ZuWi · Kapitel 3/9

Wirtschaftsbereiche & gutes Leben

Teil 1 · Grundlagen16 Min. LesezeitRelevanz ★★
Auf einen Blick
  • Sozioökonomik ist interdisziplinär, hat keinen unbestrittenen Wissenskanon und bindet über Transdisziplinarität die Praxis ein. Max Weber vermittelte im Methodenstreit.
  • Polanyis vier Bereitstellungsformen: Haushaltung, Gegenseitigkeit (unter Bekannten), Umverteilung (über ein Zentrum), Markthandel. Reale Wirtschaften sind gemischt.
  • Vier Wirtschaftsbereiche: unbezahlter Sektor, Grundversorgungsökonomie, erweiterte Nahversorgung, weltmarktorientierte Ökonomie. Die ersten drei bilden die Alltagsökonomie.
  • Grundversorgung folgt systemischer Effizienz, Versorgungssicherheit und Resilienz, nicht der Punkt-Effizienz. Renten sind leistungslose Einkommen, Rentiers sind value takers.
  • Das BIP hat fünf Schwächen, u. a. fehlende unbezahlte Arbeit, keine Bestände, keine Verteilung. Alternativen: Residualeinkommen, HDI (Komponenten austauschbar), Zeitverwendungsstudien.
  • Ökologische Indikatoren: konsumbasierte statt produktionsbasierte Emissionen, ökologischer Fußabdruck (1,6 gha pro Person verfügbar), neun planetare Grenzen mit Kipppunkten.
  • SDGs: 17 Ziele, keine Sanktionen, Zielkonflikte. Donut-Modell: soziales Fundament und ökologische Decke getrennt dargestellt; kein Land schafft beides.
Inhalt11 Abschnitte
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1 Sozioökonomik ★★

Sozioökonomik ist die Wissenschaft hinter diesem Ansatz. Du musst wissen, was sie ausmacht, wie sie sich von der Neoklassik unterscheidet und warum sie auf Offenheit setzt.

Was ist Sozioökonomik?

Sozioökonomik: Interdisziplinäre Wirtschaftswissenschaft, die verschiedene ökonomische Theorieschulen verwendet und mit anderen Disziplinen verbindet.

Dazu zählen Soziologie, Politikwissenschaft, Geografie, Geschichte, Agrar- und Erdwissenschaften sowie Mischfächer wie die soziale und politische Ökologie.

Einfach erklärt: Nimm ein Kaffeehaus. Die Ökonomin sieht Preise, Umsatz und Nachfrage. Der Soziologe sieht Stammgäste, ungeschriebene Regeln und wer am Tisch das Sagen hat. Beide Blicke sind nötig, sonst fehlt entweder die Dynamik der Märkte oder die Macht dahinter.

Ohne soziologische Sicht wirken Märkte wie eigenständige Akteure und die ungleiche Macht bleibt unsichtbar. Märkte sind keine Naturgegebenheit: Sie werden gesellschaftlich gemacht, durch Politik geschaffen und sind von Macht durchzogen.

Abgrenzung zur Neoklassik

An vielen Universitäten wird vor allem die Neoklassik mit mathematischer Problemlösung gelehrt. Ihre Stärke sind logisch widerspruchsfreie Modelle. Die Kritik der Sozioökonomik:

Der Fokus auf Marktgleichgewichte erweckt den Eindruck, es gebe immer optimale, berechenbare Lösungen.
Diese gelten meist nur unter ceteris paribus ("sonst gleiche Bedingungen"). In offenen Systemen und Umbruchszeiten bleibt aber nichts gleich.
Der Formalismus verkennt komplexe Phänomene als berechenbare Risiken.

Die Sozioökonomik hat dagegen keinen unbestrittenen Common Body of Knowledge, also keinen von allen geteilten Kanon an Konzepten, Theorien und Methoden. Gerade das ist in Umbruchszeiten ihre Stärke: Sie bleibt offen für neue Lösungen. Ihre Konzepte gelten als historisch veränderlich, in der Neoklassik dagegen als allgemeingültig und ahistorisch.

Prüfungsfalle: Die Sozioökonomik hat keinen festen Wissenskanon. Gerade die Offenheit gilt als Stärke.
Prüfungsfalle: Erwerbsarbeit allein reicht der Sozioökonomik nicht. Auch unbezahlte Arbeit trägt zu einer funktionierenden Wirtschaft bei, obwohl sie im BIP fehlt.
Prüfungsfalle: Die Sozioökonomik hat ein inhaltliches, nicht ein formales Verständnis von Wirtschaft (siehe Abschnitt 2). Das formale Verständnis gehört zur Neoklassik.

VertiefungMethodenstreit und Max Weber

Um 1900 gab es Bemühungen, die Sozioökonomik zur eigenen Disziplin zu machen. Im Methodenstreit standen sich gegenüber:

formale, mathematische Ansätze (v. a. Neoklassik)
kontextbezogene Theorien der Deutschen Historischen Schule

Max Weber, einer der Begründer der Sozioökonomik, vermittelte: Er kombinierte Methoden, um Probleme bestmöglich zu verstehen.

VertiefungArbeitsweise und sozialökologische Weiterentwicklung
Forschungsdesign und Methoden richten sich nach dem Forschungsobjekt, dem untersuchten Phänomen.
Problematisierung: Tiefere Ursachen suchen, um Veränderungspotenziale zu finden.
Transdisziplinarität: Praxis (Verwaltung, Unternehmen, Betroffene, Zivilgesellschaft) wird in die Forschung eingebunden, um Veränderungen nicht nur zu verstehen, sondern zu gestalten.
Widersprüche der Wirklichkeit werden analysiert (Wirtschaften schafft Wohlstand und Hunger). Logische Widersprüche, also Denkfehler, vermeidet man.

Menschen sind auch biophysische Wesen. Wirtschaft beruht nicht nur auf sozialen Beziehungen, sondern auch auf gesellschaftlichen Naturverhältnissen (Mensch-Natur-Beziehungen). Daher soll sich die Sozioökonomik zur sozialökologischen Ökonomik entwickeln.

2 Wirtschaft inhaltlich verstehen: Polanyis Bereitstellungsformen ★★

Karl Polanyi liefert das Grundgerüst, mit dem sich Wirtschaft jenseits von Märkten beschreiben lässt.

Formal vs. inhaltlich

FormalInhaltlich
Wirtschaften heißtZweckrational, nutzenmaximierend auf Märkten bei KnappheitIn Gemeinwesen und Natur eingebettet, Lebensgrundlagen bereitstellen
Zugehörig zuNeoklassikSozioökonomik

Das formale Verständnis reduziert Wirtschaften auf Marktwirtschaften. Haus- und Sorgewirtschaft sowie öffentliche Bereitstellung kommen nur am Rand vor. Zweckrationalität optimiert, fragt aber nicht, was warum und für wen optimiert wird.

Wirtschaft besteht aus Institutionen mit unterschiedlichen Logiken: Ein öffentliches Spital arbeitet anders als ein Industriebetrieb.

Die vier Bereitstellungsformen

Vier Bereitstellungsformen nach Polanyi: Haushaltung (oben links), Gegenseitigkeit (oben rechts), Umverteilung (unten links), Markthandel (unten rechts).HaushaltungGegenseitigkeit (Reziprozität)Umverteilung (Staat)Markthandel
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Vier Bereitstellungsformen nach Polanyi: Haushaltung (oben links), Gegenseitigkeit (oben rechts), Umverteilung (unten links), Markthandel (unten rechts).
FormPrinzipBeispiel
HaushaltungSelbstversorgung in Familie und HaushaltKochen, Putzen, Pflege Angehöriger
Gegenseitigkeit (Reziprozität)Geben und Nehmen, lokal, unter BekanntenNachbarschaftshilfe, Verein
Umverteilung (Redistribution)Ressourcen fließen zu einem Zentrum und werden verteiltSteuerfinanzierte Schule, Pension
MarkthandelTausch zu Marktpreisen, Gewinn- und ZahlungslogikSupermarkt

Reale Ökonomien sind immer gemischte Wirtschaften. Nicht alle Lebensbereiche eignen sich dazu, zur handelbaren Ware gemacht zu werden.

Prüfungsfalle: Geben und Nehmen unter Bekannten ist Gegenseitigkeit, nicht Umverteilung. Umverteilung läuft über ein Zentrum (z. B. den Staat) und meist zwischen Unbekannten.
Prüfungsfalle: Die vier Bereitstellungsformen (Polanyi) sind nicht dasselbe wie die vier Wirtschaftsbereiche (Foundational Economy Collective). Das sind zwei getrennte Einteilungen.

VertiefungMerkpunkte zu den Formen
Haushaltung geht auf den griechischen Oikos zurück.
Gegenseitigkeit läuft außerhalb von Markt und Staat.
Umverteilung findet innerhalb politischer Territorien statt, oft zwischen einander Unbekannten.
Markthandel ist der kommodifizierte Bereich.

3 Vier Wirtschaftsbereiche: Überblick und Grundversorgung ★★★

Die Wirtschaft wird nach dem Foundational Economy Collective (FEC) in vier Bereiche gegliedert. Wichtig ist die Idee: Der Kapitalismus ist nicht alles. Daneben gibt es Bereiche mit anderer Logik.

Einordnung

Im Kapitalismus (Privateigentum, Märkte, Profitmotiv, Lohnarbeit) verschwinden andere Bereiche nicht, z. B. öffentliche Gesundheit und unbezahlte Hausarbeit. Öffentliche Bereitstellung ist sogar Voraussetzung für Marktaktivität: Gesunde, gebildete Arbeitskräfte fallen nicht vom Himmel.

Einfach erklärt: Aus feministischer Sicht ist der Marktbereich nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter liegt die unsichtbare Arbeit, die ihn trägt.

Die Bereiche im Überblick

BereichInhaltDominante Form
1 Unbezahlter SektorSorge-, Hausarbeit, EhrenamtHaushaltung, Gegenseitigkeit
2 GrundversorgungsökonomieDaseinsvorsorge, grundlegende NahversorgungUmverteilung
3 Erweiterte NahversorgungHandwerk, Gastronomie, KulturMarkthandel
4 Weltmarktorientierte ÖkonomieInternational handelbare GüterMarkthandel, Intra-Firm-Trade

Alltagsökonomie = Bereich 1 + 2 + 3. Nur Bereich 4 liegt außerhalb.

1 Unbezahlter Sektor

Er umfasst unbezahlte Sorge- und Hausarbeit sowie ehrenamtliche Tätigkeiten im Haushalt, in der Nachbarschaft, in Vereinen und in der Zivilgesellschaft.

Gemessen an der Arbeitszeit ist er der größte Wirtschaftsbereich. In Österreich werden hier etwa so viele Stunden geleistet wie in der gesamten bezahlten Arbeit.
Frauen leisten rund 75 % dieser unbezahlten Arbeitszeit. Bei Berufstätigen führt das zur Doppelbelastung.

2 Grundversorgungsökonomie

Sie sichert gemeinsam mit dem unbezahlten Sektor das tägliche Überleben. Sie hat zwei Teile:

Daseinsvorsorge: Juristischer Schlüsselbegriff für die Bereitstellung lebensnotwendiger Güter und Dienste: Strom, Wasser, Müllabfuhr, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Bildung. Sie wirkt über Infrastrukturen und kollektiven Konsum, oft (nicht immer) durch öffentliche Einrichtungen.
Grundlegende Nahversorgung: Lebensmittelproduktion und -handel, Drogerien, Apotheken, auch Geschäftsbanken.

Typisch:

Territorial und binnenwirtschaftlich organisiert, großteils öffentlich reguliert, auf materiellen und wohlfahrtsstaatlichen Infrastrukturen aufgebaut.
Wichtig sind Versorgungssicherheit, Resilienz (Widerstandsfähigkeit) und Zugang für alle. Dafür braucht es Reserven, Puffer und Redundanzen.
Es gilt die systemische Effizienz.

Prüfungsfalle: Den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten Frauen, nicht Männer.
Prüfungsfalle: Die Grundversorgung folgt nicht vorrangig der Punkt-Effizienz und muss nicht kostenneutral arbeiten.
Prüfungsfalle: Auch im Kapitalismus gibt es Bereiche mit nicht kapitalistischer Logik (unbezahlte Arbeit, öffentliche Bereitstellung).

VertiefungZahlen zur Grundversorgung und Covid

In Österreich macht die Grundversorgungsökonomie rund 43 % der Bruttowertschöpfung und 44 % der Beschäftigung aus (Daten 2018), dazu etwa 31 % der Bruttoanlageinvestitionen.

In den Covid-Lockdowns wurden unbezahlte Sorgearbeit, Daseinsvorsorge und Nahversorgung nicht stillgelegt, weil sie das Überleben sichern.

4 Erweiterte Nahversorgung und Weltmarktökonomie ★★★

Die beiden marktwirtschaftlichen Bereiche: einer für lokale Komfortgüter, einer für den Weltmarkt.

3 Erweiterte Nahversorgung

Ein marktwirtschaftlicher, binnenorientierter Bereich für individuelle Komfortgüter: Handwerk und Gewerbe, lokale Reparaturen, Einzelhandel jenseits des Alltagsbedarfs (z. B. Möbel, Kleidung), Gastronomie, Kultur.

Überleben ist noch kein gutes Leben: Hier entstehen Güter, die nicht lebensnotwendig, aber gesellschaftlich und kulturell wichtig sind. Was dazu zählt, ist historisch veränderlich und beruht auf gesellschaftlichen Bewertungen.

4 Weltmarktorientierte Ökonomie

Sie produziert international handelbare Güter und Dienste, v. a. Komfort- und Luxusgüter, aber auch Vorleistungen für die Alltagsökonomie (z. B. Eisenbahnen, Halbleiter, medizinische Geräte).

Kernbereich der kapitalistischen Wirtschaftsweise
Hier gibt es die größten Effizienzsteigerungen, aber auch hohe Emissionen und hohen Ressourcenverbrauch.
Braucht globale Logistik und raumüberwindende Infrastrukturen. Wachstum und Profitmaximierung sind meist nötig, um die Marktposition zu halten.
Profitiert besonders von Subventionen (Steuererleichterungen, Export- und Forschungsförderung).
VertiefungMarktmacht und Herkunft des Weltmarkts
Transnationale Unternehmen sind oft marktbeherrschend, Klein- und Mittelbetriebe liefern zu oder besetzen Nischen.
Fernand Braudel: Der Bereich entstand aus dem Fernhandel und war immer politisch und militärisch gestützt.

5 Effizienz und Renten ★★

Zwei Begriffe, die oft verwechselt oder falsch zugeordnet werden.

Punkt-Effizienz vs. systemische Effizienz

Punkt-Effizienz: Einmaliger optimaler Mitteleinsatz, also Kostenminimierung bei der unmittelbaren Leistungserstellung. Das ist ein Konzept der Mikroökonomik.

Systemische Effizienz: Langfristig bestmöglicher Mitteleinsatz unter Einbeziehung des Gesamtsystems (Makroeffizienzlogik).

Einfach erklärt: Eine Volksschule kann mit möglichst wenigen Lehrpersonen auskommen (Punkt-Effizienz). Oder sie investiert in kleine Klassen und Förderung, damit später weniger Kinder Nachhilfe, Wiederholungen oder Sozialleistungen brauchen (systemische Effizienz).

In der Grundversorgung zählt die systemische Effizienz, weil lebenswichtige Leistungen auch in Krisen verlässlich da sein müssen.

Renten und Rentiers

Rente: Markteinkommen, dem keine angemessene Gegenleistung gegenübersteht, also ein leistungsloses Einkommen.

Renten können in allen bezahlten Bereichen abgeschöpft werden. Typisch sind:

der FIRE-Sektor (Finance, Insurance, Real Estate): Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft
Erträge aus Patenten und Lizenzen
Bodenwertsteigerungen

Value makers vs. value takers (Mariana Mazzucato): Value makers erschaffen Werte, value takers (Rentiers) eignen sich Werte an, die andere erzeugt haben. In allen vier Wirtschaftsbereichen überwiegen die Schöpfenden.

Prüfungsfalle: Eine Rente im ökonomischen Sinn ist kein Altersbezug, sondern ein Einkommen ohne Gegenleistung.

VertiefungBodenwertsteigerung und Kritik an Rentiers

Der Wert eines Grundstücks steigt oft durch öffentliche Investitionen (neuer Park, neue U-Bahn), obwohl die Eigentümer nichts beitragen. Sie schlagen den Zuwachs teils auf die Mieten auf.

Schon die Klassik kritisierte die Bodenrente als Monopolpreis für Boden, und Keynes trennte Entrepreneurs von Rentiers.

6 Gutes Leben und das BIP ★★★

Transformationen verändern auch die Vorstellungen vom guten Leben. Hier geht es darum, wie wir Wohlstand messen und warum das BIP dafür nicht reicht.

Gutes Leben als Ziel

Eudaimonia: Begriff von Aristoteles für eine gelungene Lebensführung des Einzelnen in einem Gemeinwesen (Polis).

Im Wohlfahrtskapitalismus nach 1945 galt als klar, was ein gutes Leben ist: Wohlstand, Sicherheit, Aufstieg. Heute geht es um soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit zugleich.

2015 verpflichtete sich die Staatengemeinschaft mit SDGs und Pariser Klimaabkommen darauf, allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, ohne die Belastungsgrenzen zu sprengen. Das Handeln reicht bisher nicht aus, aus zwei Gründen:

Beharrende Machtkomplexe profitieren vom Status quo.
Es ist unklar, was ein gutes Leben ausmacht und wie man es misst.

BIP und BNE

BIP (Bruttoinlandsprodukt): Geldwert aller in einem Land hergestellten Waren und Dienstleistungen.

BNE (Bruttonationaleinkommen): Geldwert dessen, was die Bewohnenden eines Landes im In- und Ausland herstellen.

Beide messen Zahlungsströme (am Markt gehandelt oder vom Staat bereitgestellt). Die Debatte über Alternativen heißt Beyond GDP.

Fünf Schwächen von BIP und BNE

1Unbezahlte Arbeit (Haus-, Sorgearbeit) fehlt, weil kein Geld fließt.
2Wohlstandsmindernde Aktivitäten zählen positiv. Die Beseitigung von Sturmschäden erhöht das BIP.
3Es wird nicht zwischen Wirtschaftsbereichen unterschieden. Rüstung und Gesundheitswesen zählen gleich, egal wie sie zum Wohlbefinden beitragen.
4Es gibt nur Flussgrößen, keine Bestände. Öffentliches Vermögen oder intakte Naturräume tauchen nicht auf. Ein Unternehmen bilanziert dagegen beides.
5Als Durchschnitt pro Kopf sagt es nichts über die Verteilung im Land.

Prüfungsfalle: Das BIP erfasst keine unbezahlte Sorgearbeit, auch wenn sie für das Wirtschaften unverzichtbar ist.

VertiefungWarum das BNE oft bevorzugt wird

Das BNE pro Kopf wird zunehmend bevorzugt, weil das BIP auch Gewinne enthält, die ins Ausland fließen.

7 Präferenzen und Bedürfnisse ★★★

Das BIP beruht auf Präferenzen. Beyond-GDP-Ansätze setzen dagegen auf objektive Bedürfnisse.

PräferenzenGrundbedürfnisse
UmfangUnbeschränktBeschränkt
ArtWerden gewolltWerden gebraucht
MaßstabSubjektivObjektiv, für alle gleich

Das BIP beruht auf Präferenzen: Wert zeigt sich am Preis, den Menschen zahlen wollen. Das soll Wertneutralität sichern und entspricht negativer Freiheit (möglichst viele Wahlmöglichkeiten). Beyond-GDP-Ansätze gehen darüber hinaus und verwenden objektive Kriterien:

Befähigungsansatz (capability approach, Amartya Sen, weiterentwickelt von Martha Nussbaum): Grundlegende Verwirklichungschancen, z. B. körperliche Gesundheit, Zugehörigkeit, Spielen und Lachen, Kontrolle über das eigene Leben.
Theorie menschlicher Bedürfnisse (Ian Gough und Len Doyal): Universelle Bedürfnisse, z. B. angemessene Ernährung, Gesundheitsversorgung, wirtschaftliche Sicherheit.

Politische Aufgabe ist dann, Institutionen und Infrastrukturen zu stärken, die das für alle sichern (positive Freiheit).

Einfach erklärt: Ein neues Smartphone willst du. Wasser, Essen und medizinische Hilfe brauchst du. Wollen lässt sich beliebig steigern, Brauchen hat ein Maß.

VertiefungWas an Präferenzen übersehen wird

Das BIP wurde ursprünglich in der Kriegswirtschaft entwickelt. Übersehen wird:

Präferenzen werden gesellschaftlich produziert (Druck, Statuswettbewerb, Werbung).
Unbeschränkte Wahlfreiheit kann die Bedürfnisse künftiger Generationen und anderer Weltregionen untergraben.

8 Beyond-GDP-Indikatoren ★★★

Drei Alternativen zum BIP. Sie folgen dem erweiterten Verständnis von gutem Leben.

Residualeinkommen

Residualeinkommen: Verfügbares Haushaltseinkommen nach Steuern, inklusive Transfers (z. B. Wohnzuschüsse, Kinder- und Arbeitslosengeld), abzüglich der unvermeidbaren Kosten für Güter des Alltags: Wohn- und Betriebskosten, Lebensmittel, Verkehrsmittel.

Es berücksichtigt privaten Konsum (Kauf am Markt) und kollektiven Konsum (Bedürfnisdeckung über materielle und wohlfahrtsstaatliche Infrastrukturen).

Einfach erklärt: Zwei Menschen verdienen gleich viel. Die eine wohnt in einer teuren Mietwohnung und braucht ein Auto, der andere hat eine günstige Gemeindewohnung und guten Nahverkehr. Der zweite hat mehr Spielraum, obwohl der Lohn gleich ist. Das Residualeinkommen zeigt genau diesen Unterschied.

HDI (Human Development Index)

HDI: Index für menschliche Entwicklung, der drei Dinge verbindet:

1Einkommen (gemessen am BNE)
2Gesundheit (Lebenserwartung bei der Geburt)
3Bildung (durchschnittliche und voraussichtliche Schulbesuchsdauer)

Er wird seit 1990 jährlich im Human Development Report veröffentlicht. Schwächen:

Er ignoriert Ungleichheit innerhalb eines Landes.
Die Komponenten sind substituierbar: Dieselbe Punktzahl lässt sich mit verschiedenen Kombinationen erreichen. Eine kürzere Lebenserwartung kann man aber schwer durch mehr Einkommen ausgleichen.

Prüfungsfalle: Beim HDI sind die Komponenten austauschbar. Genau das ist ein Kritikpunkt.

Zeitverwendungsstudien

Sie erfassen, wie Menschen ihre Zeit auf Erwerbsarbeit, unbezahlte Tätigkeiten, Freizeit usw. aufteilen. Arbeit wird in Zeit statt Geld gemessen. Das zeigt die ungleiche Verteilung von Zeitwohlstand.

VertiefungDie Kette der Ungleichheit
1Gender Care Gap: Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit.
2Zusammen mit dem Gender Pay Gap (Lohnunterschied) führt das im Alter zum
3Gender Pension Gap (Pensionsunterschied).

9 Ökologische Indikatoren ★★★

Drei Messgrößen, die zeigen, wie stark Wirtschaften die Natur belastet. Fußabdruck und planetare Grenzen sind besonders prüfungsrelevant.

Treibhausgas-Emissionen

Treibhausgase (THG) wie CO₂, Methan und Stickoxide treiben die Erderhitzung. Sie dominieren die Umweltpolitik, lenken aber von anderen ökologischen Problemen ab.

ProduktionsbasiertKonsumbasiert
ErfasstWas im Territorium produziert wirdWas im Territorium konsumiert wird
ImporteNicht enthaltenEnthalten
VerwendetPariser AbkommenVon der Klimaforschung gefordert

Der globale Norden senkt seine produktionsbasierten Emissionen vor allem durch Auslagerung emissionsintensiver Industrien in den Süden (Deindustrialisierung). Konsumiert wird weiter im Norden, Umweltschäden und Gesundheitskosten wandern in ärmere Länder.

Prüfungsfalle: Das Pariser Abkommen misst produktionsbasierte Emissionen, nicht konsumbasierte.

Ökologischer Fußabdruck

Ökologischer Fußabdruck: Konsumbasierter Ressourcenverbrauch, ausgedrückt in der dafür nötigen biologisch produktiven Fläche.

Er wird mit der Biokapazität verglichen, also den nutzbaren Flächen (Wälder, Felder, Seen, Meere, bebaute Böden). Übersteigt der Fußabdruck die Biokapazität, spricht man von einem ökologischen Defizit. Weltweit stehen rechnerisch 1,6 globale Hektar (gha) pro Person zur Verfügung. Die meisten reichen Länder verbrauchen deutlich mehr.

VertiefungWelterschöpfungstag und grauer Fußabdruck
Welterschöpfungstag: Der Tag, an dem die Menschheit rechnerisch die Ressourcen für das ganze Jahr verbraucht hat. Danach lebt sie "auf Pump" zulasten künftiger Generationen. 2021 war das der 29. Juli (1970: 29. Dezember). Für Österreich lag er 2021 schon am 7. April.
Grauer Fußabdruck: Anteil aus Bau, Erhalt und Betrieb gemeinsamer Infrastrukturen (Verkehrswege, Geschäfte, Schulen, Spitäler). Er wird auf alle Bewohnenden gleich verteilt und begrenzt, wie viel Einzelne durch ihr Verhalten sparen können.

Planetare Grenzen

Planetare Grenzen: Naturwissenschaftliches Konzept von Belastungsgrenzen des Erdsystems, die nicht überschritten werden dürfen, damit der Planet gute Bedingungen für Menschen bietet.

Es gibt neun biophysische Prozesse, die miteinander wechselwirken (z. B. Klima, Süßwassernutzung).
Für jeden gibt es einen sicheren Handlungsraum, begrenzt durch Kipppunkte.
Ein Kipppunkt ist ein kritischer Grenzwert: Schon eine kleine zusätzliche Störung kann das ganze System qualitativ verändern. Danach kann sich vieles plötzlich beschleunigen, meist irreversibel.
Planetare Grenzen (Stand 2015): Grün = sicherer Bereich, Gelb = Risikozone (Klimawandel, Landnutzung), Rot = Grenze überschritten (genetische Vielfalt, Phosphor/Stickstoff). Grau schraffiert = Grenze noch nicht bestimmt.Genetische VielfaltKlimawandelLandnutzungPhosphor & Stickstoff
sicherer Bereicherhöhtes RisikoGrenze überschrittenGrenze noch nicht bestimmt
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Planetare Grenzen (Stand 2015): Grün = sicherer Bereich, Gelb = Risikozone (Klimawandel, Landnutzung), Rot = Grenze überschritten (genetische Vielfalt, Phosphor/Stickstoff). Grau schraffiert = Grenze noch nicht bestimmt.

Prüfungsfalle: Bei der Grafik der planetaren Grenzen zeigt die Farbe, ob eine Grenze überschritten ist. Wer nur zählt, wie viele Grenzen überschritten sind, sieht nicht, wie stark.

VertiefungSchwäche des Modells

Das Modell zeigt nur globale Grenzen. Regionen sind unterschiedlich betroffen, und arme Länder können sich schlechter schützen. Man spricht deshalb auch von ökologischen Belastungsgrenzen, bezogen auf konkrete Kontexte.

10 Integrierte sozialökologische Modelle ★★★

Hier kommen Soziales und Ökologie zusammen: Konzepte, die messen, ob alle gut leben können, ohne die Belastungsgrenzen zu sprengen.

Donut-Modell

Donut-Modell: Von der Ökonomin Kate Raworth entwickeltes Bild eines sicheren und gerechten Raums (safe and just space), in dem sich die Menschheit bewegen soll.

RingBedeutungArt der Grenze
InnenSoziales Fundament, Grundbedürfnisse gedecktMinimum
AußenPlanetare Grenzen eingehaltenMaximum
DazwischenSicherer und gerechter RaumZiel

Es zeigt, wie ein gutes Leben für alle ohne Überschreiten der Grenzen aussieht, und wie weit wir davon entfernt sind. Derzeit gibt es kein Land, das alle Grundbedürfnisse deckt, ohne die Grenzen der Tragfähigkeit des Planeten zu überschreiten.

Donut-Modell im Ländervergleich: links USA, rechts Sri Lanka. Hellblau = sicherer und gerechter Raum. Rot außen = ökologische Grenze überschritten, rot innen = soziales Fundament nicht erreicht. Kein Land schafft beides.USASri Lanka
sicherer & gerechter Raumaußen: ökologische Grenze überschritten · innen: soziales Fundament verfehlt
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Donut-Modell im Ländervergleich: links USA, rechts Sri Lanka. Hellblau = sicherer und gerechter Raum. Rot außen = ökologische Grenze überschritten, rot innen = soziales Fundament nicht erreicht. Kein Land schafft beides.

Prüfungsfalle: Das Donut-Modell ist kein einzelner Index. Es zeigt viele soziale und ökologische Indikatoren getrennt und rechnet sie nicht in eine Zahl um.
Prüfungsfalle: Der Donut kombiniert Minima (soziale Mindestwerte) mit Maxima (ökologische Höchstwerte).

SDGs

Die Sustainable Development Goals wurden 2015 von den Staatschefs der UNO-Mitglieder beschlossen und gelten bis 2030.

17 Ziele mit 169 Zielvorgaben, die über Indikatoren gemessen werden.
Ziel ist ein gutes Leben für alle (u. a. Armut, Hunger, Gesundheit, Bildung, Klima- und Meeresschutz) und auch dauerhaftes Wirtschaftswachstum (Ziel 8).
Keine Sanktionen: Wer die Ziele verfehlt, hat keine Folgen.
Zielkonflikte: Nicht alle Ziele sind gleichzeitig im gleichen Ausmaß erreichbar. Ein Ziel kann ein anderes behindern, etwa Wachstum (Ziel 8) den Klima- und Meeresschutz (Ziele 13 und 14).

Prüfungsfalle: Ein Zielkonflikt heißt, dass die Erreichung eines Ziels ein anderes behindert. Er bedeutet nicht, dass verschiedene Gruppen über den Weg streiten.
Prüfungsfalle: Ob ein Ziel deskriptiv oder normativ ist, hängt nicht davon ab, ob man es in Zahlen oder in Worten misst.

VertiefungBuen vivir und Brundtland
Buen vivir (Quechua: sumak kawsay, "gut leben"): Konzept aus dem globalen Süden mit indigener Weltsicht, in der Mensch und Natur eine Einheit sind. Es kennt Rechte der pachamama (Mutter Erde) und steht in den Verfassungen von Ecuador und Bolivien.
Der Brundtland-Bericht ("Our Common Future", 1987) verband Entwicklungs- und Umweltfragen. Er prägte den Begriff der nachhaltigen Entwicklung: Heutige Bedürfnisse sollen so befriedigt werden, dass künftige Generationen ihre eigenen befriedigen können.
VertiefungHDI und Fußabdruck zusammen

Verbindet man den HDI (menschliche Entwicklung) mit dem ökologischen Fußabdruck, zeigt sich: Kein Land hat zugleich eine "sehr hohe Entwicklung" (HDI ab 0,8) und einen Fußabdruck unter den verfügbaren 1,6 gha pro Person.

Der Zielkonflikt zwischen sozioökonomischem Fortschritt und ökologischen Grenzen ist ungelöst. Der hohe westliche Lebensstandard ist nicht verallgemeinerbar.

Checkliste: Das musst du können

Ich kann Sozioökonomik definieren und ihre Kritik an der Neoklassik erklären.
Ich kann Methodenstreit, Max Weber, Transdisziplinarität und sozialökologische Ökonomik einordnen.
Ich kann die vier Bereitstellungsformen nach Polanyi nennen und mit Beispielen unterscheiden.
Ich kann die vier Wirtschaftsbereiche beschreiben und sagen, was zur Alltagsökonomie zählt.
Ich kann Punkt-Effizienz und systemische Effizienz unterscheiden und zuordnen.
Ich kann Renten, Rentiers sowie value makers und value takers erklären.
Ich kann die fünf Schwächen des BIP nennen und Präferenzen von Bedürfnissen abgrenzen.
Ich kann Residualeinkommen, HDI und Zeitverwendungsstudien erklären.
Ich kann produktions- und konsumbasierte Emissionen, ökologischen Fußabdruck und planetare Grenzen unterscheiden.
Ich kann SDGs, Donut-Modell, Buen vivir und Brundtland-Bericht beschreiben.

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