft |
| Entstehung | als Hilfsmittel im Tausch | aus Schuldbeziehungen (Kredit) |
| Wert des Geldes | nimmt mit der Geldmenge ab (Quantitätstheorie) | beruht auf Vertrauen und politischer Autorität |
| Banken | sammeln Ersparnisse, verleihen sie | schaffen Geld bei Kreditvergabe |
Neoklassik im Detail
Im Grundmodell gilt die Quantitätstheorie des Geldes: Eine größere Geldmenge senkt den Wert jeder einzelnen Geldeinheit. Mehr Geldmenge führt zu Geldentwertung (Inflation). Die Zentralbank, die Geld schöpft, gilt als Hauptursache von Inflation.
VertiefungNeoklassik: relative Preise und Zinsen
Auf relative Preise hat Geld keinen Einfluss: Wenn sich alle Preise verdoppeln, bleibt das Verhältnis zwischen Semmel und Kornspitz gleich.
Eine zweite Ursache für Instabilität liegt im Bankensektor: Bei zu niedrigem Zins werden zu viele Kredite vergeben (Inflation), bei zu hohem Zins droht Deflation. Gute Geldpolitik hält den Zins auf „natürlichem“ Niveau, damit Sparen = Investieren gilt, und stört die Tauschwirtschaft nicht. Gegen Inflation: Geld verknappen, Zinsen erhöhen.
Sozioökonomik und (Post-)Keynesianismus
Hier wird Geld nicht als Ware gesehen. Mehrere Denker:innen stehen dafür:
VertiefungVertrauen und Schuldenerlässe
Wie wichtig Vertrauen ist, zeigt sich, wenn es schwindet: Eine Geldkrise wird rasch zur Wirtschafts- und Sozialkrise. Deshalb gab es historisch immer wieder Schuldenerlässe, um Spannungen abzubauen.
Prüfungsfallen:
5 Kreditgeld, Zentralbank und Geldwert ★★★
Kreditgeld
Kreditgeld: Geld, das Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe schaffen. Sie schreiben den Betrag auf dem Konto der Kundschaft gut, und die Geldmenge steigt sofort.
Staat, Zentralbank, Geldwert
VertiefungGeld, Macht und Souveränität
Aus (post-)keynesianischer Sicht entstand Geld als Kredit von Gläubigern. Besonders vertrauenswürdig war es, wenn eine politische Autorität es ausgab. Geld hängt eng mit Souveränität, Steuern und politischer Kontrolle zusammen. Die Geschichte des Geldes ist auch ein Kampf um Macht zwischen Herrschern und Geldgebern.
VertiefungWohin neues Geld fließt
Neues Geld kann (i) in die Realwirtschaft fließen, (ii) in Konsum oder (iii) in Spekulation. In der neoliberalen Globalisierung floss viel in Finanz- und Immobilienmärkte. Die Spekulationsblasen platzten 2000 (Dot-Com) und 2008 (Immobilien).
Prüfungsfallen:
6 Markt ★★
Märkte wirken wie etwas Natürliches. Dieser Abschnitt zeigt, dass sie gemacht, begrenzt und von Macht geprägt sind.
Was ist ein Markt?
Umgangssprachlich: Kaufende und Verkaufende mit Wahlfreiheit und Wettbewerb. Aber beides gibt es auch ohne Markt, etwa beim Griff ins eigene Bücherregal oder beim Sport.
Hodgson nennt sechs Mindestkriterien eines Marktes:
Mythische Märkte
Mythische Märkte: Beziehungen, die als Markt analysiert werden, obwohl sie keine Markttransaktionen sind (Begriff von Hodgson).
Die Neoklassik behandelt fast alles als Markt: Partnerbörsen, einen „Markt der Ideen“, einen „politischen Markt“.
VertiefungWarum das keine echten Märkte sind
Märkte sind eingebettet
Märkte sind nie allumfassend. Ihre Grundlagen liegen außerhalb: Eigentumsrechte, Vertragsfreiheit, Vertrauen. Der Staat sichert sie, selbst im marktliberalen Leitbild. Manche Dinge dürfen nicht handelbar sein: Würden Urteile an den Meistbietenden verkauft, wäre die Rechtssicherheit dahin.
Die Sozioökonomik folgert: Märkte sind sozial konstruiert, politisch geschaffen und machtgeprägt. Jeder Markt folgt bestimmten Regeln. „Freie“ Märkte nennt sie marktliberal regulierte Märkte.
VertiefungGeschichte der Märkte
Prüfungsfallen:
7 Unternehmen ★
Märkte bringen Gleichheit unter Zahlungsfähigen. Unternehmen sind dagegen hierarchisch: Es gibt Befehle, Belohnungen, Disziplin und Kündigungen.
Rechtsformen
| Merkmal | Einzelunternehmen | Kapitalgesellschaft |
|---|---|---|
| Eigentum | Unternehmer:in selbst | Kapitalgeber:innen |
| Leitung | Eigentümer:in | getrennt vom Eigentum |
| Haftung | unbeschränkt | beschränkt |
Das Einzelunternehmen verkörpert das Bild des Entrepreneurs, der riskiert. Kapitalgesellschaften gelten rechtlich als juristische Personen, können also selbst Rechte und Pflichten haben.
Intra-firm trade, Aktien, Plattformen
Intra-firm trade: Handel innerhalb eines Unternehmens (zwischen Tochterfirmen oder fest eingebundenen Zulieferern). Er macht rund 80 % des Welthandels aus.
Aktie: Finanzeigentum. Sie gibt keine Verfügungsmacht über Produktionsmittel, sondern einen Anspruch auf Auszahlungen. Aktionär:innen sind Rentiers und eignen sich Werte an.
Plattformunternehmen: Unternehmensform des 21. Jahrhunderts: vernetzte Marktplätze, die als Vermittler Renten abschöpfen, z. B. einen Prozentsatz je Transaktion.
VertiefungGeschichte der Kapitalgesellschaft
VertiefungKonzerne sind wie Staaten
Heute gelten private Vorrechte gleich für Menschen und für Konzerne. Die Folgen sind aber sehr verschieden.
Transnationale Konzerne ähneln eher Staaten als Einzelunternehmen. Sie erlassen als Private Regeln, die auch für Außenstehende gelten, und setzen sie durch. Möglich macht das ihr Eigentumsrecht. Damit wird der Sinn von Eigentum, Selbstbestimmung zu sichern, ausgehöhlt. Sie sind aber nur privaten, nicht demokratisch legitimierten Interessen verpflichtet. Macht verschiebt sich zu großen Unternehmen.
VertiefungWirtschaft im Unternehmen, Rentiers und Daten
Der Großteil des Welthandels beruht auf administrativen Entscheidungen in Konzernen, nicht auf Marktpreisen. Ziel ist, den Shareholder Value zu maximieren, notfalls auch durch Monopolbildung. Zulieferer sind ganz (Tochterfirma) oder teilweise (Langzeitvertrag) integriert, das gibt Kontrolle.
Aktionär:innen besitzen nicht das Unternehmen selbst, sondern Ansprüche auf dessen Erträge. Aktien lassen sich handeln, verkaufen und vererben, ohne dass sich der Betrieb ändert.
Das Geschäftsmodell der Plattformen beruht darauf, private Daten zu sammeln, zu Privateigentum des Unternehmens zu machen und zu verkaufen, für kommerzielle oder politische Zwecke.
Prüfungsfallen:
8 Innovation ★★
Innovation klingt immer positiv. Dieser Abschnitt zeigt, wie sich der Begriff verengt hat und wie die Leitbilder Innovationspolitik verschieden gestalten.
Schumpeter: schöpferische Zerstörung
Schöpferische Zerstörung: Damit Neues entsteht, muss Altes enden (Joseph Schumpeter).
Schumpeter meinte vor allem neue Produkte und Produktionsmethoden. Beispiel: Als Streaming sich durchsetzte, verschwanden die Videotheken. Das Neue verdrängt das Alte, und genau das treibt den Wandel an.
Technik und Gesellschaft
Schon Schumpeter betonte, dass sich Innovationen je nach Rahmenbedingungen unterschiedlich entfalten.
VertiefungWandel des Innovationsbegriffs
VertiefungSharing Economy
Sharing Economy (Teilen von Wohnungen oder Autos) verspricht Ressourcenschonung. Studien sind uneindeutig, die Rahmenbedingungen entscheiden. Unter marktliberalen Regeln kann Zimmervermietung Wohnraum für Einheimische verknappen. Ein Carsharing kann sogar Öffis statt Privatautos ersetzen.
Innovationspolitik der drei Leitbilder
| Leitbild | Ansatz |
|---|---|
| Marktliberal | technologieneutral: Steuererleichterungen, Forschungsförderung; Staat setzt nur Ziele, Markt entscheidet |
| Wohlfahrtskap. | missionsorientiert (Mazzucato): öffentlich gesteuert für gesellschaftliche Ziele; systemische Effizienz |
| Postwachstum | konviviale Technologien, soziale Innovationen, Exnovation |
Marktliberal: Gefördert werden Unternehmen und Unternehmergeist, nicht bestimmte Technologien. Beispiel Emissionshandel: Der Staat setzt das Ziel, der Markt sucht den Weg.
Missionsorientiert (Mariana Mazzucato): Gesellschaftliche Herausforderungen werden wie ein großes Projekt (die „Mondfahrt“ der 1960er) angegangen. Öffentliche Unterstützung mit Geld, Wissen und Vernetzung erhöht die systemische Effizienz.
Postwachstum: Innovation darf nicht auf Technik reduziert werden.
VertiefungWarum missionsorientierte Politik den Staat braucht
Exnovation
Exnovation: Das gezielte Beenden oder Einschränken von Praktiken, Produkten oder Technologien, die nicht zu den gewünschten Zielen passen.
Oft ist der erste Schritt ein Verbot oder Rückbau von Produkten und Infrastrukturen. Erst dann entstehen nachhaltige Formen der Bedürfnisbefriedigung. Die pragmatisch-institutionelle Variante des Postwachstums betont sie besonders.
Einfach erklärt: Neues braucht Platz: Solange man Ölheizungen weiter fördert, kann kaum Wärmepumpen im großen Stil durchsetzen. Erst mit dem Auslaufen der alten Technik wird Platz für die neue. Meist wehren sich dagegen Machtkomplexe, vor allem der fossile.
Prüfungsfallen:
9 Arbeit ★★
Was als Arbeit gilt und wie sie organisiert ist, hat sich stark verändert. Daran hängt, was Wirtschaftswissenschaften sehen und was nicht.
Lohnarbeit
Im Industriekapitalismus wird Arbeit zur Lohnarbeit: unselbständige Erwerbsarbeit und Grundlage der Mehrwertproduktion. Arbeitskraft wird zur Ware, die Arbeiter:innen an Eigentümer:innen von Produktionsmitteln verkaufen.
Taylorismus und Fordismus
Die Produktivität stieg, aber auch die Entfremdung: Die Arbeitenden haben keinen Einfluss auf Form und Ziele ihrer Arbeit und besitzen weder Arbeitsmittel noch Produkte.
Produktion und Reproduktion
Städte wurden Orte der Produktion (industriell) und der Reproduktion (Sorge- und Hausarbeit, die die Arbeitskraft „wiederherstellt“). Dazu kam die geschlechtliche Arbeitsteilung: Männer in der Erwerbsarbeit, Frauen als Hausfrauen. Das ist das Ernährermodell.
Die koloniale Arbeitsteilung sicherte die Rohstoffe aus dem Süden für die Industrialisierung des Nordens.
Drei Perspektiven
| Neoklassik | Sozioökonomik | Feministische Ökonomik |
|---|---|---|
| Arbeit ist Produktionsfaktor und Ware am Arbeitsmarkt | Arbeit ist keine normale Ware, sondern fiktive Ware | Auch Reproduktion ist Arbeit |
| Lohn durch Angebot und Nachfrage | Nicht für den Verkauf produziert, gehört zum Leben | Reduktion auf Erwerbsarbeit greift zu kurz |
Marilyn Waring: Grundlegende Tätigkeiten wie unbezahlte Sorge- und Hausarbeit fehlen in BIP und BNE, obwohl Gesellschaft und Märkte ohne sie nicht funktionieren.
VertiefungGeschichte der Arbeit
VertiefungKonstante Grundstruktur der Lohnarbeit
Technik und Lebensweise wandelten sich stark, die kapitalistische Grundstruktur blieb erstaunlich konstant: Lohnarbeit ist die zentrale Einkommensquelle und bestimmt den Zugang zu Geld und Teilhabe.
VertiefungErweitertes Arbeitsverständnis
Auch politisches Tätig-Sein (deliberative und partizipative Prozesse) ist eine erweiterte Form von Arbeit. Viele ökonomische Ansätze behandeln dagegen nur Erwerbsarbeit als Norm. Zukunftsfähiges Wirtschaften braucht ein erweitertes Arbeitsverständnis.
Prüfungsfallen:
10 Gesellschaftliches Naturverhältnis ★
Dieses Konzept hinterfragt, ob Mensch und Natur wirklich getrennt sind. Es ist die Grundlage für das Verständnis von Nachhaltigkeit.
Dualismus und die Schutzbegriffe
Dualismus: Im westlichen Denken stehen Mensch und Gesellschaft auf der einen Seite, Natur als „nicht von Menschen gemachter Bereich“ auf der anderen.
| Begriff | Im Mittelpunkt | Hintergrund |
|---|---|---|
| Naturschutz | Natur um ihrer selbst willen (Eigenwert) | Romantik, 19. Jh.; Naturparks, Artenvielfalt |
| Umwelt- und Klimaschutz | der Mensch und sein Umfeld | Gesundheit, menschengerechtes Klima |
Beide können in Konflikt geraten, etwa bei Protesten gegen Wind- oder Wasserkraftwerke im Namen des Naturschutzes. Beide teilen aber den Dualismus: Natur oder Umwelt erscheinen als eigene Sphäre außerhalb der Gesellschaft.
Das Konzept
Gesellschaftliches Naturverhältnis: Die historisch spezifische Art, wie Gesellschaften mit Natur umgehen: wie sie Natur aneignen (Energie, Ernährung), verändern (Landschaften) und symbolisieren (Naturbilder, Theorien).
Es kritisiert die Trennung von biophysischen Prozessen und sozioökonomischen Systemen. Umwelt ist eigentlich Mitwelt, denn Menschen sind Teil der Natur.
Marx: Das Bild des Stoffwechsels (Metabolismus) zwischen Mensch und Natur. Wie im Körper werden Stoffe aufgebaut, abgebaut, ersetzt und erhalten. Arbeit steuert und vermittelt diesen Stoffwechsel.
VertiefungVerschwimmende Grenzen zwischen Natur und Kultur
Die Grenzen zwischen „natürlich“ und „menschengemacht“ verschwimmen: Landwirtschaft ist eine Kulturleistung. Naturschutzparks sind nicht „unberührt“, Straßen nicht vollkommen „künstlich“. Beides sind Formen eines gesellschaftlichen Naturverhältnisses.
Dialektik der Naturbeherrschung
Dialektik der Naturbeherrschung (Horkheimer und Adorno): Wer Natur beherrschen und sich von ihr lösen will, gerät gerade dadurch in neue Abhängigkeiten.
VertiefungFortschritt und neue Risiken
Westliches Fortschrittsdenken meint Emanzipation und Naturbeherrschung (fossile Brennstoffe, erneuerbare Energien, Geoengineering, industrielle Landwirtschaft).
Einerseits bringt Fortschritt mehr Wissen über Natur (z. B. Impfungen). Andererseits führt intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Dünger zu Artenverlust und neuen, schwer kontrollierbaren Risiken, auch durch neue Viren.